Streik bei der Lufthansa: Schlichtung gescheitert, jetzt droht Streik

Streik bei der Lufthansa: Schlichtung gescheitert, jetzt droht Streik

, aktualisiert 06. Juli 2015, 16:15 Uhr

Bei der Lufthansa sind ab sofort wieder Streiks der Piloten möglich. Die Gewerkschaft Vereinigung Cockpit hat die Vorgespräche mit dem Unternehmen zu einer Gesamtschlichtung platzen lassen.

Lufthansa-Passagiere müssen sich mitten in der reisestarken Sommerzeit auf neue Streiks einstellen.Die Vorgespräche über den Einstieg in eine Schlichtung zwischen der Lufthansa und der Vereinigung Cockpit seien gescheitert, teilte die Gewerkschaft am Montag mit. Damit sei auch die Zusage der Piloten, bis Ende des Monats nicht mehr zu streiken, hinfällig geworden. Die Gewerkschaft werde die nächsten Schritte nun mit ihren Mitgliedern absprechen.

In dem Tarifkonflikt geht es um die betriebsinterne Frührente für 5400 Piloten und die Konzernstrategie. Die Lufthansa forderte die Gewerkschaft auf, an den Verhandlungstisch zurückzukehren. "Wir bedauern sehr, dass die Pilotengewerkschaft VC offenbar an dem von ihr selbst geforderten Verfahren einer Gesamtschlichtung nunmehr kein Interesse mehr hat."

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Welche Rechte Fluggäste bei Streik haben

  • Hinweise der Verbraucherschützer

    Die Verbraucherzentrale NRW erklärt, welche Rechte betroffene Fluggäste haben.

  • Ansprüche gegen die Fluggesellschaft (1)

    Die Airline muss laut EU-Verordnung einen Ersatzflug zum nächstmöglichen Zeitpunkt anbieten. Alternativ können Fluggäste bei Annullierung des Flugs vom Luftbeförderungsvertrag zurücktreten und sich den Flugpreis erstatten lassen.

  • Ansprüche gegen die Fluggesellschaft (2)

    Bei Ausgleichszahlungen ist die Lage strittig. Nach bislang überwiegender Ansicht gelten Streiks als "außergewöhnliche Umstände", und dann braucht die Fluggesellschaft nicht zu zahlen.

  • Ansprüche gegen die Fluggesellschaft (3)

    Findet der Flug verspätet statt, sichert die europäische Fluggastrechte-Verordnung folgende Rechte zu: Anspruch auf kostenlose Betreuung besteht ab zwei Stunden Verzögerung bei Kurzstrecken (bis 1500 km), ab drei Stunden bei Mittelstrecken (bis 3500 km) und ab vier Stunden bei Langstrecken. Die Airline muss dann für Mahlzeiten, Erfrischungen, zwei Telefongespräche, Telexe, Faxe oder E-Mails sowie eventuell notwendige Hotelübernachtungen (falls sich der Flug um einen Tag verschiebt) samt Transfer sorgen.

  • Ansprüche gegen die Fluggesellschaft (4)

    Wollen die Fluggäste die Reise bei einer mehr als fünfstündigen Verspätung nicht mehr antreten, können sie ihr Geld zurückverlangen.

  • Ansprüche gegen den Reiseveranstalter (1)

    Der Reiseveranstalter ist der erste Ansprechpartner, wenn der ausfallende Flug Teil einer Pauschalreise ist. Auch der Veranstalter hat die Pflicht, schnellstmöglich für eine Ersatzbeförderung zu sorgen.

  • Ansprüche gegen den Reiseveranstalter (2)

    Erst, wenn der Flieger mehr als vier Stunden verspätet ist, kann je nach Flugstrecke ein Reisemangel vorliegen. Dann können für jede weitere Verspätungsstunde fünf Prozent des Tagesreisepreises vom Veranstalter zurückverlangt werden.

  • Ansprüche gegen den Reiseveranstalter (3)

    Wenn durch den Streik Reiseleistungen ausgefallen sind, haben Urlauber die Möglichkeit, nach ihrer Rückkehr den Preis der Reise zu mindern.

