Sanierungsplan: Wie Stefan Pichler Air Berlin retten will

Sanierungsplan: Wie Stefan Pichler Air Berlin retten will

, aktualisiert 30. April 2015, 15:21 Uhr
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Stefan Pichler, der Chef der Fluggesellschaft Air Berlin, hat eine schwierige Aufgabe übernommen.

von Rüdiger Kiani-Kreß

Die Zahlen von Air Berlin sind trostlos. Jetzt ist der neue Chef gefragt: Wie Stefan Pichler die angeschlagene deutsche Fluggesellschaft in drei Phasen sanieren will.

Bei Air Berlin sind echte Optimisten derzeit noch seltener als bei den anderen Traditionslinien Europas anzutreffen. Die Gesellschaft mit Sitz in der Nähe des Flughafens Tegel hat in den vergangenen vier Jahren drei Chef-Wechsel gesehen und sonst nur wachsende Verluste und Entlassungen.

Wenn also der neue Chef Stefan Pichler im am Donnerstag veröffentlichten Geschäftsbericht – neben den erwartet trostlosen Zahlen - mal wieder ein neues Rettungskonzept zeichnet, ist zunächst Skepsis angesagt. Zumal Pichlers Ideen von heute doch wieder leicht anders ausfallen als die ersten Versionen von Anfang März.

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Doch bei aller Vorsicht: Die heutigen Renovierungsvorgaben machen deutlich mehr Sinn als die bisherigen. Denn sie gehen über generelle Ankündigungen hinaus und bieten stattdessen vergleichsweise radikale Ideen, Details und einen klaren Zeitplan. Aus gutem Grund: Ohne die Strenge hätte Pichler sicher kein "Ok" von Hauptaktionär Etihad aus Abu Dhabi bekommen. Der kommt allmählich an die Grenzen seiner Geduld, heißt es in Aufsichtsratskreisen. „Sie zahlen zwar die Verluste ihres Berliner Engagements angesichts ihrer Staatshilfen aus der Portokasse, doch den Gesichtsverlust eines dauerhaften Pflegefalls verzeihen sie nicht.“

Der aktuelle Pichler-Plan hat drei Phasen, bei denen er die alte Logik umdreht: Statt weiter entschlossen zu sparen und später zu reformieren, widmet er sich erstmal bisher vernachlässigten Dingen. Er will Ordnung in der Verwaltung schaffen, dann mit neuem (und nicht unbedingt mehr) Service zu höheren Einnahmen kommen. Erst am Schluss folgt dann noch mal eine Kostenrunde.

Die Chronik von Air Berlin

  • Sonderrechte im geteilten Berlin

    Vor 38 Jahren hob der erste Air-Berlin-Flieger ab. Alles begann mit alliierten Sonderrechten zur Landung im geteilten Berlin. Nach der Wende wuchs Air Berlin zur Nummer Zwei am Himmel über Deutschland heran, doch dann folgte eine jahrelange Krise.

  • 1970er- bis 90er-Jahre

    1978: Gründung als Chartergesellschaft durch den Ex-Pan-Am-Pilot Kim Lundgren. Erstflug am 28. April 1979 von Berlin-Tegel nach Mallorca. Die Flotte umfasst zwei Maschinen.

    1991: Im April kauft der LTU-Manager Joachim Hunold die Mehrheit der Anteile. Es gibt kurz darauf 15 Flüge pro Tag. Air Berlin expandiert und stationiert zunehmend auch Flugzeuge auf Regionalflughäfen.

    1998: Mit dem Mallorca Shuttle Einstieg ins Linienfluggeschäft.

  • 2004

    Einstieg zu 25 Prozent bei der österreichischen Fluggesellschaft Niki des früheren Rennfahrers Niki Lauda.

  • 2006

    Börsengang und Kauf der Fluggesellschaft dba.

  • 2007

    Kauf des Ferienfliegers LTU, damit auch Interkontinentalflüge.

  • 2008

    Air Berlin rutscht in die roten Zahlen, legt das erste Sparprogramm auf: Strecken fallen weg, Flugzeuge werden ausgemustert. Die Übernahme des Ferienfliegers Condor scheitert.

  • 2010

    Air Berlin kündigt für 2012 den Eintritt in das Luftfahrtbündnis Oneworld an.

  • 2011

    Hunold wirft das Handtuch, Hartmut Mehdorn übernimmt. Ein weiteres Sparprogramm soll das operative Ergebnis um 200 Millionen Euro verbessern. 18 der 170 Maschinen werden verkauft.

