Mehr Daten - mehr Geld: "Springer wird zur Vertriebsmaschine"

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Mehr Daten - mehr Geld: "Springer wird zur Vertriebsmaschine"

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Springer-Chef Mathias Döpfner baut den Verlag konsequent um, Redaktionen werden kostensparend zusammengelegt

von Peter Steinkirchner, Matthias Hohensee und Stephanie Heise

Mit dem Verkauf von Regionalzeitungen und den TV- und Frauenzeitschriften für fast eine Milliarde Euro an die WAZ-Gruppe treibt Vorstandschef Mathias Döpfner seine Strategie voran: Er schmiedet aus dem "Bild"-Konzern eine digitale Vertriebsmaschine, in der Journalismus nur noch ein Zahnrädchen von vielen ist. Leser will er künftig stärker zu Kasse bitten – mit Geld und mit ihren Daten.

Palo Alto, ein Mittwoch im Juli, 10.30 Uhr. Cheflobbyist Christoph Keese steht auf dem Rasen vor einem Vier-Zimmer-Häuschen mit Mahagoni-Parkett an der Cowper Street – Springers Brückenkopf ins Silicon Valley. Keese hat das Telefon am Ohr, die Telefonkonferenz mit der Zentrale in Berlin läuft noch. Er trägt zur Jeans ein weißes, bis zur Brust aufgeknöpftes Abercrombie & Fitch-Hemd, ist glatt rasiert. Kein Kapuzenpulli oder Zottelbart, wie sie Valley-Vorgänger und "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann während seiner neun Monate sprießen ließ – für die Nerd-Werdung bleibt kaum Zeit. Diekmanns Nachfolger, die Vorstandschef Mathias Döpfner im Wechsel entsendet, preschen in drei Monaten durchs High-Tech-Tal. "Wir schicken Leute her, die das Digitalgeschäft bereits vorantreiben", sagt Keese, "das ist kein Grundkurs Internet."

Redakteure in Schockstarre

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Hamburg, Donnerstag vergangener Woche, 9.30 Uhr. Draußen scheint die Sonne. Im Großraumbüro des "Hamburger Abendblatts" im 7. Stock des Springer-Hauses an der Kaiser-Wilhelm-Straße treffen sich die Redakteure zur Morgenkonferenz. Nur wenige Frühaufsteher haben in ihrem E-Mail-Postfach die Betreff-Zeile "Aktuelle Informationen / Einladung zu Informationsveranstaltungen" bemerkt. Gelesen hat die Mail offenbar noch niemand, denn die Bombe platzt erst kurz nach Konferenzbeginn, als ein verspäteter Kollege hereinstürzt: "Wir werden verkauft."

Quartalszahlen Axel Springer verbucht Umsatzrückgang

Im zweiten Quartal hat der Medienkonzern Springer einen leichten Rückgang seines Ergebnisses verbucht. Der aufsehenerregende Verkauf eines Großteil des Printgeschäfts spielte im ersten Halbjahr noch keine Rolle.

Zwei Wochen nach der Verkaufsankündigung eines Pakets von Zeitungen und Zeitschriften gibt das Medienhaus heute die Zahlen für das zweite Quartal bekannt. Quelle: dpa

Besser und kürzer kann man die Stimmung der Beschäftigten bei "Abendblatt", "Berliner Morgenpost", "Hörzu" und den anderen zum Verkauf an die WAZ-Gruppe vorgesehenen Springer-Titeln nicht beschreiben. Die Nachricht löst Schockstarre aus, gestandene Redakteure kämpfen mit den Tränen, "alle sind in Panik", sagt einer aus der "Abendblatt"-Lokalredaktion. "Bei jeder Gelegenheit wurde betont, dass der Springer Verlag wie eine Familie sei", schimpft ein Kollege von der "Morgenpost", "alles verlogenes Geschwätz, wir fühlen uns verraten, verkauft und im Stich gelassen, regelrecht verarscht."

