Luftfahrtindustrie: Die Weltmacht Billig bröckelt

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Luftfahrtindustrie: Die Weltmacht Billig bröckelt

von Rüdiger Kiani-Kreß

Harte Zeiten für Schnäppchenjäger: Zwar scheint Auswahl bei den Billig-Airlines hoch und manche Angebot sehr günstig. Doch starker Wettbewerb und steigende Kosten bringen die Branche an ihre Grenzen. Für Passagiere wird es teurer.

Wer vor sechs Jahren mit Experten über die Zukunft der Billigflieger sprach, bekam überall ähnliche Antworten. So sagte etwa der damaligen JP-Morgan-Analysten Chris Avery: "Die Zukunft gehört Easyjet und Ryanair. Alle anderen spielen von ihrer Bedeutung mindestens eine Liga darunter und können nicht mehr aufsteigen." Weil die steigenden Kosten für Benzin und staatliche Gebühren nur die ganz großen Linien schultern könnten, so der Konsens, würden die Preise steigen müssen.

Und am Ende gebe es eine klare Arbeitsteilung: Easyjet werde die anspruchsvolleren Kunden bedienen, Ryanair die Geiztouristen und der Rest werde verschwinden. Auch die halbherzigen Versuche der etablierten Linien sich gegen die Preisbrecher mit eigenen Sparablegern zu wehren, seien chancenlos.

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Die Prognose ging auf den ersten Blick gründlich daneben. Die Internetseiten der Flugdiscounter und der Reiseportale werden von Schnäppchenangebote ab zehn Euro pro Flug dominiert. Und neben den beiden Billigmarktführern von den britischen Inseln gibt es noch eine Reihe anderer starker Gesellschaften.

Norwegian sicherte sich einen großen Teil des europäischen Flugmarkts von Norden aus, Vueling wächst vom spanischen Barcelona in Richtung Norden, und Wizzair aus Ungarn hat sich in aller Stille zur Nummer eins in Osteuropa emporgearbeitet. Auch der Lufthansa-Ableger Germanwings schlägt sich allen Unkenrufen zum Trotz mehr als gut - selbst nach der Übernahme des traditionell hochdefizitären Lufthansageschäfts abseits der Drehkreuze Frankfurt und München.

Die ungewöhnlichen Nebeneinkünfte der Airlines

  • Aeroflot

    Aeroflot aus Russland verkaufte in 2012 an Bord Duty-Free- Waren im Wert von 171,3 Millionen Dollar und verdiente daran knapp 80 Millionen Euro.

  • KLM

    KLM auf den Niederlanden verdient pro Jahr 65 Millionen Euro an den Komfort-Sitzen in der Economy Class auf der Langstrecke.

  • Vueling

    Der spanische Billigflieger Vueling bekommt vom im März eröffneten Hotel Vueling in Barcelona mehrere Tausend Euro Lizenzgebühr von der Betreibergesellschaft Hoteles Catalonia.

  • Norwegian

    Der Billigflieger Norwegian aus Oslo hat eine eigene Bank und kassiert im vergangenen Jahr 6,9 Millionen Dollar aus Kommissionen für deren Kreditkarte.

  • Ryanair

    Ryanair erlöst auf jedem seiner knapp 500.000 Flüge im Schnitt 180 Euro aus der Reservierung besonders begehrter Sitze in den ersten und letzten beiden Reihen sowie an den Notausgängen mit höherer Beinfreiheit.

  • Southwest

    Dem US-Billigflug-Erfinder Southwest zahlten die Kunden 161 Millionen Dollar an Early- Bird-Gebühren für das Recht als erste einzuchecken und an Bord zu gehen.

  • Frontier

    Der Ultra-Billigflieger Frontier aus den USA kassiert als bislang einzige Linie seit dem 1. Mai auch für Handgepäck. Wer einen Billigtarif hat und kein Vielflieger ist zahlt bis zu 100 Dollar pro Flug.

