Post-Streik: Verbraucher murren – Großkunden bleiben gelassen

Post-Streik: Verbraucher murren – Großkunden bleiben gelassen

, aktualisiert 24. Juni 2015, 13:49 Uhr

Im Post-Streik ist kein Ende absehbar. Millionen Briefe und Pakete kommen verspätet an, das wächst sich für viele Privatleute zum Problem aus. In der Wirtschaft gibt man sich dagegen vorerst gelassen.

.

Bild vergrößern

Millionen Briefe und Pakete kommen wegen des Streiks später an.

Anzeige

Der Dauer-Streik bei der Deutschen Post wird für viele Verbraucher zur Geduldsprobe. Ob Bewerbungsschreiben, die nicht ankommen, Konzerttickets für die Lieblingsband oder wichtige Rechnungen, für die Mahngebühren drohen - vor allem Privatleuten machen die Folgen des Tarifkonflikts zwischen der Post und der Gewerkschaft Verdi zu schaffen. Auf der Facebook-Seite des gelben Riesen machen manche ihrem Unmut Luft. „Wann bekomme ich endlich meine Post? Seit zwei Wochen Leere im Briefkasten. So langsam schwindet meine Verständnis!“, lautet noch einer der milderen Kommentare.

Die Post bittet um Geduld - und verweist regelmäßig darauf, dass rund 80 Prozent der Briefe und Pakete pünktlich ankommen. Manche Privatkunden wollen sich darauf aber offenbar nicht verlassen und weichen auf Alternativen aus. So registrieren Post-Konkurrenten einen deutlich größeren Zulauf von Privatkunden in ihren Shops, aber auch zunehmende Anfragen kleiner und mittlerer Firmen, wie der Vorsitzende des Bundesverbandes der Kurier-Express-Post-Dienste, Andreas Schumann, berichtet.

Was die Post mit ihrer Strategie 2020 erreichen will

  • Bessere Umweltbilanz

    Auch der Kohlenstoffdioxid-Ausstoß soll verringert werden: Bis 2020 will die Post ihre Energie-Effizenz um 30 Prozent verbessern. Vor kurzem kaufte der Dax-Konzern zum Beispiel den deutschen Elektroauto-Entwickler Streetscooter auf.

  • Erste Wahl für Aktionäre

    Die Aktie Gelb soll weiter steigen: Post-Chef Frank Appel möchte zur ersten Wahl für Anleger werden. Zwischen 40 und 60 Prozent des Nettogewinns sollen die Aktionäre jährlich als Dividende ausgeschüttet bekommen.

  • Glückliche Kunden

    Auch die Kundenzufriedenheit soll steigen - auf über 80 Prozent. Nach Recherchen der WirtschaftsWoche beschwerten sich allerdings vor allem deutsche Großkunden zuletzt über die Briefzustellung.

  • Mehr Gewinn

    Der Gewinn ist die wichtigste Ziellinie in der Strategie 2020: Bis zum Ablauf der Frist will Appel fünf Milliarden Euro Plus machen. Dazu müsste er pro Jahr den Gewinn um acht Prozent steigern. Die Brief- und Paketsparte, die ihren Umsatz vor allem in Deutschland macht, soll drei Prozent Gewinnsteigerung pro Jahr dazu beisteuern - das Expressgeschäft, die Logistik- und Speditionssparten müssen zehn Prozent mehr im Jahr verdienen.

    Kein anderer Dax-Konzern hat so konkrete und zugleich so ehrgeizige Ziele.

  • Wachstum in Schwellenländern

    In Deutschland hat der durch den Onlinehandel ausgelöste Paketboom die Deutsche Post weit nach vorne getrieben. Jetzt will der Bonner Konzern diesen Effekt auch in den Schwellenländern mitnehmen: Bis 2020 soll sich der Marktanteil in diesen Regionen von 22 auf 30 Prozent erhöhen. Der Fokus liegt dabei auf Brasilien, Indien, China, Russland und Mexiko.

