Sanierungshype : Insolvenzverwalter sehen Eigenverwaltung skeptisch

Sanierungshype : Insolvenzverwalter sehen Eigenverwaltung skeptisch

von Henryk Hielscher

Die Reform des deutschen Insolvenzrechts verschiebt die Machtbalance in der Sanierer-Branche. Der Verband Insolvenzverwalter Deutschlands fürchtet um die Unabhängigkeit der Zunft.

Im Grunde blicken Deutschlands Insolvenzverwalter in eine sonnige Zukunft: Die Euro-Krise schwelt weiter, die Konjunkturaussichten verfinstern sich und in China lässt das Wachstum nach. Kurz: Für die Wirtschaft könnte es im kommenden Jahr abwärts gehen – und mit den Pleitezahlen 2013 wohl weiter nach oben. Neben der gebeutelten Solarindustrie und der Schifffahrtsbranche, zeichnen sich nun auch bei Autozulieferern, im Handel und bei Maschinenbauern steigende Insolvenzzahlen ab. Für die Verwalter heißt das: auf sie wartet reichlich Arbeit und für die Stars der Zunft lukrative Großverfahren.

Anzeige
Arbeitsplatzverluste bei deutschen Pleite-Unternehmen

Jahr

Anzahl der Personen

Veränderung zum Vorjahr

2009521.000 + 16,6 Prozent
2010240.000- 53,9 Prozent
2011 236.000- 1,7 Prozent

Doch trotz der Perspektiven will unter Insolvenzverwaltern derzeit wenig Partystimmung aufkommen. Bei der Jahrestagung des Verbands der Insolvenzverwalter Deutschlands (VID), die am Freitag in Berlin beginnt, dürfte denn auch die Skepsis überwiegen. Ein Grund ist die im März in Kraft getretene Reform des Insolvenzrechts, die die Branche gehörig umkrempelt. So haben die Gläubiger nun deutlich mehr Einfluss auf die Verfahren. Zudem wurde die sogenannte Eigenverwaltung gestärkt, bei der die Geschäftsführung eines Krisenunternehmens die Sanierung in Eigenregie vorantreibt.

Reform ist umstritten

Ein halbes Jahr nach Start der Reform zeigt sich: Die neuen Sanierungswerkzeuge werden zwar durchaus genutzt - ob immer zum Nutzen von Gläubigern und Beschäftigten ist indes fraglich. Längst haben Experten einen regelrechten „Sanierungshype“ in Deutschland ausgemacht. Tatsächlich gibt es derzeit kaum ein auch nur halbwegs prominentes Verfahren, dem nicht das Etikett Schutzschirm oder Eigenverwaltung anhaftet.

Dass ein klassisches Verfahren, letztlich auch die Abwicklung einer maroden Firma bisweilen für die Gläubiger sinnvoller ist, als weiteres Geldverbrennen durch künstliche Lebensverlängerung gerät dabei außer Acht. „Den derzeitigen Boom der Eigenverwaltungen sehe ich skeptisch“, sagt der VID-Vorsitzende Christoph Niering gegenüber der WirtschaftsWoche. „Nicht jedes Verfahren ist dafür geeignet“. 

Was ändert sich am Insolvenzrecht?

  • Was ändert sich für Gläubiger?

    Die Gläubiger sollen mehr Rechte bekommen und so beispielsweise Einfluss auf die Auswahl des Insolvenzverwalters bekommen. Auch bei der Anordnung der Eigenverantwortung soll ein Gläubigerausschuss mitbestimmen können. Die Meinung des Gläubigerausschusses soll unter gewissen Umständen für den Richter bindend sein.

  • Was ändert sich für Schuldner?

    Nach neuem Recht hat ein Schuldner eine dreimonatige Schonfrist, bevor der Kuckuck anklopft. Sobald die Zahlungsunfähigkeit am Horizont auftaucht, kann der Schuldner unter Aufsicht eines vorläufigen Sachverwalters in Eigenverwaltung einen Sanierungsplan ausarbeiten. Anschließend kann der Plan als Insolvenzplan umgesetzt werden. In dieser Zeit ist der Schuldner vor seinen Gläubigern geschützt, Gerichte sollen eventuelle Zwangsvollstreckungen vorläufig einstellen können. So soll der Schuldner die Chance bekommen, sein Unternehmen zu sanieren, ohne dass ihm schon die Maschinen aus der Fabrik getragen werden.

  • Wer ist zuständig?

    Dank der Gesetzesreform soll sich künftig nur noch ein Insolvenzgericht pro Landgerichtsbezirk mit den Unternehmens- und Verbraucherinsolvenzen beschäftigen.

  • Wer kümmert sich ums Geld?

    Damit auch bei Insolvenz Finanztransaktionen ordentlich zu Ende gebracht werden, soll die Rolle von Clearinggesellschaften gestärkt werden. Solche Clearinghäuser sind dafür zuständig, im Finanzsektor gegenseitige Forderungen und Verbindlichkeiten festzustellen und Wertpapiertransaktionen zu verbuchen. Ihnen kommt eine Art Treuhänderfunktion zu.

  • Wo erfahre ich, wer insolvent ist?

    Die Insolvenzstatistiker sollen mehr Rechte bekommen: Künftig stehen der Ausgang von Insolvenzverfahren sowie belastbare Angaben über die finanziellen Ergebnisse in der Statistik. Dazu gehören zum Beispiel die Zahl der erhaltenen Arbeitsplätze und die Höhe der Gelder, die die Gläubiger bekamen.

Zudem werden die neuen Regeln von Insolvenzgerichten bislang recht unterschiedlich interpretiert. Mal werden Gläubigerwünsche komplett ignoriert, mal allzu freizügig akzeptiert, heißt es aus bundesweit tätigen Kanzleien. Unter den Verwaltern ist die Reform daher insgesamt umstritten, zumal in der Branche inzwischen eine weitere Konsequenz diskutiert wird: Die Machtbalance in Insolvenzverfahren verschiebt sich. „Es ist eine Unwucht entstanden“, sagt Niering. „Es gibt zunehmend Akteure die als Profigläubiger versuchen, die Verfahren in ihre Richtung zu lenken.“

weitere Artikel

Die jüngste Reform des Insolvenzrechts habe Insolvenzverfahren anfälliger für Missbrauch gemacht, kritisiert denn auch sein Verband. So gefährde der wachsende Einfluss von Beratern die Unabhängigkeit von Insolvenzverwaltern und damit die Interessen der Gläubiger. Auch Banken würden zunehmend versuchen, durch massiven Druck Einfluss auf die Verwalterauswahl zu nehmen. 

Wie die Verwalter auf die neue Lage reagieren sollen, dürfte die Diskussionen in Berlin beherrschen. Niering: „Wir brauchen mehr Klarheit und Transparenz bei der Auswahl der Verwalter. Die Unabhängigkeit des Verwalters muss gewährleistet sein. Zudem sollten auch die Gerichte stärker darauf achten, ob die Eigenverwaltung überhaupt der richtige Weg ist.“

Allein wie das Ganze in der Praxis umgesetzt werden kann, ist bislang allerdings offen.

Anzeige
Unternehmer stellen sich vor
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%