Nürburgring-Verkauf: Warten auf die EU-Kommission

Nürburgring-Verkauf: Warten auf die EU-Kommission

von Florian Zerfaß

Am Nürburgring wird alles für die Machtübernahme des Käufers Capricorn vorbereitet. Dabei hat die EU-Kommission den Deal noch gar nicht durchgewinkt – und das Beihilfeverfahren birgt noch Brisanz, wie neue Beschwerden an die Kommission zeigen.

Kommenden Mittwoch steigt das große PR-Spektakel am Nürburgring. Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) kommt an den „Ring“, ein mehr als vier Stunden dauernder Besuch, in dem die Regierungschefin die Firmengebäude von Käufer Capricorn und dessen Mitbieter GetSpeed besichtigt. Gleich zwei Pressegespräche sind angesetzt, außerdem eine Führung durch die Bauten an der Rennstrecke, ein Empfang mit Bürgern der Region. Capricorn-Chef Robertino Wild wird sein Konzept vorstellen. Und auch der neue Geschäftsführer, den Capricorn bereits für die derzeitige, weitgehend landeseigene Betriebsgesellschaft berufen durfte, wird mit der Ministerpräsidentin diskutieren.

Kein Zweifel: Am Nürburgring wird alles für die Machtübernahme des Automobil- und Motorsportzulieferers Capricorn vorbereitet. Der Mann, der diese stoppen will, wird am Mittwoch knapp 800 Kilometer Luftlinie entfernt sitzen und eine Gremiensitzung an einer Business School im britischen Newcastle leiten: Meyrick Cox, ehemaliger Investmentbanker und selbst einer der Kaufinteressenten für den Nürburgring. „Die enorme Präsenz von Frau Dreyer spricht nicht gerade für fehlende politische Einflussnahme“, sagt Cox und bedauert, nicht selbst an den Nürburgring kommen zu können: „Es ist höchste Zeit, dass Capricorn offene Antworten zu seiner Finanzierung und zu seinen Plänen gibt.“

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Vier Beschwerden an die EU-Kommission

Cox fühlt sich ausgebootet. Am 11. März hat Capricorn zusammen mit GetSpeed den Zuschlag für den Nürburgring vom Gläubigerausschuss der insolventen, zu 90 Prozent dem Land Rheinland-Pfalz gehörenden Nürburgring GmbH bekommen. Ab 1. Januar 2015 soll das Motorsport-Mekka dem Düsseldorfer Mittelständler gehören, für 77 Millionen Euro Kaufpreis plus die Zusicherung, Investitionen in Höhe von weiteren 25 Millionen Euro in die Eifel holen zu wollen. Nur einen Haken hat die Sache noch: Die EU-Kommission muss den Verkauf erst durchwinken. Und in diesem Punkt steckt einige Brisanz.

Das Nürburgring-Desaster

  • Formel 1-Verluste

    Die legendäre Rennstrecke in der Eifel ist für ihre Eigentümer seit Jahren ein Millionengrab. Die Nürburgring GmbH – sie gehört zu 90 Prozent das Land Rheinland-Pfalz und zu zehn Prozent der Landkreis Ahrweiler – ist seit 2006 bilanziell überschuldet und kann sich nur dank immer neuer Landes-Millionen über Wasser halten. Haupt-Verlustbringer ist die Formel 1, die von 2003 bis 2009 ein Loch von 55 Millionen Euro in die Kasse riss. Für das Rennen 2011 kalkuliert das Land mit einem Minus weiteren 13,5 Millionen Euro. Der Landesrechnungshof geht von höheren Kosten aus.

  • Nürburgring 2009

    Um aus den Miesen zu kommen, wollten der damalige Nürburgring-Geschäftsführer Walter Kafitz (SPD) und die damalige SPD-Alleinregierung von Kurt Beck mit dem riesigen Erlebnispark „Nürburgring 2009“ zusätzliche Besucher anlocken. Die Einnahmen sollten die Verluste aus der Formel 1 decken. Der Park besteht aus zwei Bauabschnitten: Die Nürburgring GmbH baute ein Erlebniszentrum mit Rennsportmuseum (Ringwerk), eine Achterbahn, eine überdachte Shoppingmeile (Boulevard) sowie zwei Veranstaltungshallen. Der zweite Abschnitt, entwickelt von Kai Richters Firma Mediinvest, umfasst zwei Hotels mit Personalwohnhaus, einen Ferienpark und das Eifeldorf „Grüne Hölle“, in dem sich eine Disco und diverse Restaurants befinden.