  • Zufriedene Mitarbeiter

    Auch bei den Mitarbeitern möchte die Post die erste Wahl sein. Ziel des Vorstand ist es, in den Mitarbeiterbefragung eine Zustimmungsquote von über 80 Prozent zu erlangen. Zuletzt lag die Quote bei ungefähr 70 Prozent.

Aktionärsschützer warnen bereits vor größeren Kundenverlusten. Allerdings unterhalten große Unternehmen vielfach langfristige Verträge mit der Post - und zeigen sich bisher weitgehend gelassen. Zwar müssen vor allem Versandhändler Schwierigkeiten bewältigen und teils auch höhere Kosten schultern, doch sehen sich beispielsweise Versicherer und auch Banken nur wenig betroffen von dem Ausstand, weil immer größere Teile des Geschäfts digital abgewickelt werden. Auch regional fallen die Folgen sehr unterschiedlich aus.

Der Versicherer Allianz hat seit Beginn des Ausstands festgestellt, dass die Kunden verstärkt E-Mail und Fax nutzen, wie ein Sprecher sagt. Das Unternehmen selbst greift bei dringlichen Sendungen auf Kuriere zurück. Die Briefzustellung schwanke zwar derzeit stärker, doch gingen an manchen Tagen noch immer rund 40.000 Briefsendungen ein. Über negative Folgen des unbefristeten Ausstands berichtete der Sprecher nicht. Bei der Commerzbank heißt es, der Streik sei kein Problem, vereinzelt komme es allerdings zu Verzögerungen bei der Zustellung.

Ähnlich äußert sich ein Sprecher des Versicherungsgruppe Ergo. Ihm ist kein einziger Fall bekannt, in dem es etwa Probleme mit einem Vertragsabschluss wegen des Ausstands gegeben habe. Auch bei der Ergo werden viele Abschlüsse elektronisch oder per Fax getätigt. Bei der HypoVereinsbank in München heißt es: „Insgesamt sind natürlich auch wir als Bank vom Poststreik betroffen. Wir haben aber unsere Abläufe bestmöglich umgestaltet und nutzen sowohl unser Filialnetz als auch unsere Multikanal-Möglichkeiten.“ Digitale Kommunikationswege haben auch bei der HHVB stark an Bedeutung gewonnen.

Deutsche Post Die fünf größten Probleme des gelben Riesen

Post-Chef Frank Appel muss sich gut auf die Hauptversammlung am Mittwoch vorbereiten: Er hat gute Zahlen im Gepäck, aber auch eine ganze Liste mit Problemen. Neben dem Streik belastet ein Computerchaos das Geschäft.

DGB-Kundgebung in Hannover: Die Stimmung bei der Post ist gereizt. Quelle: dpa

Für den Versandhandel stellt der Streik nach Angaben des Branchenverbandes BEVH zwar ein Problem dar. „Der Paketbereich von DHL läuft allerdings noch recht zuverlässig“, sagt BEVH-Logistikexperte Ingmar Böckmann. Etwa 20 Prozent der Pakete kämen verspätet an. Am zuverlässigsten sei die Auslieferung in Metropolen, betroffen von den Ausständen sei vor allem der ländliche Raum in Ostdeutschland. „Manche Händler weichen auf Kurierdienste aus, was für die Unternehmen allerdings teuer ist.“

Die Gewerkschaft Verdi kündigte unterdessen an, erneut gegen den Einsatz von Beamten auf bestreikten Arbeitsplätzen vor Gericht zu ziehen. Die Verwendung von Beamten, die sich ausdrücklich weigerten, sei ungesetzlich, erklärte die stellvertretende Verdi-Chefin Andrea Kocsis am Mittwoch. Deshalb habe Verdi erneut eine einstweilige Verfügung beantragt. Die Gewerkschaft hat nach eigener Darstellung eidesstattliche Erklärungen von Beamten vorgelegt, die Tätigkeiten von Angestellten übernehmen mussten, damit aber erklärtermaßen nicht einverstanden waren. Verdi sieht die Beamten als Streikbrecher.

