Serdar Somuncu: Konsumgier verdirbt den Spaß am Kino

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Serdar Somuncu ist Kabarettist und Buchautor.

Kolumne

Früher wurden Filme gedreht, weil man eine Idee hatte. Heute werden Filme gedreht, damit die Konsumgüter-Industrie ihre neuesten Plagen unters Volk bringen kann.

Ich finde ja, es gibt nichts Schlimmeres als Spießer, die sich darüber beschweren, dass früher doch alles so viel besser war. Manchmal ertappe ich mich allerdings dabei, selbst einer zu sein.

Ich war seit langer Zeit mal wieder im Kino, und ich weiß nicht, ob es daran lag, dass ich den Film nicht besonders mochte oder einfach nur Pech hatte, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Das Ganze hat mich jedenfalls mehr an eine Fütterungszeremonie ausgehungerter Horden von Pubertierenden erinnert als an eine Filmvorführung.

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Früher kam man zum Kino, und hinter einer kleinen Scheibe saß eine dicke Frau, die von einer der drei unterschiedlich farbigen Ticketrollen ein kleines Stückchen Papier abriss. Dann kaufte man sich höchstens noch eine Packung Katjes und eine Limo und ging in den Saal. Heute steht man in einem Hightech-Hindernisparcours Schlange und kann sich über Film und Anzahl der freien Plätze informieren, ehe man – bei seinem „Berater“ angelangt – gemeinsam seinen Wunschplatz wählt, eine hässliche 3-D-Brille bekommt und in eines der gefühlt 20 unterschiedlichen Kinos eingewiesen wird.

Zum Autor

  • Serdar Somuncu

    Serdar Somuncu ist Kabarettist, Buchautor und Schauspieler. Der 48-Jährige tritt unter anderem regelmäßig in der ,,heute-show" des ZDF auf.

Früher war Kino nicht nur Kommerz

Dort wartet eine dreiwöchige Expedition zum Himalaja auf uns. Anders kann es nicht sein, denn auf dem kurzen Weg in den Saal kann man sich mit Unmengen von Proviant versorgen. Eimerweise Popcorn, süß oder salzig, Cola in Ein-Liter-Bottichen, kiloweise Nachos mit Jalapeños und Käse überbacken wandern über die Theken.

Angekommen im Saal schaltet das Produktbombardement von analog auf digital: Werbung zu Hipsterprodukten dröhnt von der Leinwand, natürlich im Surround-Sound.

Die Kinobranche in Zahlen

  • Zahl der Kinos

    In Deutschland gibt es ein Kinosterben. Zwischen 2003 und 2013 ging die Zahl der Lichtspielhäuser um rund 200 zurück. Vor allem in Kleinstädten und Randgebieten gaben Kinobetreiber auf. Aber auch in Großstädten fällt immer häufiger der letzte Vorhang. Knapp 1700 Spielstätten gibt es derzeit noch – Tendenz sinkend.

  • Besucherzahlen

    Die Deutschen gehen immer weniger ins Kino. 2003 kauften nach Angaben der Filmförderungsanstalt (FFA) noch 149 Millionen Besucher eine Eintrittskarte. Im Jahr 2013 waren es fast 20 Millionen weniger.

  • Umsatz

    Trotz der sinkenden Zahl an Zuschauern setzen die Kinobetreiber mehr Geld um. Von 850 Millionen Euro im Jahr im Jahr 2003 ist der Gesamtumsatz der Branche in Deutschland auf 1,023 Milliarden im Jahr 2013 gestiegen.

  • Preis für eine Kinokarte

    Grund für das Umsatzwachstum ist der stetig steigende Ticketpreis: 5,70 Euro kostet eine Eintrittskarte im Jahr 2003 durchschnittlich. Bis 2013 kletterte der Durchschnittspreis auf 7,89 Euro. Besonders die üblichen Aufschläge für 3D-Filme treiben den Preis in die Höhe.

Das freilich ist noch nicht das Ende des Martyriums. Wer mag, kann sich zwischen Vorschau und Hauptfilm ein fettes Eis reinziehen, schließlich muss man danach geschlagene zwei Stunden auskommen, ohne zu konsumieren (abgesehen von dem Kilo Popcorn, das man ja schon mitgebracht hatte).

Früher wurden Filme gedreht, weil man eine Idee hatte. Heute werden Filme gedreht, damit die Konsumgüterindustrie ihre neuesten Plagen unter das Volk bringen kann.

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So ist das in einer durchkommerzialisierten Gesellschaft: Leute, die sich nicht wirklich für den Film interessieren, sitzen in einem Kino, in dem nicht wirklich der Film interessiert, und schauen einen Film, der genau für dieses kommerzialisierbare Desinteresse gemacht ist.

Ich weiß nicht, ob es ein Zeichen für die übertriebene Gier unserer Konsumgesellschaft ist, alles immer zu jeder Zeit gleichzeitig haben zu wollen und sich nicht mit einer Freude begnügen zu können, oder ob ich nur empfindlich bin.

Ich habe jedenfalls nach der Hälfte des Vorgeplänkels schon keine Lust mehr auf den Film gehabt und bin zum Ärger der im Hintergrund knabbernden Meute laut schnarchend eingeschlafen. Das ehrt auch nicht den Film, war aber immerhin kostenlos.

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