  • Finanzdesaster

    Die Baukosten stiegen von ursprünglich geplanten 215 auf 330 Millionen Euro. Der erste Bauabschnitt sollte zur Hälfte, der zweite komplett privat finanziert werden. Bei der Suche nach Investoren für den ersten Bauabschnitt fielen Land und Nürburgring GmbH auf dubiose Finanzvermittler herein. Die für den zweiten Bauabschnitt zuständige Firma Mediinvest von Kai Richter erhielt 85,5 Millionen Euro von der Rheinland-Pfälzische Gesellschaft für Immobilien und Projektmanagement mbH (RIM). Die ist eine hundertprozentige Tochter der Investitions- und Strukturbank Rheinland-Pfalz (ISB), welche wiederum zu hundert Prozent dem Land gehört. Die MSR wurde später mitsamt der Gebäude von Landesgesellschaften übernommen.

  • Privatisierungsdebakel

    Ab Mai 2010 vergab die Nürburgring GmbH den Betrieb des kompletten Parks inklusive der Rennstrecken an die private Nürburgring Automotive GmbH (NAG), die je zur Hälfte Kai Richters Mediinvest und der Düsseldorfer Lindner-Hotelgruppe gehört. Im Februar 2012 kündigte das Land den Betreibern wegen ausstehender Pachtzahlungen. Die NAG geht juristisch gegen die Kündigung vor. Nach ihrer Sicht der Dinge schuldet das Land den Betreibern noch Geld, diese Forderungen habe man mit der Pacht verrechnet. Streit gibt es um die von den Betreibern angekündigte Entlassung von einem Viertel der Belegschaft. Die EU-Kommission prüft nach mehreren Beschwerden von Konkurrenten, ob das Land bei der Verpachtung an die NAG gegen Vergaberecht verstoßen hat.

  • Investitionsruine

    Die erhofften Besuchermassen bleiben aus. Die als schnellste der Welt geplante Achterbahn funktioniert bis heute nicht. In der „Grünen Hölle“ ist von Oktober bis März nur ein einziges Restaurant durchgängig geöffnet, der Rest ist die meiste Zeit dicht. Das Land wirft den Betreibern zudem vor, die Gebäude vernachlässigt zu haben. In mehreren Restaurants ist Schimmel aufgetreten. Der Landesrechnungshof schätzt den zusätzlichen Investitionsbedarf des Landes in den nächsten 20 Jahren auf bis zu 420 Millionen Euro.

  • Aufarbeitung

    Wegen ihrer Rolle bei der gescheiterten Privatfinanzierung hat die Staatsanwaltschaft Koblenz im Februar 2012 Anklage wegen Untreue gegen den ehemaligen rheinland-pfälzischen Finanzminister Ingolf Deubel (SPD) erhoben. Auch der frühere Nürburgring-Hauptgeschäftsführer Walter Kafitz und zwei weitere ehemalige Manager der Nürburgring GmbH wurden wegen Untreue angeklagt. Der frühere ISB-Chef und ein RIM-Manager wurden wegen Beihilfe zur Untreue angeklagt. Die Ermittlungen wegen des Verdachts der Untreue gegen Kai Richter dauern an.

     

Die Zustimmung der Kommission will Cox durchkreuzen und hat deshalb eine Beschwerde bei der nach Brüssel geschickt. Er hatte gemeinsam mit dem US-Finanzinvestor HIG Capital sowie Marcus Graf Oeynhausen-Sierstorpff, dem Chef der Test- und Präsentationsstrecke „Bilster Berg“ im Teutoburger Wald, für den Nürburgring geboten. Mit seiner Beschwerde steht Cox keinesfalls alleine da, es ist nur die jüngste von mittlerweile vier Eingaben, die sich bei der Kommission stapeln. Zum Jahreswechsel hatten sich bereits der ADAC und der gemeinnützige Verein „Ja zum Nürburgring e.V.“ an die Kommission gewandt, zuletzt mit dem US-Unternehmen Nexovation ein weiterer unterlegener Bieter. Sie alle glauben, dass der Verkaufsprozess den europarechtlichen Anforderungen nicht genügt.

Nun heißt es für alle Beteiligten: Warten auf die Kommission. Diese hatte 2012 ein Beihilfeverfahren eingeleitet, Grund waren Investitionen des Landes Rheinland-Pfalz in Höhe von rund einer halben Milliarde Euro, die nach Auffassung der Kommission wohl unzulässig waren. Insolvenz-Sachwalter Jens Lieser (Koblenz) und Sanierungsgeschäftsführer Thomas Schmidt (Trier) haben deshalb mit Unterstützung der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG im Mai 2013 einen Verkaufsprozess gestartet. Die Logik dahinter: Wenn ein beihilfebelastetes Unternehmen in einem offenen, transparenten, bedingungs- und diskriminierungsfreien Prozess verkauft wird, dann wird die wettbewerbsverzerrende Beihilfe vom Markt kompensiert. Genügt der Verkaufsprozess diesen Anforderungen allerdings nicht, gehen die Beihilfen auf den Käufer über.

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