Post-Streik: Was Sie jetzt wissen müssen

  • Warum wird gestreikt?

    Im Januar überrumpelte die Deutsche Post die Gewerkschaft Verdi mit einem ungewöhnlichen Schritt: Der Bonner Konzern gründete 49 Regionalgesellschaften mit dem Namen Delivery GmbH. Dort werden seit April Paketboten zu den Bedingungen des Logistiktarifvertrags beschäftigt. Sie erhalten damit rund 20 Prozent weniger Lohn als ihre Kollegen, die nach dem Post-Haustarif bezahlt werden.

    Die Gewerkschaft Verdi fordert, dass die Post diesen Schritt wieder rückgängig macht. Seit April hat Verdi deshalb regelmäßig zu Warnstreiks aufgerufen, seit Anfang Juni führt die Gewerkschaft einen unbefristeten Streik. Mehr als 32.000 Post-Mitarbeiter haben ihre Arbeit niedergelegt.

    Am 3. Juli wollen der Post-Vorstand und Verdi ihre Verhandlungen fortsetzen. Der Streik soll jedoch weiterlaufen, bis es eine endgültige Einigung gibt.

  • Wer ist vom Streik betroffen?

    Die Lage ist unübersichtlich, aber zumindest bemüht sich die Post um die Information ihrer Kunden. Regionale Schwerpunkte gibt es bei den Streiks nicht. Auf der Internetseite der Post mit den Streikinformationen kann anhand der Postleitzahl geprüft werden, ob der Ausstand vor Ort eine Rolle spielt. Dabei können Kunden anhand der Postleitzahl prüfen, ob die Briefträger vor Ortstreiken oder ein zuständiges Briefverteilzentrum bestreikt wird, also ob beim Empfang oder dem Versand mit Verzögerungen zurechnen ist. Außerdem bietet die Deutsche Post eine Kundenhotline unter der Rufnummer 0228 /76367650 an.

  • Haftet die Post für verspätet zugestellte Briefe und Pakete?

    Nein, zumindest nicht generell. Beim normalen Versand von Standardbriefen oder Paketen lehnt die Post seit jeher Garantien für das Einhalten eines bestimmten Lieferdatums ab. Das Risiko, dass ein Brief oder Paketrechtzeitig ankommt, trägt immer der Versender. Weil nicht überall gleichzeitig gestreikt wird, bleiben Briefe aber in der Regel nur einen Tag liegen. Wer dringende normale Briefe und Pakete ein paar Tage früher verschickt, sollte keine Probleme bekommen.

  • Gibt es Versandarten, bei denen die Post für die termingerechte Lieferung haftet?

    Ja, zum Beispiel beim Expressversand oder der Versendung als Einschreiben. Bei diesen Versandarten verpflichtet sich die Post dazu, einen bestimmten Zustelltermin einzuhalten. Hält sieden Termin nicht ein, muss sie für Schäden haften haften. Dafür verlangt sie auch ein deutlich höheres Porto als beim Standardversand. Die Express-Sendungen übernimmt bei der Deutschen Post ein Dienstleister, der vom Streik verschont bleibt. Allerdings haben Kunden bei Verspätungen aufgrund von Streiks auch hierkeinen rechtlichen Anspruch auf Schadenersatz, da Streiks als Haftungsgrund in den AGB der Post explizit ausgeschlossen sind. Solange die Express-Sparten nicht bestreikt werden, können sich Kunden also auf das rechtzeitige Eintreffen von Express-Sendungen verlassen.

  • Übernimmt die private Haftpflichtversicherung den Schadenersatz, wenn meine Post verspätet beim Empfänger eintrifft?

    Selbst wenn es eine Versicherung gäbe, die für die Haftung infrage käme: Ein Streikgilt juristisch als höhere Gewalt. Dafür ist laut Gesetzeine Haftung ausgeschlossen, also auch wenn Postsendungen streikbedingt zu spät kommen. Wer also beispielsweise Konzertkarten per Postverschickt, die dann erst nach der Veranstaltung beim Empfängereintreffen, steht selbst in der Haftung

  • Was geschieht, wenn wichtige Schriftstücke verspätet ankommen?

