Singapur: Erstes Formel-1-Nachtrennen: Schlangen und Teufel

Singapur: Erstes Formel-1-Nachtrennen: Schlangen und Teufel

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Der Pokal, den der Gewinner des ersten Nachtrennens der Formel-1-Geschichte erhalten wird, steht bereit

Mit dem ersten Nachtrennen in der Formel-1-Geschichte will Singapur an seine Vergangenheit als Stadt des Motorsports anknüpfen.

Singapurs Orchard Road ist keine gute Adresse für schnelle Autos. Im Schritttempo kriechen die Pkws über die vier Spuren der belebten Shoppingmeile. Meist bleibt Zeit genug, sich vom Taxi aus in Ruhe die Auslagen der teuren Boutiquen und Kaufhäuser anzusehen, so dicht ist der Verkehr. Doch seit einigen Tagen bestaunen die Passanten sogar stehende Wagen. Ein Formel-1-Wagen des französischen Renault-Teams steht hinter mehreren Reifenstapeln an der Kreuzung mit der Scotts Road. Daneben lächeln die Fahrer Fernando Alonso und Nelson Piquet als lebensgroße Pappkameraden. Einige Hundert Meter weiter, im Eingang des Shoppingcenters Paragon, hat die Konkurrenz von McLaren-Mercedes zwischen Prada und Gucci ihren silber-roten Flitzer aufgebaut, um den sich auch hier Neugierige drängen. Kinder spielen an den Knöpfen des Lenkrads. Familien und Touristen aus China und Malaysia lassen sich vor den schnellen Wagen fotografieren. Singapur, eigentlich auf den Fußball der englischen Premier League fixiert, ist im Formel-1-Fieber.

Nach 35 Jahren wird am kommenden Wochenende der Motorsport nach Singapur zurückkehren. Auf einem gut fünf Kilometer langen Stadtkurs im Süden der Tropeninsel werden Lewis Hamilton und Felipe Massa um WM-Punkte kämpfen und der Deutsche Sebastian Vettel, Überraschungssieger von Monza, wird zeigen können, dass er auch in der Stadt mit seinem Toro Rosso ein Rennen fahren kann. Es ist nach Monaco und Valencia bereits das dritte Straßenrennen des Formel-1-Zirkus, das einzige bei Nacht. Die Fahrer werden nach Sonnenuntergang zwischen den Wolkenkratzern der Bankenstadt ihre Runden ziehen – erstmals in der Geschichte der Formel 1 wird es ein Nachtrennen geben. „Der späte Start ermöglicht es, dass das Rennen in Europa, Asien und den USA am Fernseher zu akzeptablen Uhrzeiten live verfolgt werden kann“, sagt Teo Hock Seng, Vorsitzender von Singapore GP, dem eigens gegründeten Unternehmen, das das Rennen veranstaltet.

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Zwei Jahrzehnte lang gab es Pläne, die Formel 1 nach Singapur zu holen, doch die Behörden zögerten wegen hoher Kosten und der Sicherheit in den winkligen Straßen. Der Durchbruch vor zwei Jahren ist vor allem Ong Beng Seng zu verdanken. Ong, einer der reichsten Tycoons der Stadt, hat sein Geld mit Luxushotels, Stahl und Immobilien gemacht. Der chinesischstämmige Unternehmer kämpfte an der Seite von Ecclestone für das Rennen in Singapur und konnte schließlich die Behörden überzeugen. Ecclestone und Singapurs Regierung einigten sich darauf, zunächst fünf Rennen in der Stadt auszutragen, mit einer Option auf weitere fünf.

Der Inselstaat möchte an seine Vergangenheit als asiatische Motorsportnation anknüpfen. Zwischen 1961 und 1973 wurden in der Stadt regelmäßig Grand-Prix-Rennen gestartet. Der Kurs, der über die heutige Thomson Road führte, war wegen seiner Ecken und scharfen Kurven berüchtigt und hatte bei den Fahrern den Spitznamen „Schlangen und Teufel“. Als sich bei den Rennen 1972 und 1973 einige tödliche Unfälle auf regennasser Fahrbahn ereigneten, beschloss Singapur allerdings, sich vom Motorsport zu verabschieden.

Der aktuelle Rennkurs führt durch den Stadtteil Marina Bay am südlichen Zipfel der Insel, wo die Piloten an Büros vorbei-donnern werden. Von der Start- und Zielgeraden mit der Boxengasse geht der Blick hinaus aufs Meer, wo unzählige Frachter auf die Einfahrt in den Singapurer Hafen warten. 61 Runden werden die Fahrer zu nächtlicher Stunde hier fahren, vorbei am altehrwürdigen Singapore Cricket Club, der St. Andrew’s Kathedrale und der Victoria Concert Hall. Sie werden die fast 100 Jahre alte St. Andrew’s Bridge überqueren, um dann wieder Richtung Zielgerade zu steuern. Auf dem Raffles Boulevard und der Zielgeraden am Singapore Flyer, dem Riesenrad der Stadt, auf gut 300 Stundenkilometer beschleunigen. Nur an drei Stellen bieten sich Gelegenheiten zum Überholen.

Erst vor wenigen Monaten entschieden die Veranstalter, den Grand Prix als Nachtrennen zu starten. Entlang der Strecke werden im Abstand von jeweils vier Metern an Aluminiummasten insgesamt 1600 sogenannte Leuchtprojektoren aufgehängt. Jedes der Geräte kommt auf eine Lichtstärke von 3000 Lux, und zusammen tauchen sie die Piste damit in viermal helleres Licht als eine herkömmliche Flutlichtanlage ein Fußballstadion beleuchten würde.

Singapurs Planer wollen mit dem Rennen das Image ihres kleinen Landes mit 4,5 Millionen Einwohnern aufpolieren. Bislang galt der Stadtstaat als braver und langweiliger „Nanny State“, der Risiken scheut und seinen Bürgern fast alle Entscheidungen abnimmt. Um künftig mehr Touristen anzulocken, möchte das Land als dynamische, moderne und weltoffene, auch etwas ungezügelte Metropole erscheinen, in der einmal im Jahr auch auf den Straßen jedes Tempolimit ignoriert werden darf – erlaubt sind in der Stadt 50, auf den Straßen höchstens 90 Kilometer pro Stunde. In einigen der 14 Links- und zehn Rechtskurven werden die Formel-1-Piloten sich sogar daran halten, wenn sie auf zum Teil 80 Stundenkilometer abbremsen.

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