Standort: Hamburg will auch als IT-Stadt glänzen

Standort: Hamburg will auch als IT-Stadt glänzen

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Xing-Chef Hinrichs: Der Internet-Unternehmer profitiert von der einzigartigen Szene Hamburgs

Der Hafen brachte Ruhm und Reichtum. Jetzt will Hamburg auch als IT-Stadt glänzen.

In der Hauswand klafft ein Loch, zwei Meter breit, drei Stockwerke hoch. Neben der Tür klebt ein Pappschild: „Ticking bomb games“. Eine ausgetretene Treppe führt in den ersten Stock zu einer roten Türe, die sich nur mit einer Geheimzahl öffnen lässt. Hier, in einem Hinterhof des Hamburger Schanzenviertels, tüftelt Dieter Eichert an einem Stück Hamburger Zukunft.

Rund 180.000 Euro gibt die Hansestadt aus, um das ehemalige Werk des Fahrzeugbauers Gunske in ein Gründerzentrum zu verwandeln. Gamecity:Port heißt das Projekt. Es soll Jungunternehmern den Start erleichtern, die Computerspiele entwickeln, vermarkten oder vertreiben. Die Büros lassen sich je nach Bedarf schnell verkleinern oder vergrößern, die Mitverträge können zu jedem Monatsende gekündigt werden, und der Quadratmeter kostet netto nur 6,60 Euro. Eichert ist der erste Mieter. Mit drei Partnern hat er das Unternehmen twintime gegründet, 2010 bringt er das erste Spiel heraus.

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„Gamecity:Port ist ein weiterer Beitrag zur Stärkung unserer Informationstechnologie-Branche“, sagt Hamburgs Wirtschaftssenator Axel Gedaschko. Sein Ziel: „Hamburg, soll nicht mehr allein als Hafenstadt wahrgenommen werden, sondern zunehmend auch als IT-Standort.“ Gerade verhandelt er mit auswärtigen Firmen über den Umzug an die Elbe. „Denn“, so der CDU-Politiker, „die weitere Entwicklung vieler Hamburger Branchen hängt wesentlich von der IT ab.“

Hamburg legt bei IT-Unternehmen deutlich zu

Knapp 8500 IT-Unternehmen arbeiten bereits in Hamburg, sechs Prozent mehr als im Vorjahr; zudem sitzen hier die größten deutschen Internet-Händler: Otto und Tchibo. „Innerhalb der IT-Branche wächst der Game-Bereich am schnellsten“, sagt Achim Quinke, Projektleiter der Initiative Gamecity Hamburg. Und die Handelskammer der Stadt stellt fest: „Die Game-Branche erzielt mittlerweile höhere Umsätze als die Filmwirtschaft“ – und das in einer Stadt, in der nicht nur der Norddeutsche Rundfunk sitzt, sondern auch Studio Hamburg, einer der bedeutendsten deutschen Film- und TV-Produzenten.

Längst ist um die Spiele-Unternehmer ein Kampf der Standorte entbrannt. „Als wir twintime gründeten, haben auch Berlin und München kräftig geklingelt“, erinnert sich Firmenchef Eichert. Die beiden Städte sind Hamburgs schärfste Konkurrenten, wenn es darum geht, IT-Unternehmen anzusiedeln. Doch Lars Hinrichs, Gründer und Chef der Internet-Kontaktbörse Xing, sieht „Hamburg als IT-Standort auf Platz eins“. In München gebe es zwar viele große Technologie-Unternehmen, aber darunter seien viele Vertriebsfirmen. „Hamburg hat mehr kreatives Potenzial“, sagt Hinrichs, „hier werden mehr Dinge entwickelt.“

Schon 1986 rief Hamburgs damaliger Bürgermeister Klaus von Dohnanyi dazu auf, die Stadt so zu gestalten, dass sie „kreative Menschen“ anzieht. Tiemo Kracht, Geschäftsführer der größten deutschen Personalberatung Kienbaum, diagnostizierte Kreativität kürzlich als „Teil der kulturellen DNA“ Hamburger Firmen.

Schließlich entwickelte sich die Hansestadt nach dem Krieg zu einer Medienmetropole. Hier sitzen Verlage, Sender, Werber und Filmproduzenten – Unternehmen, die seit jeher kreative Menschen anziehen. „Inzwischen ist dieser Mix aus Medien, Werbung, IT, Telekommunikation und Entertainment einmalig in Deutschland“, lobt die Handelskammer Hamburg. Neben dem florierenden Hafen- und Logistikgeschäft trug auch diese Mischung dazu bei, dass die Hansestadt im Bundesländer-Ranking der WirtschaftsWoche im Dynamikvergleich den ersten Platz belegte. Kein anderes Bundesland konnte seine Standortqualität seit 2005 stärker verbessern.

