Scharfe Kritik am Umgang mit Germanwings-Unglück: "Veröffentlichung ist ein Vertrauensbruch"

Scharfe Kritik am Umgang mit Germanwings-Unglück: "Veröffentlichung ist ein Vertrauensbruch"

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Der französische Staatsanwalt Brice Robin (Mitte) gab auf einer Pressekonferenz am Donnerstag persönliche Daten des Co-Piloten preis.

Nach der Veröffentlichung erster Ermittlungsergebnisse im Fall des verunglückten Germanwings-Fluges wird Kritik am Vorgehen der Behörden laut. Piloten bemängeln den Umgang mit sensiblen Informationen.

Die Veröffentlichungen der ersten Ermittlungsergebnisse im Fall der verunglückten Germanwings-Maschine deuten auf eine schockierende Schuld des Co-Piloten hin. Bei vielen Piloten stößt der Umgang mit den sensiblen Daten auf Kritik. Es sei unmöglich, dass die Informationen so an die Öffentlichkeit getragen werden, heißt es in Pilotenkreisen.

Die Flugzeugkapitäne kritisieren zum einen, dass die ersten Erkenntnisse so schnell veröffentlicht wurden. Zum anderen würde bereits über Schuldzuweisungen und Maßnahmen diskutiert, obwohl das vollständige Band des Stimmrekorders bislang nur von wenigen Behördenmitgliedern gehört worden sei.

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Germanwings-Flug Airbus-Absturz bleibt weiter mysteriös

Nach dem Germanwings-Unglück suchen Bergungskräfte weiter nach dem zweiten Flugschreiber. Die Lufthansa zeigt sich nun überrascht von der Erkrankung des Co-Piloten, der für den Absturz verantwortlich sein soll.

huGO-BildID: 42769339 A rescue worker descends from a helicopter at the crash site near Seyne-les-Alpes, France, Thursday, March 26, 2015. The co-pilot of the Germanwings jet barricaded himself in the cockpit and ìintentionallyî rammed the plane full speed into the French Alps, ignoring the captainís frantic pounding on the cockpit door and the screams of terror from passengers, a prosecutor said Thursday. In a split second, he killed all 150 people aboard the plane. (AP Photo/Laurent Cipriani) Quelle: AP

Auf massive Kritik stößt auch der Umstand, dass die französische Staatsanwaltschaft auf einer Pressekonferenz am Donnerstag den vollständigen Namen des Co-Piloten, seinen Heimatort und sein Alter nannte.

"Absichtlicher Sinkflug"

Nach den ersten Ermittlungserkenntnissen auf Grundlage der ausgewerteten Audiodateien aus dem Stimmrekorder sehen die Behörden im Co-Piloten den Schuldigen für den Absturz. Er soll den Piloten aus dem Cockpit ausgesperrt und anschließend den Sinkflug des A320 eingeleitet haben. Bei dem Absturz in den französischen Alpen am Dienstagvormittag starben 150 Menschen. Weil auf den Tondateien laut Staatsanwalt das gleichmäßige Atmen des Co-Piloten zu hören ist, gehen die Ermittler davon aus, dass er den Absturz bei vollem Bewusstsein und absichtlich herbeigeführt hat.

Die Fakten zum Germanwings-Absturz

  • Der Flug

    Der Airbus A320 ist am Dienstag um 10.01 Uhr mit 150 Menschen an Bord in Barcelona gestartet. Kurz nach dem Erreichen der regulären Reiseflughöhe von 38.000 Fuß (11,5 Kilometer) ging die Maschine ohne Hinweis an die französische Flugkontrolle oder ein Notsignal in einen schnellen Sinkflug über. Das Flugzeug zerschellte in den französischen Alpen. Die Maschine flog bis zum Aufprall, ohne dass es eine Explosion gab, wie die französische Untersuchungsbehörde BEA mitteilte.

  • Die Opfer

    An Bord der Maschine waren 150 Menschen, darunter nach jüngsten Informationen 72 Deutsche und 50 Spanier. Weitere Opfer stammen nach Angaben von Regierungen und Germanwings offenbar aus den USA, Großbritannien, Kasachstan, Argentinien, Australien, Kolumbien, Mexiko, Venezuela, Japan, den Niederlanden, Dänemark, Belgien und Israel.

  • Die Unglücksstelle

    Die Germanwings-Maschine verunglückte in den französischen Alpen nahe der kleinen Ortschaft Seyne-les-Alpes. Die Bergung der Wrackteile ist schwierig. Das Gelände an der Unglücksstelle ist zerklüftet und nur schwer zugänglich. Weil die Maschine mit hoher Geschwindigkeit auftraf, sind die Trümmerteile sehr klein und weit verstreut.

    Die Bergung der Opfer wurde am 31. März abgeschlossen. Das Kriminalinstitut der französischen Gendarmerie erklärte, die eigentliche Identifizierung, also die Zuordnung zu den Vergleichsdaten der Angehörigen, könne zwei bis vier Monate dauern.

  • Die Blackbox

    Die Ermittler haben bereits auswertbare Daten aus dem ersten Flugschreiber, dem Stimmrekorder, sichergestellt und ausgewertet. Laut der französischen Staatsanwaltschaft war zum Zeitpunkt des Absturzes nur der Co-Pilot im Cockpit. Der Stimmrekorder hat bis zuletzt Atemgeräusche im Cockpit aufgezeichnet, der Co-Pilot war also am Leben. In den letzten Minuten, bevor der A320 an einer Felswand zerschellte, zeichnete der Rekorder auf, wie der ausgesperrte Kapitän und die Crew von außen gegen die Cockpit-Tür hämmern. Die Ermittler gehen daher davon aus, dass der Co-Pilot die Maschine absichtlich zum Absturz brachte.

