Sharing Economy: Krokodil frisst Taxi

Sharing Economy: Krokodil frisst Taxi

, aktualisiert 07. August 2016, 16:02 Uhr
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Kleinbusse wie dieser sollen in Berlin künftig Uber und Taxis Konkurrenz machen.

von Miriam SchröderQuelle:Handelsblatt Online

Das Berliner Start-up Allygator will den Nahverkehr revolutionieren – und internationalen Riesen wie Uber das Leben schwermachen. Ein Kilometer kostet zehn Cent. Unsere Redakteurin ist Probe gefahren.

BerlinEs gibt Tage, da verfluche ich mich dafür, dass ich so progressiv bin. Ich habe zum Beispiel kein Auto. Braucht man heutzutage ja nicht mehr, sage ich gern. Es kostet Geld, steht andauernd im Stau und Parkplätze gibt es in dem Berliner Szenestadtbezirk, in dem ich lebe, eh nur zu Weihnachten. Ganz zu schweigen von der Umwelt.

Wenn da nicht diese Tage wären, an denen es regnet. Oder wenn Sonntag ist und Bus und Bahn nur selten fahren. Nachts. Eigentlich immer, wenn ich auf dem Weg von A nach B mehr als einmal umsteigen muss und das Ziel den Preis für eine Taxifahrt nicht rechtfertigt. Dann wünsche ich mir ein Auto. 

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Zum Glück gibt es in unserem progressiven Zeitalter für fast jedes Problem eine digitale Lösung. Um die Mobilität der Zukunft kümmern sich gleich mehrere Start-ups. Eine neue App heißt Allygator. Sie ist am Freitag gestartet und ich habe sie mir gleich runtergeladen.

Beim Allygator holen Fahrer die Menschen auf Bestellung mit einem Kleinbus von zu Hause ab und bringen sie zu ihrem Ziel. Quasi ein Taxi zum Teilen. Gebucht wird per I-Phone, die Software erkennt, wenn eine neue Bestellung reinkommt, in wessen Route die gewünschte Strecke passen würde. Im Idealfall ist der Bus immer vollbesetzt. Die Gäste teilen sich die Kosten, obwohl jeder ein anderes Ziel hat.

Probehalber gebe ich ein Ziel in die App ein, und bekomme den Hinweis, dass ein passender Wagen nur ein paar Minuten von meiner Tür entfernt ist. Ob ich buchen wolle. Ich zögere. Wenn ich ein Taxi rufe, weiß ich genau, wie viel Zeit mir noch bleibt. Genug, um die Jacke anzuziehen, nochmal eine andere zu probieren und den Schlüssel zu suchen. Das Portemonnaie muss zu diesem Zeitpunkt aber schon gefunden sein.

Beim Allygator bin ich unsicher. Wo hält der jetzt genau? Mit welcher Währung bezahlt man da? Und wie werde ich ihn erkennen?

Die App hat mir verraten, dass mein Fahrer Thomas heißt und einen VW Sharan fährt. Als ich auf der Straße stehe und warte, sehe ich auf dem Display, wie sich ein Auto die Hauptstraße hochschiebt. Der fährt an meiner Straße vorbei, denke ich, da sehe ich schon, dass er rechts abbiegt und dreht. Thomas hält direkt vor meinem Haus. An dem Sharan ist eine Flagge mit einem Alligator drauf. „Hallo Miriam. Ich bekomme einen Euro“, sagt der Fahrer und hält die Hand auf.


Genug Daten gesammelt

Außer mir ist kein Gast im Auto. Ich bin froh darüber. Eine vollgestopfte U-Bahn ist unschön, vor allem im Sommer und im Winter, aber die Masse lässt die mitreisenden Fremden anonym bleiben. Unter einem Autodach eng nebeneinander sitzen und schweigen stelle ich mir unangenehm vor. Unangenehm finde ich auch die Vorstellung, dass der Allygator jetzt weiß, wo ich hinfahre. Dem Taxifahrer sagt man Tschüss und denkt „Auf Nimmerwiedersehen“. Eine App merkt sich alles.

Der Vorgänger des Allygators heißt Ally und ist eine App, die Wege optimiert. Ally, erfunden von Tom Kirschbaum und Maxim Nohroudi in Berlin, zeigt, welche Verbindungen von A nach B möglich sind, wie viel Zeit sie Anspruch nehmen und was sie kosten. U-Bahn, S-Bahn, Bus und Taxi werden verglichen mit dem Fahrrad und sogar mit dem am nächsten gelegenen Car-Sharing-Fahrzeug. Weil ich beruflich viel in der Stadt herumfahre, benutze ich Ally fast jeden Tag.

Die kostenlose App ist 2014 gestartet. Seitdem hat sie eine Menge Daten gesammelt. Ally weiß, welche Routen über die öffentlichen Verkehrsmittel schlecht verbunden sind, wie oft und wann sie verlangt werden. Der Allygator soll aus diesem Wissen jetzt Geld machen.

Aber was soll’s, ich bin ein progressiver Mensch, für den digitalen Fortschritt und meinen individuellen Komfort, gebe ich derlei Bedenken nicht zum ersten Mal auf. Außerdem will ich mich mit einer Freundin treffen. Sie wohnt in einem anderen Szenebezirk. Um zu ihr zu kommen, muss ich lange mit der S-Bahn fahren, einmal umsteigen und dann noch fast fünfzehn Minuten laufen. Bei Regen ist das doof. Auf dem Rückweg auch.