    Verbraucherzentralen weisen etwa bei Kündigungsschreiben darauf hin, dass sich Verträge verlängern, wenn das Kündigungsschreiben erst nach Ablauf der Frist beim Empfängereintrifft. Die Regeln zu Vertragslaufzeiten und Kündigungsfristensind in den Verträgen und Allgemeinen Geschäftsbedingungen fixiert. Kündigungen bedürfen grundsätzlich der Schriftform, wenn es der Vertragspartner in seinen Geschäftsbedingungen nicht anders geregelt hat. Vom Streik Betroffene sollten das Vertragswerk daher prüfen und gegebenenfalls alternative Versandmethoden nutzen oder den Vertragspartner um einen Fristverlängerung bitten. Kulante Vertragspartner dürften für die Dauer des Streiks darauf eingehen.

  • Welche alternativen Versandmethoden kommen in Frage?

    Beiden Paketzustellern gibt es bekannte Wettbewerber wie Hermes, GLS, DPD und andere. Bei Briefen sind Alternativen für Privatkunden rar. Post-Konkurrenten wie TNT oder PIN arbeiten nur für Firmenkunden, Betriebe können sie also nutzen. Je nach Region gibt es allerdings auch für Privatpersonen alternative Briefzusteller. Eine Übersicht der Anbieter bietet zum Beispiel posttipp.de. Aber vielleicht geht es auch ohne Brief, zum Beispiel mit dem per Fax oder mitpersonifizierter und verschlüsselter DE-Mail, wie sie Telekom und Internetdienstleister wie web.de, GMX oder 1&1 anbieten. Zu den Sicherheitsstandards informiert Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik(BSI) auf seinen Online-Seiten. Wem das zu umständlich ist, kann Briefe entweder selbst beim Empfänger einwerfen - am besten im Beisein von Zeugen -oder sich beim Empfängererkundigen, ob der auch normale E-Mails akzeptiert.

  • Was muss der Kunde bei Paketretouren beachten?

    Hier besteht im Prinzip kein zusätzliches Risiko. Ein Kaufvertrag über online bestellte Waren kann innerhalb von 14 Tagen widerrufen werden. Zur Einhaltung der Widerrufsfrist ist es ausreichend, wenn die Wareinnerhalb dieses Zeitraums abgeschickt wird. Allerdings sollte dann als Nachweis für den rechtzeitigen Versand der Einlieferungsbeleg aufbewahrt werden.

  • Was tut die Post gegen die Streikfolgen?

    Zum einen setzt die Post in den Verteilzentren vorrübergehend auch Mitarbeiter der Verwaltung ein. Die noch immer rund 40.000 Beamten bei der Postdürfen nicht streiken und müssen teilweise aushelfen. In grenznahen Regionen springen auch Post-Mitarbeiteraus dem Ausland ein. Dadurch kamen am ersten Streiktag immernoch neun von zehn Postsendungen pünktlich. Zum Glück können die Sortiermaschinen in den Verteilzentren nicht streiken. Durch den Einstieg der Briefzusteller in den Streik wird es aber voraussichtlich zu deutlich mehr Verspätungen kommen.

Die Gewerkschaft hatte schon einmal gegen Beamteneinsätze geklagt. Ende Mai stellte ein Gericht fest, der „zwangsweise“ Einsatz von Beamten bei Angestelltenstreiks der Post sei untersagt, freiwillige Einsätze aber erlaubt.

Der Poststreik läuft mittlerweile bereits in der dritten Woche. Am Dienstag hatte die Gewerkschaft Verdi wieder Zehntausende Mitarbeiter zu Arbeitsniederlegungen aufgerufen. Laut Post werden etwa 80 Prozent der Briefe und Pakete pünktlich befördert. Millionen Lieferungen verzögern sich aber jeden Tag.

Anzeige
Unternehmer stellen sich vor
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%