Die Wurzeln werden gekappt

8912 Kilometer Luftlinie trennen Hamburg von Palo Alto. Und dennoch hängen die Geschehnisse an den beiden Orten eng zusammen. Der Verkauf der zwei Regionalzeitungen und sieben TV- und Frauenzeitschriften für 920 Millionen Euro, der noch vom Kartellamt abgesegnet werden muss, ist eine logische Konsequenz aus Döpfners Strategie: Der selbst ernannte "Leitwolf der Digitalisierung" formt aus Springer einen digitalen Vertriebsriesen, in dem Journalismus nur noch ein Zahnrädchen von vielen ist. Die Leser will er künftig stärker zur Kasse bitten – mit Geld und mit ihren Daten.

Diese Springer-Titel gehören bald der Funke-Gruppe

  • Regionalzeitschriften

    NRW

    "Westdeutsche Allgemeine Zeitung"

    "Westfälische Rundschau"

    "Westfalenpost"

    ""Neue Ruhr/ Rhein Zeitung"

    Thüringen

    "Thüringer Allgemeine"

    "Ostthüringer Zeitung"

    Niedersachsen

    "Thüringische Landeszeitung"

    "Braunschweiger Zeitung"

    "Harz Kurier"

  • Programmzeitschriften

    14 Titel, darunter:

    "TV direkt"

    "Gong"

    "Bild & Funk plus" etc.

  • Rätselhefte

    60 Titel, darunter:

    "Bastei" etc.

  • Fachzeitschriften

    vor allem Musik-Motorrad-, Modellbau- und Bahntitel etc.

  • Frauenzeitschriften

    Acht Titel, darunter:

    "die aktuelle"

    "Frau im Spiegel"

    "Zeit für mich" etc.

  • Tier- und Landzeitschriften

    60 Titel, darunter:

    "Herz für Tiere"

    "Partner Hund"

    "Partner Katze"

    "Landidee" etc.

  • Anzeigenblätter

    72 lokale Ausgaben in NRW

Für den neuen Kurs kappt Döpfner sogar die Wurzeln des Verlags: Die 1898 gegründete "Berliner Morgenpost" war einst Teil des Ullstein-Verlags, den Axel Springer 1959 kaufte. Er selbst hatte mit der "Hörzu" (1946) und dem "Hamburger Abendblatt" (1948) den Grundstein für sein Medienreich gelegt. "Es ist einfach nur traurig", twitterte am Donnerstag der ehemalige "Abendblatt"-Volontär Lars Moritz Zühlke. "Puh", schnaufte Jan-Eric Peters, Chefredakteur der Welt-Gruppe, ebenfalls via Twitter. "Aber strategisch goldrichtig." Die Börse jubelte jedenfalls: Der Kurs der Springer-Aktie schoss am Donnerstag um bis zu 15 Prozent in die Höhe.

Nicht erst seit Diekmanns Valley-Exkursion ist man im Konzern fasziniert von den Datensammlern in Kalifornien und ihren Fähigkeiten, Informationen über Nutzer zu vernetzen, sie miteinander zu verbinden und am Ende der Kette jemandem etwas zu verkaufen: eine Zeitung, Turnschuhe, eine Reise oder ein Haus – und Werbekontakte an Unternehmen.

Der Umbau zur Vertriebsmaschine

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Im November legt Springer die Redaktionen seiner Boulevardzeitungen "B.Z." und "Bild"-Berlin zusammen

Auch dazu dient der Deal mit der WAZ: Die beiden Verlage haben vereinbart, zwei Gemeinschaftsunternehmen zu gründen, für Vermarktung und Vertrieb von gedruckten und digitalen Medien. Darin wollen sie Aktivitäten und Know-how bündeln. Springer übernimmt die Mehrheit und die unternehmerische Führung.

"Döpfner baut Springer um zu einer Vertriebsmaschine", sagt Christof Baron, Europachef der Mediaagentur Mindshare in Frankfurt, "und in der dient der Journalismus vor allem als Lockmittel." Eines, das möglichst wenig kosten soll: Zwar will der Verlag nicht bestätigen, dass 200 Stellen allein bei der noch hoch profitablen "Bild"-Gruppe gefährdet seien. Zwar heuert er hochkarätige Schreiber für Blätter wie die "Welt" an. Doch klar ist, dass Döpfner intern immer stärker umbaut.

Weniger Vielfalt

Die "Welt" sowie die nun verkauften "Abendblatt" und "Morgenpost" teilen sich im Hauptteil längst Artikel. Die Redakteure von "Computer Bild" und ihren Beibooten wurden kostensenkend ausgelagert in eine nicht tarifgebundene Gesellschaft. Und im November legt Springer die Redaktionen seiner Boulevardzeitungen "B.Z." und "Bild"-Berlin zusammen. Fazit: weniger Vielfalt für die Leser.

