Strand, Schnee, Thermalquellen: Hokkaido: Raus aus dem Dornröschenschlaf

Strand, Schnee, Thermalquellen: Hokkaido: Raus aus dem Dornröschenschlaf

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Schon einmal blickte die Welt auf Hokkaido, nämlich bei den Nordischen Ski-Weltmeisterschaften 2004: Der slowenische Skispringer Peter Zonta fliegt vor der Kulisse von Sapporo auf der japanischen Hinsel Hokkaido gelegen ins Tal

Japans Nordinsel Hokkaido ist ein Reiseziel, das in Vergessenheit geraten ist. Der Weltwirtschaftsgipfel soll die Insel aus dem Dornröschenschlaf wecken.

Der kobaltblaue Toya-See mit seinen vier reizenden grünen Vulkankegeln glitzert auf der linken Seite, der scheinbar endlose Pazifik mit weißen Stränden und schroffen Felsen zur rechten. 600 Meter über dem Meeresspiegel blickt das Windsor Hotel Toya auf Japans nördlichster Hauptinsel Hokkaido herab auf Sand und Klippen – frische Luft und herrliche Aussichten für die G8-Elite, die vom 7. Juli bis zum 9. Juli auf diesem Gipfel auch diverse Spitzenrestaurants, das malerische Freiluft-Thermalbad, ein anspruchsvoller Golfplatz und eine exklusive Lobby erwartet. Von Weitem wirkt die Nobelherberge auf dem Poromoi-Berg wie eine mittelalterliche Trutzburg, aus der Nähe wie ein Ozeandampfer. Kritiker beschimpfen das pompöse Bauwerk wahlweise als Umweltsünde oder Geschmacksverirrung. Stammgäste aus dem 90 Flugminuten entfernten Tokio schwärmen jedoch von der Mischung aus Natur, japanischer Moderne und westlicher Großzügigkeit.

Louis Franck kümmern derzeit weder die Lästereien noch die fantastische Umgebung seines Arbeitsplatzes. Der französische Manager soll die Wünsche aller beteiligten Organisatoren des G8-Gipfels harmonisch unter sein Dach bekommen. Fast täglich kreuzen Delegationen aus den Teilnehmerstaaten im Tagungshotel auf, rauschen besitzergreifend durch die gläsernen Empfangshallen. Dem Gesandten des russischen Präsidenten ist der Indoor-Pool zu kurz, dem französischen der Jogging-Pfad zu bergig. Wer wohnt in welcher Suite und vor allem: Wer bezieht die beiden Präsidenten‧suiten?

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Besonders die USA und Russland präsentieren sich auf dem Gipfel als Großmächte. Aus Washington reist ein Schwarm von 1000 Begleitern, aus Moskau immerhin noch über 500 am Toya-See an. Das deutsche Aufgebot nimmt sich mit rund 40 Teilnehmern dagegen bescheiden aus. Den französischen Koordinationsmanager Louis tröstet, dass er für diese Massen zu wenig Raum hat. Das Fußvolk der Staats- und Regierungschef und das Medien-Heer logiert weitab in anderen Herbergen. In den 386 Zimmern, davon 100 Suiten, oben im Hotel dürfen zum Gipfel nur die politische Elite mit Ehepartnern und die engsten Mitarbeiter wohnen.

Das Naturschutzgebiet Toya-See ist in diesen Tagen zugleich eines der schönsten und am stärksten bewachten Fleckchen Erde. Schon seit Wochen liegt es fest in der Hand von Nippons Sicherheitskräften, die in Armeestärke die einzige Landstraße hermetisch abriegeln – keine Chance für militante Störenfriede, aber auch nicht für Touristen.

Der beste Schnee der Welt

Dabei verspricht sich der japanische Austragungsort nach dem Gipfel dank der Werbung in den Nachrichtensendungen viele Touristen, die gipfelbedingte Ausfälle mehr als wettmachen sollen. Die Hokkaido Economic Federation schätzt, dass in den kommenden fünf Jahren als Folge des Gipfels Umsätze von mehr als 200 Millionen Euro erzielt werden können. Das hofft auch Hotelmanager Franck. Das dünn besiedelte und vorrangig von der Landwirtschaft lebende Hokkaido kann internationale Werbung gut gebrauchen. Ausländer kennen meist nur die rund zwei Autostunden entfernte Präfekturhauptstadt Sapporo, Austragungsort der Olympischen Winterspiele 1972.

Hingegen ist der Shikotsu-Toya-Nationalpark, wo die Gipfelgäste logieren, touristisches Neuland. Angelockt hat diese Gegend, wegen der relativen Nähe, bisher nur australische Ski-Freaks, die zum Wintersport nach Hokkaido jetten. Monatelang feinster Pulverschnee ist das bislang beste Argument für eine Reise in die Toya-Gegend. Von November bis Mai fegen Winterstürme aus Sibirien trockenen Puderschnee an. Snowboarder und Skifahrer, die auf den Pisten der Alpen und der Rocky Mountains zu Hause sind, schwören, dieser Schnee sei mit nur acht Prozent Wasseranteil der beste der Welt.

Gewisse nationale Berühmtheit genießen auch die Thermalquellen. In den Kurorten Tokyo-Onsen und Noboribetsu haben alle Hotels und Herbergen eigene heiße Bäder, die entspannen und Kopfschmerzen oder Muskelverspannungen heilen sollen. Die meisten dieser Häuser aber haben ihre beste Zeit hinter sich und verschandeln reichlich angestaubt und renovierungsbedürftig die Natur.

Die schöne Landschaft für Outdoor-Aktivitäten im Frühsommer und Herbst wird erst allmählich erschlossen und ist bisher eher ein Reiseziel für abenteuerlustige Rucksack-Touristen, die am Shikotsu-See nette Campingplätze finden. Es gibt auch mehrere Golfkurse und einige Reitställe. Wanderwege, Bergsteiger-Routen und Touren für Mountainbiker sind schwer zu finden und werden vornehmlich unter Ägide der Australier entwickelt, die auch Wildwasser-Kanu-Fahrten populär machen.

Der Dornröschenschlaf hängt auch mit Ausbruch des Vulkan Usu im Jahr 2000 zusammen. Mehrfach spuckte er Rauchwolken, Steine und Aschemassen über Orte und Landschaften. Mehr als 10 000 Einwohner mussten evakuiert werden. Dieses Naturereignis traf zeitlich mit dem Platzen der japanischen „Seifenblasenwirtschaft“ zusammen, bei dem Aktien- und Immobilienpreise in den Keller und viele Japaner in den Ruin stürzten. Von dem folgenden Einbruch im Fremdenverkehr hat sich das Gebiet noch nicht wieder erholt.

Für diese wechselvolle Geschichte steht besonders das „Windsor-Hotel“, das im Volksmund auch „Tower of Bubble“ genannt wird. Das Nobelhotel wurde vor 15 Jahren von der Hokkaido Takushoku Bank auf dem Höhepunkt der Blasenwirtschaft gebaut, musste aber fünf Jahre später schließen, weil das Finanzinstitut bankrott ging. Erst 2002 fand sich mit einer Versicherungsfirma ein neuer Geldgeber, der die marode Luxusherberge für umgerechnet 37,5 Millionen Euro übernahm und damit nicht einmal ein Zehntel der ursprünglichen Kosten zahlte. Wie viel Geld er anschließend investierte, um auf den Gipfel der Weltaufmerksamkeit zu kommen, verrät der Präsident der Windsor Hotels International, Tetsuo Kuboyama, nicht. 

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