Nordrhein-Westfalen: So stark wie die Türkei

Nordrhein-Westfalen: So stark wie die Türkei

von Christian Schlesiger

Die Wahl am 13. Mai entscheidet mit darüber, ob die hoffnungsfrohen Seiten der Unternehmenslandschaft den schwierigen Abschied von Kohle und Stahl überstrahlen werden.

Das größte Gebäude der Welt steht in Dubai. 828 Meter ragt der Burj Khalifa in den Himmel – ein Meisterwerk der Baukunst und Türöffner für nordrhein-westfälische Unternehmen in Arabien. Der Spezialist für Türschließtechnik Dorma aus Ennepetal am südlichen Rand des Ruhrgebietes stattete die 13 000 Türen mit Schließtechnik made in NRW aus, darunter die acht Drehpforten am Eingang.

Das Unternehmen von 1908, das außerhalb der Branche kaum einer kennt, ist eine kleine Macht in Nordrhein-Westfalen (NRW). Die Firma mit 6600 Mitarbeitern zählt zur Weltspitze. 2500 Patente für Türen, Raumtrennsysteme und Fluchtwegtechnik sorgen für 900 Millionen Euro Umsatz – drei Viertel davon im Ausland.

Anzeige

Beispiele wie Dorma gibt es zuhauf im mit knapp 18 Millionen Einwohnern bevölkerungsreichsten Bundesland. Konzerne mit Zentralen in Bonn, Düsseldorf und Essen spielen wichtige Rollen auf dem Weltmarkt, unbekannte Mittelständler besetzen lukrative Nischen. Sie repräsentieren die strahlende Seite des Landes gegenüber der dunklen – dem quälenden Abschied von Kohle und Stahl, der gescheiterten rot-grünen Landesregierung, den unter Arbeitslosigkeit leidenden Ruhrstädten wie Duisburg, Gelsenkirchen oder Bottrop. Der Wegfall der Jobs in den Achtziger- und Neunzigerjahren konnte noch nicht aufgefangen werden. Gründungsrate und Innovationsfähigkeit sind relativ gering.

Region am Scheideweg

Die Landtagswahl am 13. Mai trifft die Region am Scheideweg. Vom Kurs der künftigen Regierung in Düsseldorf bei der Energiewende und in der Industriepolitik hängt es ab, wie es zwischen Rhein und Weser wirtschaftlich weitergeht. Hoffnung auf eine Wende zum Guten gibt es. Die Menschen kehren den Ruhrgebietsstädten nicht mehr den Rücken. „Die Stärke der Region ist die Vielfalt der wirtschaftlichen Schwerpunkte“, sagt Uwe Neumann vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) in Essen. Dienstleistungen und Industrie seien gut verzahnt. Das Ruhrgebiet messe sich „berechtigterweise mit den stärksten Regionen Europas“.

Hoffnungsträger sind Unternehmen, die oft mit Wucht, aber ganz ohne Sex-Appeal ihre Geschäfte machen. Von Bonn aus steuert die Deutsche Post ihr globales Logistiknetzwerk aus Lkws, Flugzeugen, Brief- und Paketausträgern. Bielefeld beherbergt den Oetker-Konzern, der mit Fertigpizza, Puddingpulver und Backmischungen reüssiert. In Düsseldorf baut Demag Cranes weltweit begehrte Industriekräne. Oft sind die Produkte so unprätentiös wie die Orte, in denen sie hergestellt werden: Branchenführer Claas baut Landmaschinen im ost-westfälischen Harsewinkel, Europas größter Schuhhersteller Wortmann residiert unweit der nördlichen Landesgrenze in Detmold, und der Erfinder der Zentralverriegelung Kiekert sitzt im Wald von Heiligenhaus irgendwo hinter Düsseldorf.

Ruhrgebiet und Rhein-Schiene bleiben international eine Wirtschaftsmacht. NRW erwirtschaftete 2010 mit 543 Milliarden Euro rund 22 Prozent des deutschen und 4,4 Prozent des europäischen Bruttoinlandsproduktes (BIP). Damit rangiert die Summe der produzierten Güter- und Dienstleistungen knapp hinter der viermal so bevölkerungsreichen Türkei.

Drei Standorteigenheiten bieten die Chance, dass NRW vielleicht bald wieder mit dem Wachstum Bayerns oder Baden-Württembergs mithalten kann:

Heterogenität der Unternehmen. In NRW sitzen acht Dax-Konzerne. Die Zentralen „erhöhen die internationale Sichtbarkeit der Region vor allem im Ausland“, sagt RWI-Forscher Neumann. Das wirke positiv auf die Anwerbung von Führungskräften. Mittelständler dagegen seien „stärker in ihren Regionen verwurzelt und engagieren sich vor Ort“. Die Kombination sichere NRW eine „nachhaltige Dynamik“.

Wissenschaft. Zahlreiche Hochschulen von Aachen bis Witten/Herdecke forcieren Innovationen. Selbst wenn Unis aus den Siebzigern im Ruhrgebiet oft ein Eigenleben am Ortsrand ohne Vernetzung mit der Stadt führen, treibt die Uni-Dichte in der Metropolregion die Wirtschaft voran.

Weitere Artikel

Schwerpunkte. In NRW haben sich neue Zentren entwickelt. „Es gibt viele gute Ansätze“, sagt Frank Roost, Experte am Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung in Dortmund. Als Beispiele nennt er den boomenden Logistikstandort in Duisburg, den breiten Technologieansatz in Dortmund, das üppige Dienstleistungsspektrum in Essen sowie den Gesundheitsschwerpunkt in Bochum. Diese könnten „auf die Region insgesamt abstrahlen“.

Als hilfreich könnten sich die Kulturausgaben erweisen, an denen das Land trotz Krise festhielt und die „die Lebensqualität der Region erhöhen“, sagt Roost. Hier leiste sich NRW viele teure Institutionen, doch das könnte hoch qualifizierte Beschäftigte anziehen. Das Image des Ruhrgebiets sei heute „deutlich besser als früher“.

Anzeige
Unternehmer stellen sich vor
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%