Das Portfolio der Funke Mediengruppe

  • In Deutschland

    30 Tages- und Wochenzeitungen

    170 Publikums- und Fachzeitschriften

    100 Anzeigenblätter

    400 Kundenzeitschriften

    11 Lokalradios

    4 Druckereien

    1 Online-Dienstleister

  • In Österreich

    Kronen Zeitung, Kurier, News

  • In Ungarn

    HVG, Maraton, Zalaihirlap

  • In Russland

    Sloboda

Das könnte den nun verkauften Blättern auch bei ihrem neuem Arbeitgeber blühen. Denn die Eigentümerfamilie hat sich bei der Komplettübernahme der WAZ-Gruppe 2011 kräftig verschuldet. Christian Nienhaus, Chef der Funke Mediengruppe, wie der WAZ-Konzern heute offiziell heißt, zahlt denn auch vom Kaufpreis erst mal nur 660 Millionen Euro. Die restlichen 260 Millionen Euro stundet Springer den Essenern über mehrere Jahre. "Den Mitarbeitern steht ein knüppelhartes Schrumpfprogramm bevor", warnt der Walldorfer Medienexperte Peter Turi. "Welche Verheerungen das verursacht, ist bei der WAZ-Gruppe zu besichtigen."

Die hatte zu Jahresbeginn die Redaktion der "Westfälischen Rundschau" mit 120 Stellen geschlossen. Seitdem wird das Blatt mit Inhalten von Schwesterblättern wie "WAZ" und "Westfalenpost" bestückt.

Multimediagetriebene Technikexperten, die möglichst viele Medienkanäle simultan mit Inhalten befüllen, statt recherchierende Redakteure – darauf läuft Döpfners Konzept offenbar hinaus.

Geld verdienen mit Kundendaten

Döpfners digitales reich. Die Internet-Geschäfte des Springer Verlags

Döpfners digitales reich. Die Internet-Geschäfte des Springer Verlags

Wichtiger Schritt der Digitaloffensive ist das jüngst gestartete Experiment, "Bild"-Online-Leser für Artikel unter dem Schlagwort "Bild plus" zur Kasse zu bitten. Mit dem Anpfiff der Fußball-Bundesliga am 9. August, über die "Bild.de" in einer Art Sportschau exklusiv online berichten darf, soll das Projekt Fahrt aufnehmen.

Springer geht es dabei um weit mehr als den Versuch, im Internet mit Journalismus Geld zu verdienen. So soll "Bild plus" Springer mit Namen und Adressen von Tausenden Lesern versorgen – einen Schatz, der sich mit Daten verknüpfen lässt, über die Springer als einer der größten Betreiber von Anzeigen-, Preisvergleichs- und Werbeportalen wie Immonet, Stepstone, Idealo oder Kaufda längst verfügt. Denn hier verdient Döpfner vor allem seine digitalen Dollar und nicht mit journalistischen Texten.

Seit der Jahrtausendwende haben Verlage in Deutschland Milliarden Euro im Anzeigengeschäft verloren. Die Konkurrenz aus dem Internet saugte Stellenanzeigen ebenso ab wie Immobilien- und Auto-Offerten. Parallel schrumpfen die Auflagen.

Der Schwenk kam spät

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Medien-Experten erwarten, dass Funke-Gruppen-Chef Nienhaus den von Springer übernommenen Blättern ein knüppelhartes Sparprogramm verordnet

Verlage gingen auf Sparkurs und eröffneten neue Geschäftsfelder. Inzwischen haben sich die erfolgreicheren zu "multimedial agierenden Medienunternehmen" entwickelt, so der Dortmunder Medienforscher Horst Röper. Große Regionalverlage wie die WAZ-Gruppe sind in Geschäftsfeldern wie Anzeigenblätter, Radio und Fernsehen unterwegs: "Der Begriff Zeitungsverlag ist anachronistisch", sagt Röper.