Die Gefahr von neuen Arbeitskämpfen drückte die Lufthansa-Aktien. Die Dax-Titel weiteten ihre Verluste aus und notieren beim Tagestief von 11,40 Euro 1,8 Prozent niedriger. Nicht nur die Piloten machen der Lufthansa Ärger, auch die Flugbegleiter kündigten jüngst Streiks an. Erst ein Entgegenkommen in letzter Minute verhinderte den ab dem 1. Juli geplanten Ausstand.

Die Piloten legten die Lufthansa seit Frühjahr 2014 insgesamt zwölf Mal lahm. Erst nach dem Absturz eines Germanwings-Flugzeugs im März kam kurzzeitig Ruhe in den Dauerkonflikt. Lufthansa-Chef Carsten Spohr ging Ende April auf die Piloten zu und unterbreitete ihnen einen Vorschlag zu Verhandlungen über alle offenen Tarifthemen. Cockpit hatte das lange gefordert und setzte in der Folge die Streikwelle bis Ende Juli aus. Als Schlichter war der frühere Finanzminister Theo Waigel ins Spiel gebracht worden. Doch zu einer Schlichtung kam es nie - der Versuch scheiterte bereits in der Vorbereitung.

Die sechs größten Baustellen der Lufthansa

  • Streiks

    13 Mal haben die Piloten der Lufthansa in den vergangenen gut eineinhalb Jahren gestreikt. Die Vereinigung Cockpit sorgt sich, dass die Piloten unter anderem Abstriche Altersvorsorge hinnehmen müssen - und trotzdem immer mehr Jobs aus dem Tarifvertrag ausgelagert werden. Sie liefern dem Konzern deshalb den härteste Arbeitskampf in seiner Geschichte. Das ist nicht der einzige Knatsch mit dem Personal: Die Flugbegleiter von Ufo sind etwas moderater unterwegs, wollen aber auch ihre tariflichen Besitzstände verteidigen.

  • Unklare Produkte

    Carsten Spohr hat die Lufthansa auf eine Strategie mit zwei sehr unterschiedlichen Plattformen festgelegt, die jetzt gerade erst anlaufen. Die Kernmarke Lufthansa soll bei gleichzeitiger Kostensenkung zur ersten Fünf-Sterne-Airline des Westens aufgewertet werden - eine Luxus-Auszeichnung des Fachmagazins Skytrax, die bislang nur Airlines aus Asien und dem Mittleren Osten erreicht haben. Am anderen Ende der Skala steht künftig „Eurowings“, die nur noch als Plattform für die diversen und möglichst kostengünstigen Flugbetriebe des Lufthansa-Konzerns dienen soll. Die ersten Eurowings-Langstrecken ab Köln werden beispielsweise von der deutsch-türkischen Gesellschaft Sunexpress geflogen. Noch komplizierter wird das Angebot durch die Strategie, auf beiden Plattformen jeweils unterschiedliche Service-Pakete anzubieten.

  • Maue Geschäftslage

    So richtig gut läuft es für die Lufthansa mit ihrem schwierigen Heimatmarkt Zentraleuropa eigentlich nur in den Neben-Geschäftsbereichen Technik und Verpflegung. In ihrem Kerngeschäft der Passagier- und Frachtbeförderung fliegt die Lufthansa unter dem Strich Verluste ein. Spohrs Plan, Wachstum nur noch in kostengünstigen Segmenten stattfinden zu lassen, bedeutet eigentlich einen Schrumpfkurs für die Kerngesellschaft der Lufthansa Passage. Doch den Mitarbeitern wird Wachstum auch dort versprochen.

  • Sinkende Ticketpreise

    Sinkende Ticketpreise sind gut für die Passagiere, knabbern andererseits aber an den schmalen Margen der Fluggesellschaften. Bereits im vergangenen Jahr sind die Erlöse auf breiter Front um drei Prozent zurückgegangen. Der zuletzt stark gesunkene Kerosinpreis begünstigt derzeit Gesellschaften, die sich nicht gegen starke Preisschwankungen abgesichert haben. Lufthansa gehört nicht dazu, sondern hat einen Großteil ihres Spritbedarfs für die kommenden zwei Jahre bereits abgesichert und leidet zudem an der ungünstigen Währungsrelation zwischen Euro und Dollar. Um ihre Tickets zu verkaufen, muss sie aber die Kampfpreise der Konkurrenz halten.