Zweiter Boom der Internet-Branche

Bereits 1997 startete Hamburg die Initiative Hamburg@work. Mit rund 2500 Mitgliedern ist sie heute das größte Netzwerk der Internet-Branche in Deutschland. Die gute Verknüpfung der einzelnen Medien- und IT-Sparten gab für twin-time-Gründer Eichert den Ausschlag, sich in Hamburg niederzulassen und nicht in Berlin oder München. „Wir können mit Gleichgesinnten Ideen austauschen, Geschäfte anbahnen und schnell die Experten finden, die wir brauchen“, sagt Eichert. Die engen Kontakte erleichtern IT-Unternehmen auch die Suche nach neuen Mitarbeitern und damit die Expansion. Mit drei, vier Beschäftigten startete Heiko Hubertz Ende 2002 sein Game-Unternehmen Bigpoint, heute beschäftigt er bereits 160 Leute, knapp 100 weitere Stellen will Hubertz noch bis Ende dieses Jahres schaffen.

Christian Gummig zog sogar von Berlin nach Hamburg, als er vor einem Jahr sein Unternehmen targa.tv einrichtete. Jetzt plant er ein Gründerzentrum für Firmen, die sich wie er auf das digitale Fernsehen spezialisieren. Vorbild ist Gamecity:Port. Noch Ende des Jahres soll das neue Zentrum stehen. Sein Name: news.tv.

„Die Internet-Branche erlebt ihren zweiten Boom“, sagt Matthias Schrader, Mitgründer und Chef des Internet-Dienstleisters SinnerSchrader. Der erste endete jäh kurz nach der Jahrtausendwende. Hamburg musste seinen Plan aufgeben, im Hafen im alten Kaispeicher A auf 55.000 Quadratmetern eine „Medienstadt unter einem Dach“ zu errichten. Heute entsteht dort die Elbphilharmonie.

Eine zweite Internet-Blase befürchtet Schrader allerdings nicht. „Damals nutzten nur vier bis fünf Millionen Deutsche das Internet, und je öfter sie surften, desto teurer wurde es“, erklärt Schrader, „heute gehen 42 Millionen Deutsche online und haben Flatrate.“ Zudem arbeiteten die Investoren von Jungunternehmern professioneller, und die Startups begännen bescheidener – mit weniger Mitarbeitern und kleineren Projekten. „Wenn heute Startups pleite gehen, geschieht das auf niedrigerem Niveau.“

Carsten Fichtelmann sitzt in einem tristen Bürohaus in Hamburg-Groß Borstel, wenige Hundert Meter entfernt von einem Metro-Markt und einem Beate-Uhse-Shop. „Büro ab 195 Euro, courtagefrei“, wirbt ein Schild vor dem Haus. Fichtelmann arbeitet im zweiten Stock. Im März 2007 hat er das Game-Unternehmen Daedalic gegründet, vor vier Wochen erschien sein erstes Spiel: „Edna bricht aus“. In der Hitliste des Internet-Händlers Amazon landete es sofort auf Platz eins.

Gut vernetzt

Struktur der Hamburger IT-Branche

Das zweite Spiel soll 2009 kommen: „New Beginning“. Der Spieler versetzt sich in die Rolle eines Wissenschaftlers und muss versuchen, die drohende Klimakatastrophe zu verhindern. Mit 100.000 Euro unterstützt Hamburg die Entwicklung des Spiels. Fichtelmann ist der Erste, der von dem neuem Förderprogramm profitiert. Es soll jungen Unternehmern helfen, den Prototyp eines Spiels zu erstellen. Denn ohne solche Muster finden die Entwickler niemanden, der ihr neues Spiel produziert, weiter finanziert und vermarktet. 1,5 Millionen Euro stellt die Stadt dafür insgesamt bereit, je Prototyp gibt sie maximal 100.000 Euro als zinsloses Darlehen – „ein Ansatz mit Vorbildcharakter“, lobte jüngst EU-Medienkommissarin Viviane Reding.

Bis 2009 will Fichtelmann die Zahl seiner Mitarbeiter von jetzt 25 auf 50 bis 70 erhöhen. „In drei bis vier Jahren“, sagt der Deadalic-Gründer, „möchte ich in einem repräsentativen Büro am Hafen sitzen.“

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