Meist blieben sie zu nah am Kerngeschäft – eine Erkenntnis, die Springer-Chef Döpfner erst nach zwei spektakulären Fehlschlägen dämmerte. Erst verbot ihm das Kartellamt 2006, den TV-Konzern ProSiebenSat.1 zu kaufen. Ein Jahr später erlebte Springer ein Debakel beim Versuch, mit der PIN Group einen Konkurrenten zur Deutschen Post aufzubauen. Das Abenteuer brockte Springer Abschreibungsbedarf von gut einer halben Milliarde Euro ein.

Der Schwenk zurück kam vergleichsweise spät. Während etwa der norwegische Medienkonzern Schibsted aus Oslo bereits seit fast 20 Jahren maßgeblich ins Netz investiert, dem eigenen Kerngeschäft lieber selbst mit kostenlosen Online-Rubriken-Portalen Konkurrenz machte und heute als Vorreiter der Branche gilt, hatte Döpfner allenfalls erkannt, wie sexy "digital" klingt.

Der digitalste Medienkonzern

Der Springer-Chef nutzte das Schlagwort vor allem dazu, Beteiligungen an TV-Sendern in der Türkei, die eigene TV-Produktion oder Radiobeteiligungen flugs zu "Digitalgeschäft" zu erklären. Die Branche reagierte zunächst mit Spott: "Der Döpfner schreibt demnächst noch digital über den Paternoster im Stammhaus", höhnte ein hochrangiger Medienmanager. Mittlerweile hat Döpfner sein Leitthema gefunden: "Wir bringen das ursprüngliche Geschäft der Zeitung – Inhalte, Werbung und Rubrikenanzeigen – ins Internet", sagte er kürzlich der "Süddeutschen Zeitung", "wir wollen der digitalste Medienkonzern werden."

Digitale Treiber. Umsatz und Gewinnentwicklung von Springer

Digitale Treiber. Umsatz und Gewinnentwicklung von Springer

Die Web-Offensive hat sich Springer binnen fünf Jahren mehrere Hundert Millionen Euro kosten lassen. Deutschlands größtes Zeitungshaus übernahm schlüsselfertige Internet-Unternehmen in Reihe, deren Geschäftsmodell und Technik man nun in Nachbarländer exportiert: Kleinanzeigen-Portale wie Stepstone, Autokauf24 und Immonet, den digitalen Prospektverteiler Kaufda, dazu Totaljobs in Großbritannien, Seloger (Immobilien/Frankreich), Carwale (Autos/Indien) und die Vermarktungsgesellschaft Zanox. Unter dem früheren Journalisten Döpfner mutiert das einstige Randgeschäft des Medienhauses aus Anzeigenverkauf und Vermarktung nun zu dessen Kern.

Die Gewinnmarge steigt

Bettina Röhl direkt Was steckt hinter dem großen Springer-Funke-Deal?

Axel Springer hat vor wenigen Tagen diverse Medientitel an die Funke-Gruppe verkauft. Doch was ist der tiefere Sinn dieses Geschäftes und wohin will Springer steuern?

Der Springer Konzern wurde in den vergangenen Jahren immer digitaler. Nun wurde bekannt, dass sich der Verlag von zahlreichen Regionalzeitungen trennen wird Quelle: REUTERS

Das Gros der Verbraucher, die ein Auto oder eine Wohnung suchen, fahndet bereits im Netz. Davon profitiert Springer: Die Gewinnmarge vor Steuern und Abschreibungen lag im Geschäftsfeld Digital Classifieds, also digitale Annoncen, 2012 bei 41,3 Prozent und damit weit über dem Konzernschnitt von 16,5 Prozent.

Etwas magerer war 2012 die Rendite im Bereich Journalistische Portale und andere digitale Medien mit gut 23 Prozent. Zu dem Bereich gehören die Web-Auftritte von "Bild" und "Welt", Online-Plattformen wie die Frauenseite Aufeminin.com oder die polnische Nachrichtensite Onet.pl, aber auch Preisvergleichsseiten wie Idealo oder der digitale Prospektversender Kaufda.

