
Es sollte ein Befreiungsschlag werden.
Nach jahrelangen Skandalen rund um die laut Eigenwerbung „bekannteste Rennstrecke der Welt“ kündigte die rot-grüne Landesregierung in Mainz am vergangenen Dienstag den privaten Ring-Betreibern ihren im Mai 2010 in Kraft getretenen Pachtvertrag. Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) will zwei Düsseldorfer Unternehmer, die er der staunenden Öffentlichkeit vor 20 Monaten als Hoffnungsträger präsentierte, nun wieder loswerden.
Doch statt Klarheit herrscht nun Chaos. Die Ring-Pächter räumen nicht das Feld, sondern wollen bis 2040 weitermachen. Ob das Land sie wirklich vor die Tür setzen kann, ist offen. Zwischen den Stühlen sitzen nun Mitarbeiter und Nürburgring-Geschäftspartner, die nicht mehr wissen, wer jetzt am Ring das Sagen hat.
Bildergalerie: Problembauten am Nürburgring

Der von 2007 bis 2009 gebaute Freizeit-, Gastronomie- und Hotelkomplex an der weltbekannten Rennstrecke in der Eifel wurde mit öffentlichen Mitteln finanziert, weil private Geldgeber absprangen. Statt der veranschlagten 150 kostete das Projekt rund 330 Millionen Euro. Weil der Freizeitpark rote Zahlen schreibt, diskutieren rheinland-pfälzische Politiker dessen Schließung.

Die superschnelle, 13 Millionen Euro teure Achterbahn wurde 2009 gebaut. Sie beschleunigt in 2,5 Sekunden von 0 auf 217 Stundenkilometer.
Nach zwei Test-Unfällen mit sieben Verletzten verweigert der TÜV die Betriebsgenehmigung und legte einen neuen Termin auf Juni 2011.

Ein 15 000 Quadratmeter großer Indoor-Freizeitpark, der für 500 000 Gäste pro Jahr geplant war. Tatsächlich kamen 2010 weniger als halb so viele. Die neue Planzahl liegt bei 170 000 Besuchern pro Jahr.

Der Boulevard ist eine 350 Meter lange, 9000 Quadratmeter große Einkaufspassage parallel zur Start- und Zielgeraden. Statt Läden gibt es einen Nissan-Showroom, ein RWE-Infocenter, Büros von ADAC und TÜV und einen wochentags geschlossenen Klettergarten. 2009 wurde ein Zehntel der geplanten Mieteinnahmen erzielt, für 2010 liegen noch keine Angaben vor.

Eine Veranstaltungshalle am Ring-Boulevard mit 3500 Sitzplätzen und 1800 Quadratmeter Innenraum. Ende 2010 und Anfang 2011 fielen nach Angaben des Ring-Managements drei von vier geplanten Konzerten „wegen mangelnder Nachfrage“ aus.

Die Feier-Meile mit sieben Restaurants, Café und der Disco Eifel- Stadl sollte auch im Winter Leben in die Eifel bringen. Stattdessen sind Lokalitäten wie das Steakhaus „El Chueco“ derzeit oft geschlossen.

Seit 2009 betreibt Lindner das Congress- & Motorsporthotel (vier Sterne) mit 154 und das Eifeldorf Grüne Hölle (drei Sterne) mit 65 Zimmern. Das ältere Dorint-Hotel (vier Sterne) hat 207 Zimmer. Lindner vergibt die Doppelzimmer im Vier-Sterne- Haus schon mal für 65 Euro pro Nacht.
Der von 2007 bis 2009 gebaute Freizeit-, Gastronomie- und Hotelkomplex an der weltbekannten Rennstrecke in der Eifel wurde mit öffentlichen Mitteln finanziert, weil private Geldgeber absprangen. Statt der veranschlagten 150 kostete das Projekt rund 330 Millionen Euro. Weil der Freizeitpark rote Zahlen schreibt, diskutieren rheinland-pfälzische Politiker dessen Schließung.
Auslöser des Trennungsversuchs ist ein Disput um die Mindestpacht von 11,5 Millionen Euro für 2012 und 15 Millionen Euro ab 2013. Die sollten die bisherigen Pächter zahlen: der Düsseldorfer Projektentwickler Kai Richter und der Hoteliers-Sohn Jörg Lindner mit ihrer Nürburgring Automotive GmbH (NAG). Sie wollen die Pacht aber mit einer umstrittenen Forderung gegen das Land verrechnen.
Der Riss geht aber viel tiefer. Richter und Lindner wollen Teile der Einrichtungen im Winter dichtmachen, weil sie sich nicht rechnen. Unter anderem dadurch würden rund 100 von 340 Ring-Arbeitsplätzen wegfallen.
Die Ring-Bauten aber sind Becks Baby. Den Gebäudekomplex an der Rennstrecke mit Ladenpassage, Veranstaltungshalle, Indoor-Freizeitpark, Disco, Kino, Kartbahn, Achterbahn, zwei Hotels und sieben Restaurants hatte die Regierung des früheren SPD-Chefs 2007 als Großprojekt Nürburgring 2009 angeschoben, um den Ring aus den roten Zahlen zu führen. Dafür hatte Beck eine Kostenexplosion von 150 auf 330 Millionen Euro hingenommen.
Juristische Hängepartie
Doch die Geister, die er rief, wird Beck so leicht nicht los. Die Düsseldorf wollen sich juristisch gegen die Kündigung wehren, prüfen „Schadensersatzklagen in beträchtlicher Höhe“ und bestehen auf Vertragserfüllung „bis 2040“. Die Landesregierung „muss einen absolut stichhaltigen Grund für eine außerordentliche und sofort wirksame Trennung von den Geschäftspartnern liefern“, warnt CDU-Fraktionsvize Alexander Licht.
Sonst könnten die Pächter um eine Abfindung pokern. Die Frage ist, wie der Nürburgring eine juristische Hängepartie zwischen Politik und Pächtern übersteht. „In der Belegschaft herrscht große Unsicherheit“, sagt NAG-Betriebsratschef Heinz Hoffmann. Auch Geschäftspartner sind verunsichert.
„Jedes Geschäft mit der NAG ist jetzt ein Risiko, wenn der Pachtvertrag wirksam beendet wurde“, sagt der Kölner Anwalt Dieter Frey. Frey vertritt den Verein „Ja zum Nürburgring“, dem unter anderem wichtige ADAC-Regionalclubs angehören. Der ADAC selber ist der einzige Nutzer des Rings, der eine Patronatserklärung des Landes besitzt.