  • Starke Konkurrenz

    In regelmäßigen Abständen verlangt Lufthansa politischen Schutz vor dem angeblich unfairen Wettbewerb durch Fluggesellschaften vom Arabischen Golf. Zuletzt stimmten auch die großen US-Gesellschaften in den Chor ein. Aber es bleibt dabei: Emirates, Qatar Airways und Etihad lenken mit immer größeren Flugzeugen tausende Fluggäste aus Europa über ihre Wüstendrehkreuze und haben bereits weite Teile des Verkehrs nach Südostasien und Ozeanien fest im Griff. Um streitbare Gewerkschaften, hohe Gebühren und Sozialabgaben oder Nachtflugverbote an ihren Heimatbasen müssen sich die Araber keine Gedanken machen. Zudem ändern die europäischen Billigflieger ihr Geschäftsmodell und werden für Geschäftsleute immer attraktiver. So folgt Ryanair dem Vorbild von Easyjet und verlässt die Provinz-Flughäfen. Am Eurowings-Drehkreuz Köln-Bonn treten die Iren demnächst sogar wieder mit Inlandsflügen nach Berlin an.

  • Fehlende politische Unterstützung

    Auf Hilfe aus Berlin oder Brüssel hat die Lufthansa in den vergangenen Jahren meist vergeblich gewartet. Die nationale Luftverkehrssteuer verteuert Tickets für Flugreisen von deutschen Flughäfen. Sie bietet zudem der europäischen Konkurrenz Anreize, Umsteiger auf die eigenen Drehkreuze zu locken. Grenznah lebende Passagiere können gleich ganz auf ausländische Flughäfen und Airlines ausweichen. Den häufig angemahnten nationalen Luftverkehrsplan gibt es auch immer noch nicht. Dafür unsinnige Subventionen für Regionalflughäfen, die bislang das Geschäftsmodell der Billigflieger gestützt haben.

Ärger mit neuem Billigflieger

Die Lufthansa und die Gewerkschaft streiten offiziell vor allem um die Altersversorgung der Piloten. Zudem geht es den Flugzeugführern auch um Themen, die nicht in Tarifverträgen geregelt sind. Vor allem der Ausbau der Lufthansa-Billigtochter Eurowings ist ihnen ein Dorn im Auge, da dort nur Flugzeugführer zum Einsatz kommen sollen, die nicht nach dem gut dotierten Konzerntarifvertrag bezahlt werden.

Cockpit fürchtet langfristig eine Zweiteilung des Konzerns mit seinen 120.000 Mitarbeitern, bei dem die angestammte Lufthansa unweigerlich schrumpft - mit entsprechenden Folgen für das Flugpersonal. Der Clinch um die Zukunft des neuen Ablegers brachte nun die Gespräche zu Fall, da die Lufthansa nach Aussagen von Cockpit nicht über Eurowings verhandeln wollte. "Eine Gesamtbefriedung des Konflikts ist nur möglich, wenn alle Tarifthemen auf den Tisch kommen", sagte ein Cockpit-Sprecher. Die Lufthansa verstecke sich hinter der unternehmerischen Freiheit und bestehe darauf, die Arbeitsplatzthemen aus der Gesamtschlichtung auszuklammern. Damit verkenne sie die elementaren Interessen des eigenen Cockpitpersonals.

Weitere Artikel

Aus Sicht der Lufthansa ist der rasche Ausbau von Eurowings überlebenswichtig, um den Vormarsch der Billigrivalen Ryanair und Easyjet zu stoppen. Eurowings soll zu etwa 40 Prozent niedrigeren Kosten fliegen als die Lufthansa selbst. Dazu geht zum Jahreswechsel der bisherige Konzern-Billigableger Germanwings in Eurowings auf. Die Flotte von Eurowings soll im nächsten Jahr etwa 90 Flieger zählen.

Die Arbeitsniederlegungen der Piloten kommen die Lufthansa teuer zu stehen: Im ersten Halbjahr 2015 dürften sich die dadurch verursachten Gewinneinbußen auf 100 Millionen Euro summieren, hatte Spohr vorgerechnet. Im Jahr 2014 beliefen sich die Belastungen bereits auf 230 Millionen Euro.

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