"Die Erfassung von jedermann"

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"Bild"-Chefredakteur Diekmann plant intern größere Umbauten

Abgesehen von erklecklichen Erlösen eröffnen die Daten, die Kunden auf diesen Portalen hinterlassen, Springer noch viel weiter gehende Möglichkeiten. Zum Beispiel so: John möchte in den Sommerferien mit Gattin und zwei Kindern in die USA reisen. Er besitzt einen Toyota Yaris, Baujahr 2007, den er mittelprächtig findet, vermutlich deshalb hat er kürzlich eine Testfahrt im VW Passat gemacht. Seinen Fotoapparat, eine Canon 7D, will er verkaufen. Das alles weiß nicht nur Johns Nachbar in der netten Eckersbergs gate in Oslo, wo er Eigentum besitzt. Das weiß auch die Internet-Firma Finn.no, die zum Schibsted-Konzern gehört. Schibsted gibt in Norwegen und Schweden Tageszeitungen heraus und besitzt europaweit Online-Portale.

Zwar lebt John nur auf dem Papier – doch in ihren Präsentationen machen Schibsted-Manager keinen Hehl daraus, was ihnen auch fürs wahre Leben vorschwebt: "Die Erfassung von jedermann, aller Güter und Dienstleistungen und wie sie auf dem Marktplatz interagieren." Die Daten für ein solches Profil hat ihnen John beim Online-Shopping auf den Schibsted-Plattformen frei Haus geliefert.

Nicht so radikal wie die "Sun"

Medienriesen wie Schibsted und Springer können dies bei Werbekunden zu Geld machen. Denn die setzen zwar auch auf Reichweite, nämlich die Zahl der Kontakte, die sie per Printanzeige oder Online-Werbung erreichen. Gleichzeitig versuchen sie, maßgeschneiderte Zielgruppen und auch einzelne Kunden anzusprechen, um aus Werbegeld direkt Erlöse zu machen. Die Daten dafür liefert bei Springer nun auch "Bild plus", das Döpfner Anfang Juni startete. Die Berliner gehen beim Herablassen der Bezahlschranke weit weniger radikal vor als ihre Kollegen von der Londoner "Sun": Die machen von August an ihre komplette Homepage zur Zahlzone.

Online-Anzeigen wachsen. Springers Umsatz im Digitalsegment im ersten Quartal 2013

Online-Anzeigen wachsen. Springers Umsatz im Digitalsegment im ersten Quartal 2013

Springer dagegen will die Online-Reichweite seiner wichtigsten Cashcow schützen und schränkte erst mal nur die Zahl der frei lesbaren Artikel ein. Einzelne Texte und Interviews sind seitdem mit einem Plus-Symbol gekennzeichnet. "Plus" heißt zahlen – je nach Abo-Umfang zwischen 4,99 Euro und 14,99 Euro im Monat.

Den Lesern ein Gesicht geben

Zusätzlich zu den Vertriebserlösen bekommt Springer für sein wichtigstes Produkt, dessen Auflage seit Jahren schrumpft und derzeit bei rund 2,4 Millionen täglich verkauften Exemplaren liegt, erstmals Adressen und Daten von Lesern. "Für ,Bild‘ ist die Einführung von Bild plus eine große Chance, weil wir es bislang in der Mehrheit mit unbekannten Kioskkäufern und Nutzern zu tun hatten", sagt "Bild"-Digital-Geschäftsführerin Donata Hopfen. "Jetzt haben wir die Chance, unsere Leser kennenzulernen und ihnen Gesichter zu geben." Davon profitieren auch Werbekunden: Wer seine Nutzer kennt, könne ihnen "immer spezifischere, gezielte Angebote machen".

Da kommt einiges zusammen. Der Vorstandschef der britischen Tageszeitung "Daily Mail" sagte kürzlich, der "Mail"-Online-Auftritt bringe es monatlich weltweit auf 119 Millionen Unique User (unterschiedliche Besucher): fast zehn Mal so viele wie bei Bild.de. Insgesamt sammle die "Mail" in zehn Tagen gut 50 Milliarden Informationen über 43 Millionen Menschen – Daten, die sich monetarisieren lassen.

Bild ködert mit Fußball

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Lockstoff Fußball. Mit Bundesliga-Berichten will "Bild" zahlende Online-Leser gewinnen

Wie das geht, verriet "Financial Times"-Manager Casper de Bono dem "Guardian". So habe der Online-Auftritt FT.com für eine Fluglinie Adressen von Lesern zusammengestellt, die sich innerhalb der vergangenen 90 Tage von vier unterschiedlichen, von der Airline bedienten Städten aus auf den FT-Seiten eingeloggt hatten. Diesen schickte die Linie auf sie zugeschnittene Angebote. Die "FT" hatte bereits 2006 eine Bezahlschranke vor ihren erfolgreichen Internet-Auftritt gestellt und sammelt seitdem Daten ihrer Kunden.