    Der zweite Flugschreiber, der detaillierte Flugdaten aufzeichnet, wurde bislang nicht gefunden.

  • Das Flugzeug

    Der Mittelstreckenflieger A320 hatte seinen Jungfernflug 1987 und wurde ein Jahr später erstmals von Airbus an Kunden ausgeliefert. Seither hat er sich in verschiedenen Varianten zum meistverkauften Passagierjet von Airbus entwickelt. Bis Ende Februar hatte der Hersteller von seiner absatzstärksten Modellfamilie knapp 6500 Maschinen an die Kunden überstellt.

    Die Unglücksmaschine war seit mehr als 24 Jahren im Einsatz, verfügte laut Auskunft der Lufthansa jedoch über neueste Technik und habe alle Sicherheitsanforderungen erfüllt. Noch einen Tag vor der Katastrophe sei der Flieger einem Routinecheck unterzogen worden.

  • Der Pilot

    Der Kapitän des abgestürzten Flugzeugs galt als erfahren. Er hatte seit mehr als zehn Jahren für Germanwings und Lufthansa gearbeitet. Auf dem Modell Airbus hatte er mehr als 6000 Flugstunden absolviert.

    Zu den Geschehnissen im Cockpit der Germanwings-Maschine sagte der Lufthansa-Chef Carsten Spohr: „Es gab ein technisches Briefing zum weiteren Flugverlauf. Dann hat der Pilot dem Co-Piloten das Steuer überlassen.“ Zum Verlassen des Cockpits durch den Kapitän sagte Spohr: „Der Kollege (Pilot) hat vorbildlich gehandelt, er hat das Cockpit verlassen, als die Reiseflughöhe erreicht war.“

  • Der Co-Pilot

    Der Co-Pilot der Unglücksmaschine war seit 2013 bei der Lufthansa-Tochter beschäftigt. Zuvor hatte er seit etlichen Jahren für den Konzern gearbeitet, auch als Flugbegleiter. Vor sechs Jahren gab es eine mehrmonatige Unterbrechung der Pilotenausbildung, danach wurde die Eignung des Mannes nach allen Standards überprüft. „Er war 100 Prozent flugtauglich. Ohne jede Auffälligkeit“, sagte Spohr.

    Ermittler durchsuchten auf Bitte der französischen Justiz zwei Wohnungen des Co-Piloten. Dort wurde eine zerrissene Krankschreibung gefunden, die auch den Tag des Absturzes umfasste. Der 27-Jährige war vor mehreren Jahren - vor Erlangung des Pilotenscheines - über einen längeren Zeitraum wegen Depressionen und Selbstmordgefährdung in psychotherapeutischer Behandlung.

    Quellen: dpa, reuters, sha, jre

Warnung vor voreiligen Schlüssen

Die IFALPA, ein weltweiter Zusammenschluss nationaler Berufsverbände der Flugzeugführer, verurteilt die Veröffentlichung dieser Erkenntnisse. „Nicht nur, dass diese Leaks im Widerspruch zu den international vereinbarten Grundsätzen der Vertraulichkeit bei Unfalluntersuchungen stehen. Sie sind auch ein Vertrauensbruch gegenüber allen, die an den Untersuchungen beteiligt sind - und gegenüber den Familien der Opfer“, heißt es in einer Mitteilung.

Die Details der Stimmrekorder-Auswertung sollten erst nach einer genauen und vollständigen Analyse des Unglücks veröffentlicht werden. Die vorzeitige Bekanntgabe nicht analysierter und unvollständiger Aufzeichnungen beeinträchtige den Ermittlungsprozess und könne nur zu voreiligen Schlussfolgerungen führen.

Die deutsche Pilotenvereinigung Cockpit warnt vor voreiligen Schuldzuweisungen und davor, vorschnell Maßnahmen als Folge des Unglücks zu ergreifen. "Wir dürfen keine voreiligen Schlüsse auf der Basis von unvollständigen Informationen ziehen. Erst nach Auswertung aller Quellen werden wir wissen, was die Gründe für diesen tragischen Unfall gewesen sind", so Ilja Schulz, Präsident der Vereinigung Cockpit.

Kostenfreie Stornierung Germanwings zeigt sich kulant

Nach dem schrecklichen Flugzeugabsturz einer Germanwings-Maschine zeigt sich das Unternehmen kulant. Gebuchte Flüge können unter einer eigens eingerichteten Hotline storniert werden.

Passagiere in einem Airbus A321 Quelle: REUTERS

„Wir verstehen, dass viele Fakten auf eine bestimmte Theorie für die Ursache für dieses Unglücks hinweisen“, erklärt die europäische Pilotenvereinigung ECA. Dennoch bleiben viele Fragen in diesem Stadium unbeantwortet. Viele Piloten befürchten, dass durch voreilige Schuldzuweisungen und Verdächtigungen der ganze Berufsstand in Misskredit gebracht wird.

Nach Bekanntwerden der möglichen Schuld des Co-Piloten hat das Rätselraten um dessen Motiv begonnen. In vielen Medien wird nun über psychische Erkrankungen spekuliert. Deutsche Ermittler haben bereits die Wohnungen des Co-Piloten nach Hinweisen durchsucht.

Zudem wird kontrovers darüber diskutiert, ob eine zweite Person im Cockpit das Unglück hätte verhindern können.

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