  • 2012

    Die arabische Staatsairline Etihad erhöht ihren Anteil von knapp 3 auf 29,2 Prozent und stützt die Airline mit einem 255-Millionen-Dollar-Kredit. Ein neues Sparprogramm beginnt. Der Verkauf des Vielfliegerprogramms an Großaktionär Etihad bringt nur vorübergehend wieder schwarze Zahlen.

  • 2013

    Wolfgang Prock-Schauer wird Vorstandschef und verschärft das von Mehdorn im Vorjahr aufgelegte neue Sparprogramm. Jeder zehnte Arbeitsplatz fällt weg, die Flotte schrumpft auf 142 Maschinen.

  • 2015

    Im Februar löst Stefan Pichler den glücklosen Prock-Schauer ab. Air Berlin macht 447 Millionen Euro Verlust - so viel wie nie.

  • 2016

    Nach einem juristischen Tauziehen kann Air Berlin den größten Teil der wichtigen Gemeinschaftsflüge mit Etihad weiter anbieten. Die Zahlen bessern sich nicht. Gespräche mit Lufthansa über einen Verkauf von Geschäftsteilen beginnen. Mit einem tiefgreifenden Umbau und der Streichung von bis zu 1200 Arbeitsplätzen will Air Berlin seine Krise überwinden.

  • 2017

    Air Berlin bekommt einen neuen Chef. Der Lufthansa-Manager und früheren Germanwings-Chef Thomas Winkelmann wird Vorstandschef. Air Berlin führt ihren Flugbetrieb in zwei getrennten Geschäftsfeldern weiter: Langstreckenflüge und Städteverbindungen in Europa werden zusammengefasst, Urlaubsflüge unter der Marke Niki geführt. Lufthansa erklärt sich bereit, Air Berlin zu übernehmen, wenn der Großaktionär Etihad zuvor die Schulden übernähme.

  • 15. August 2017

    Air Berlin meldet Insolvenz an. Zuvor hatte Etihad seine finanzielle Unterstützung eingestellt. Ein 150-Millionen-Euro-Kredit des Bundes soll den Flugbetrieb zunächst sichern.

Phase 1: Neues Management

Beginn: 1. April 2015, Ende: Herbst 2015

Nach drei Monaten im Amt hat Pichler die Konzernführung bereits stärker umgebaut als seine drei Vorgänger. Dabei hat er fast alle alten Führungskräfte mit Verbindungen zur früheren Spitze um den de-facto-Gründer Joachim Hunold ersetzt. Als erstes überließ er Mutter Etihad den Finanzchef Ulf Hüttmeyer. Der ist vor allem bekannt dafür, immer neuen Wege zu finden, mit dem Verkauf von Firmenvermögen die Lücken zu stopfen und Gründe für die ständigen Verfehlungen beim Finanzziel parat zu haben.

Air Berlin mit Rekordverlust Pichlers schwere Bürde

Die Krisen-Fluglinie Air Berlin hat den größten Verlust ihrer Geschichte eingeflogen. Auf dem neuen Chef, Stefan Pichler, lastet ein hoher Druck. Scheitern seine Umbaupläne, steht es um die Zukunft der Airline schlecht.

Der neue Air-Berlin-Chef Stefan Pichler will die Fluglinie endlich profitabel machen. Quelle: dpa

Bis zum Herbst soll nun mindestens ein Dutzend Neulinge zu der Fluggesellschaft kommen. Den Anfang macht Julio Rodriguez vom Nobel-Billigflieger Vueling aus Barcelona, der den Vertrieb, die richtige Preissetzung und das Digitalgeschäft kümmern soll. Abgerundet wird der Umbau durch einen neuen Leiter des Flugbetriebs, einen neuen Netzplaner sowie unter anderem einen neuen Chef bei der Wiener-Tochter Niki.

Die Neulinge sollen Air Berlin neu denken. Deshalb ordnet Pichler auch die bislang oft zersplitterten Zuständigkeiten neu. So will er die aus seiner Sicht überholten Praktiken im Konzern austreiben. Dazu zählt vor allem, dass endlich moderne Prognosesysteme die Frage klären, wie viele Tickets Air Berlin wann zu welchem Preis verkauft. Bislang erledigen das die Mitarbeiter mehr oder weniger händisch, wodurch die Linie fast immer zu billig anbietet.

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