Lockt die britische Finanzzeitung ihre Klientel mit Wirtschaftsinhalten, soll bei Bild.de neben Unterhaltung und Ratgeberthemen vor allem Fußball Kunden ködern. Bisher hält sich Springer mit Zahlen über zahlende Bild-plus-Leser zurück. Die Zahl der Besuche (visits) auf Bild.de allerdings ist seit der Einführung um gut acht Prozent auf immer noch stolze 249 Millionen im Monat gesunken. Der Bundesliga-Start soll Bild plus nun den Durchbruch bringen.

Bundesliga wird zum Produkt

Springer hatte 2012 für geschätzte 24 Millionen Euro der Deutschen Fußball-Liga für vier Jahre das Recht abgekauft, samstags ab 18.15 Uhr – also noch vor der ARD-Sportschau – Spielberichte gegen Bezahlung online zu zeigen. Den Fan kostet das zusätzlich zum Bild-plus-Abo 2,99 Euro im Monat. "Die Bundesliga-Clips sind am Wochenende kostenpflichtig und ab Montag für alle zur Nutzung frei", sagt Hopfen und schwärmt: "Die Bundesliga wird bei Bild plus zu einem interaktiven Produkt, Nutzer können beispielsweise die Reihenfolge der Spielberichte selbst aussuchen."

Paid Content Neue Technik soll Leser zum Zahlen bewegen

Der Verkauf von Artikeln im Netz treibt die Verlage um. Ein Franzose hat ein besonders einfaches Modell entwickelt - eine Art digitale Parkuhr.

Nur wenige haben Lust eine Zeitung online zu abonnieren. Ein neues Modell soll Abhilfe schaffen Quelle: Martin Haake für WirtschaftsWoche

Bild plus und andere redaktionelle Angebote allerdings sollen offenbar nicht nur klassische Sportredakteure bespaßen: Konzernweit sucht Springer derzeit 150 IT-Spezialisten jeglicher Couleur, vom "iOs-Developer" bis zum "COO für neue digitale Contentplattformen" mit Schwerpunkt Entertainment. Und auch "Bild"-Chef Diekmann fahndet nach neuen Köpfen.

In Stellenanzeigen hieß es: "Ihr wisst, wie BILD morgen aussieht und funktioniert? Ihr wollt der Zukunft des digitalen Journalismus Euren Stempel aufdrücken?" Das sorgt intern für Unruhe. Denn spätestens seit Diekmann zurück ist aus Palo Alto fürchten viele in der Redaktion größere Umbauten. Diekmann strebe bei "Bild" flachere Hierarchien an, heißt es, weniger Ressortleiter wolle er haben, stattdessen mehr technikaffine Leute.

"Ein Jahr im Netz ist wie zehn Jahre im Print"

Die will auch Manfred Hart. Der Bild.de-Chef sitzt im 16. Stock des Berliner Springer-Hauses fast Tür an Tür mit Diekmann und preist die neuen Möglichkeiten: "Wir hatten kürzlich eine Kollegin beim Hochwasser in Passau, da kannst du nicht mehr unterscheiden, ob der Film mit einer Kamera gedreht wurde oder mit dem iPhone."

Als Hart vor sechs Jahren Online-Chef wurde, gab es weder iPhone, iPad noch Facebook: "Für mich war ein Jahr im Netz wie zehn Jahre in Print! Das ist ein permanenter dynamischer Prozess." Einer mit Folgen für die Redaktion. Denn er brauche nun Leute, die Geschichten für die Online-Welt komplett anders aufbereiten, sagt Hart: "Wir haben beim multimedialen Storytelling aufgerüstet, dabei setzen wir vor allem auf technikaffine Mitarbeiter." Natürlich müsse der Inhalt erst mal vom Redakteur gedacht werden: "Aber auch ein Grafiker oder Web-Designer kann heutzutage Geschichten journalistisch erzählen."