Ich könnte auch ein Carsharing-Auto nehmen. Ich bin Mitglied bei Drive Now, Multicity und Car2go. Aber ich fahre nicht gerne durch die volle Stadt, und auch nicht, wenn es dunkel ist. Außerdem stehen die Autos oft noch ziemlich weit vom Ausgangspunkt weg und müssen am Ziel auf einem legalen Parkplatz geparkt werden.

Auf dem Rücksitz des VW Sharan durch die Stadt gefahren zu werden, ist ziemlich entspannt. Ich gucke aus dem Fenster und stelle mir vor, wir würden alle bloß noch mit dem Allygator fahren. Die Autos würden vom Straßenrand verschwinden, die Bürgersteige breiter werden, die Radwege auch. Wir könnten unsere Balkonstühle auf die Parkplätze stellen. Ach, das wäre schön.

Und die Umwelt? Was für einen Antrieb das Auto hat, frage ich Thomas. „Normal“, antwortet der. In ein paar Jahren heißt normal Elektroantrieb, denke ich und stelle mir vor, wie ruhig es auf den Straßen werden wird.

Dann bekommt Thomas eine Mitteilung. Wir weichen leicht vom Weg ab und nehmen noch jemanden mit. Es ist Ulli, ein Student, der die App mal ausprobieren wollte. Das mit Milliarden bewertete US-Start-up Uber fände er doof, sagt er, außerdem ist der Dienst in Deutschland auch rechtlich nicht akzeptiert. Die Politik kritisiert an Uber, dass die Fahrer zu Dumpingpreisen fahren.


Zehn Cent für eine Fahrt

Ulli steigt nach einem Kilometer aus und zahlt zehn Cent dafür. Wie soll das funktionieren, frage ich mich. Wir sind seit einer halben Stunde unterwegs. Das Auto, in dem ich sitze, kostet mehr als 100 000 Euro. Dazu kommen die Kosten für die Fahrer, den Sprit, die Software, den Kundenservice.

Der Berliner Shuttle-Service ist ein Testmodell. Langfristig wollen Kirschbaum und Nohroudi die Idee als Franchise-Modell betreiben. Ihre Gesprächspartner sind die Verkehrsbetriebe der großen Städte. An Uber hätten sie gesehen, was passiert, wenn man die Sorgen von Politik und Gesellschaft ignoriert. Vor allem die Taxibranche läuft Sturm gegen den Dienst.

Nohroudi sagt, sie wollten bestehende Spieler auf dem Markt mit einbeziehen. So geben sie Margen, aber auch Risiko und Verantwortung ab. Die Taxifahrer sollen nämlich fest angestellt werden.

Thomas ist nicht fest angestellt, er ist selbstständiger Unternehmer, normalerweise macht er Limousinen-Service. Was er verdient, verrät er nicht, genauso wenig wie die anderen Fahrer, die ich heute noch treffen werde. Auf die Frage, ob es ein guter Stundensatz sei, lachen sie alle. Er fährt sicher und ruhig, was mich ganz nervös macht. Manchmal hält er an Ampeln, über die ein Berliner Busfahrer noch locker hinweggerauscht wäre. Auf Dauer, denke ich, muss der Allygator entweder mit seinen Preisen hoch- oder mit seinen Ansprüchen runtergehen.

Soll ich Trinkgeld geben? Der Busfahrer kriegt keins, der Taxifahrer schon, welche Regel gilt beim Allygator? Ich zahle einen Euro, mehr nicht. Fürs Taxi wären es zwanzig gewesen, für die S-Bahn 2,70 Euro. 

Für den Rückweg bestelle ich wieder den Allygator. Diesmal soll ich fünfzehn Minuten warten. Es ist jetzt viertel nach zwölf. Um halb eins bekomme ich eine SMS: „Hey Miriam. Bist Du in der Dorotheenstraße? Der Fahrer sucht Dich J“ . Die Dorotheenstraße ist ungefähr fünf Kilometer von dem Ort entfernt, an dem ich warte. Ich antworte: „Nein. Kommt noch jemand?“. Kurz darauf ruft mich eine Frau an. Es habe Softwareprobleme gegeben, ich solle bitte noch einmal buchen.


„Glückwunsch, du hast einen Bug entdeckt“

In der Zwischenzeit sind mindestens 20 Taxis an mir vorbeigefahren. Ich bleibe locker, ich bin ja progressiv, und buche noch einmal. Wieder denkt das System, ich stünde in der Dorotheenstraße. Jetzt gratuliert mir der Kundenservice per SMS: „Herzlichen Glückwunsch, Du hast einen Bug entdeckt. Du bist die erste, bei der das heute passiert ist.“ 

Ich sage, dass mich das freut. Inzwischen ist es ein Uhr. Meine Freundin und ich haben zwischendurch noch etwas gegessen, ein Bier getrunken und ein Wahlplakat geklaut, das gegen die Gentrifizierung in den Szenebezirken wettert, in denen wir leben und in denen sich ein Taxifahrer heute keine Wohnung mehr leisten kann.

Dann kommt Jens. Wieder ein Limousinen-Fahrer. Normalerweise fährt er Scheichs durch Europa. Jetzt sitze ich auf der Rückbank. 50 Cent soll die Fahrt kosten. Jens lässt sich nichts anmerken. Im weißen Hemd steigt er aus dem Wagen, nimmt mir, ohne mit der Wimper zu zucken, das Wahlplakat ab und verstaut es vorsichtig im Kofferraum.

Es gibt Tage, an denen verfluche ich mich dafür, dass ich so progressiv bin. Dieser gehört nicht dazu.

Quelle:  Handelsblatt Online
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