  • Wizzair

    Wizzair aus Ungarn bietet Mitgliedern ihres Discount Clubs gegen knapp 30 Euro Jahresgebühr zehn Euro Rabatt pro Flug auf teurere Tickets.

  • American Airlines

    American Airlines bringt aufgegebenes Gepäck für eine Gebühr von 30 Dollar pro Koffer im Umkreis von 100 Kilometern um ihre 200 wichtigsten Zielflughafen ins Hotel oder nach Hause.

  • Virgin America

    Passagiere von Virgin America können über das Bordunterhaltungssystem neben Essen, Getränken und einem Schlafset mit Kissen und Decke für neun Dollar auch für vier Dollar Schmerz- und Schlaftabletten kaufen – und alles am Ende des Flugs auf einmal per Kreditkarte bezahlen.

Dazu haben die Neulinge keineswegs nur die Geizgrößen kopiert. „Sie haben den Katalog Low-Cost-Flug um ein paar Kapitel ergänzt“, urteilt der britische Branchendienst Anna.aero. Norwegian erweiterte seine Billigfliegerei um Langstreckenflüge nach Thailand und in die USA und punktete durch Extras wie Gratis-WLAN an Bord. Vueling setzte auf Umsteigeflüge und einen cleveren Katalog neuer Bezahl-Angeboten wie Lounges oder besonders komfortable Sitze.

Dadurch konnten sich Kunden bei Bedarf einen besseren Service als bei den etablierten Premiumlinien zusammenkaufen. Dagegen setzt Wizzair neue Maßstäbe beim Gegenteil und kürzte den Kundendienst so weit, dass selbst größeres Handgepäck nur gegen Aufpreis an Bord darf.

Falsches Bild

Doch das Bild der stabilen, soliden Billig-Flieger-Branche täuscht. Unter der Oberfläche herrscht keineswegs Stillstand. „Die Low-Cost-Branche hat sich stärker gewandelt als erwartet“, sagt Jonathan Wober, Analyst der internationalen Unternehmensberatung Center for Aviation. Das Angebot an Billigtickets ist für den gewöhnlichen Reisenden geringer denn je und wird auf absehbare Zeit noch knapper.

Das liegt nicht nur daran, dass immer häufiger Leistungen zusätzliches Geld kosten, die vor ein paar Jahren noch im Ticketpreis enthaltene waren. Nach einer heftigen Konsolidierungswelle ist der Wettbewerb innerhalb der Branche weniger brachial als früher und erlaubt höhere Preise.

Zwar bekämpfen sich die Branchengrößen nach wie vor. Doch nur auf wenigen großen Strecken fliegen sie offen gegeneinander an. „Im Prinzip überlappen sich die Streckennetze von Ryanair und Easyjet kaum und sie versuchen sich auch gar nicht weh zu tun, weil das die Aktionäre nicht mögen würden “, sagt John Strickland von der Londoner Beratung JLS Consulting.

Schnelle und harte Auslese

Das war früher etwas anders. Zur Hochzeit des Billigflugs drängten sich auf vielen Strecken mehrere Wettbewerber. Auf Routen wie Köln-Berlin flogen mit Air Berlin, DBA, HLX, Lufthansa und Germanwings vor der Finanzkrise vier Fluglinien – und keine verdiente Geld. Jetzt fliegt auf weniger als einem Viertel aller Strecken in Europa mehr als ein Billigflieger.

Der Grund: Die Auslese unter den Discountern war hart und kam schneller als gedacht. So haben laut Schätzungen allein in Europa in den vergangenen zehn Jahren mehr als 100 Billigflieger aufgegeben. In Deutschland waren dies nach DBA, HLX, Tuifly und OLT. Air Berlin hat sich dem Ende nur durch Wandel zu mehr Service entzogen. Selbst großen Airlines wie der ehemaligen osteuropäischen Nummer eins Skyeurope aus Bratislava ging 2009 das Geld aus.

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