Die digitale Transformation

So verschieben sich Stück für Stück die Prioritäten bei Springer. Ende Mai kündigte Döpfner an, direkt neben dem Hochhaus einen "Campus" zu errichten. Auf 10 000 Quadratmetern, philosophierte er, werde ein Gebäude entstehen, das "nicht nur überwältigend schön sein" solle, sondern auch der Frage nachgehe: "Was bedeutet Materie in einer entmaterialisierten Medienökonomie, was bedeutet ein Büro in einer mobilen Arbeitswelt, die Büros eigentlich nicht mehr braucht?"

Sorgte das schon für Augenrollen in der Belegschaft, legte der Chef noch nach. Döpfner schreibt dem Projekt "eine Schlüsselrolle für die digitale Transformation unseres Unternehmens" zu, "indem es die bisher in der Peripherie angesiedelten digitalen Tochterunternehmen ins Zentrum rückt und mit den traditionellen Marken des Hauses vernetzt".

Bezahlsystem statt "Bild"-Münze

Damit erfüllt der geplante Bau eine ähnliche Rolle wie die Betriebsausflüge ins Silicon Valley: Döpfner pinselt geschickt am Bild eines neuen Springer-Konzerns, der digital auch international bei den ganz Großen mitspielen will.

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Springer-Kenner sind sicher, dass die Berliner die Schibstedt-Entwicklung genau beobachten – die Nordmänner sind in vielem weiter. So meldeten sie schon 130 000 digitale Abonnenten für die Boulevardzeitung "Aftonbladet". Mindestens so viele erwartet die Branche von Springer: "Eine sechsstellige Zahl von Bild-plus-Abonnenten sollte es schon werden", sagt Mediaexperte Baron. Schibsted ist es zudem gelungen, ein eigenes geschlossenes Bezahlsystem für Zeitungen und Rubrikenanzeigen zu schaffen – noch eine Möglichkeit, seine Kunden sehr genau kennenzulernen.

Vergleichbar einfach wollte Verlagsgründer Axel Springer den Lesern das Bezahlen auch schon mal machen. Er antichambrierte 1965 bei der Bundesregierung mit einem kruden Plan: 15-Pfennig-Münzen wollte er prägen lassen, damit die Kundschaft nach der Preiserhöhung für die "Bild" um fünf Pfennig weiter nur nach einer Münze kramen müsste. Das allerdings gelang selbst Axel Cäsar nicht.

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1 Kommentar zu Mehr Daten - mehr Geld: "Springer wird zur Vertriebsmaschine"

  • Der Springer-Verlag scheint mit seiner digitalen Datensammelwut zu

    einer privaten NSA zu mutieren, ob dass die aufgeklärten Hunden u.

    Leser goutieren ist sehr fraglich.

    Bisher spielt Springerbei den Anzeigenportalen nur die2. Geige !

    Immonet ist nichts gegen Immoscout24, ebenso ist mobile.de bei den

    Autoverkaufsportalen der Marktführer u. Xing ist die führende Platt-

    form für Berufstätige.

    Springer kann versuchen durch Zukäufe u. Durchdringung der Märkte

    in Nachbarländern weiter zu expandieren, die grossen Gewinne durch

    die grossen Reichweiten machen aber nur die Marktführer u. dazu ge-

    hört Springer im digitalen Bereich nicht ; von seiner Marktführer-

    schaft im Printbereich verabschiedet sich das Haus ja gerade !

    Es ist nicht auszuschließen, dass Springer mittelfristig auch digital abgehängt wird, dann aber nicht mehr den Zugriff auf den
    Qualitäts-Journalistik-Pool hat, der nötig ist um auch inhaltlich
    Premium-Preise verlangen zu können.

    Die gerade verkaufte, defizitäre Washington Post macht durch ihre
    anderen Medienstandtbeine wie Kabelnetzwerke,Fernsehstationen u.
    Verlage immer noch gute Gewinne ausserhalb der "digitalen Zone",

    vielleicht wäre dass auch der bessere u. fundiertere Weg für Springer

    denn die digitale Welt ist extrem schnellebig u. unterliegt grossen

    Schwankungen, was auch denWertdes Unternehmens tangieren kann.

    Es ist keineswegs ausgemacht,dass die Springer AG dauerhaft auf der

    Gewinnerseite stehen wird !

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