Streiks bei Germanwings: Was Reisende jetzt wissen müssen

Streiks bei Germanwings: Was Reisende jetzt wissen müssen

Am Freitag wollen die Piloten der Lufthansa-Tochter Germanwings  streiken, die Lokführer könnten bald folgen . Worum es eigentlich geht und was Passagiere jetzt für ihre Reisepläne wissen müssen.

Streiks zur Hauptreisezeit gehören mehr denn je zum festen Repertoire aller Gewerkschaften. Chaos an Airports und Bahnhöfen, so das Kalkül, erhöht den Druck auf Unternehmen sich zu einigen. Doch auch wenn Reisende nur wenige Möglichkeiten haben, sich dem zu entziehen: Die Folgen können sie zumindest mildern.

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Was wollen die Piloten überhaupt?

Im Tarifstreit bei Europas größter Airline gibt es viele Baustellen. Der Hauptstreit dreht sich momentan um die Übergangsrente für die 5400 Piloten bei Lufthansa, Germanwings und Lufthansa Cargo. Derzeit gehen die Lufthansa-Kapitäne im Schnitt mit knapp 59 Jahren in den vom Unternehmen bezahlten Vorruhestand. Lufthansa will das Durchschnitts-Eintrittsalter wegen der hohen Kosten und der auf 65 Jahre hochgesetzten Altersgrenze für Verkehrspiloten schrittweise auf 61 Jahre anheben.

Und warum ist die Stimmung bei den Bahnangestellten so angespannt?

Das ist verworren. Zum einen geht es um Einkommenserhöhungen für Bahn-Beschäftigte, zum anderen um die Form der Zusammenarbeit der beiden Gewerkschaften GDL und EVG. So will die Lokführergewerkschaft GDL auch für andere Bahn-Beschäftigte verhandeln und damit in die Domäne der mitgliederstärkeren Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) vordringen. Die EVG ihrerseits will, dass die etwa 5000 bei ihr organisierten Lokführer wieder unter die Tarifregelungen der EVG fallen. 

Darum geht es bei der geplanten Tarifeinheit

  • Gesetz gegen die Macht der Kleinen Gewerkschaften

    Kommen weite Teile des Verkehrs in Deutschland durch Streiks bei der Lufthansa und der Bahn zum Erliegen? Das drohende ungemütliche Szenario setzt die Bundesregierung unter Druck, das Treiben kleiner, aber durchsetzungsstarker Gewerkschaften einzudämmen. Kommt das Gesetz zur Tarifeinheit - und wenn ja, wird es überhaupt helfen? Die wichtigsten Fragen im Überblick.

    Quelle: dpa

  • Warum hat sich die Koalition das Gesetz vorgenommen?

    Streiks in rascher Folge, Lähmung von öffentlichem Leben und Wirtschaft sollen erschwert werden. Die Debatte hatte durch ein Urteil des Bundesarbeitsgerichtes schon vor vier Jahren an Fahrt gewonnen. Die Richter stärkten Tarifvertrags-Vielfalt und Konkurrenz unter großen und kleinen Gewerkschaften. Der Grundsatz „Ein Betrieb - ein Tarifvertrag“ wurde hinfällig.

  • Wo sehen Kritiker der jetzigen Lage die Probleme?

    Mit Arbeitsniederlegungen können etwa Lokführer, Piloten oder Klinikärzte und ihre Spartengewerkschaften trotz teils rein zahlenmäßig kleiner Bedeutung große Störungen verursachen und hohe Abschlüsse durchsetzen. Dabei können chaotische Zustände eintreten. Zum Beispiel will die Bahn unbedingt vermeiden, dass es für Lokführer zwei Tarifverträge gibt - einen der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) und einen der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL). Nachdem die GDL auch für das übrige Zugpersonal Forderungen erhebt, will die EVG im Gegenzug auch für die ihr angehörenden Lokführer verhandeln.

  • Wie stehen Arbeitgeber und Gewerkschaftsbund zur Tarifeinheit?

    Unmittelbar nach dem Urteil des Bundesarbeitsgerichts forderten Arbeitgeber und DGB von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) 2010 eine Gesetzesänderung. Wenn sich in einem Betrieb die Geltungsbereiche mehrerer Tarifverträge unterschiedlicher Gewerkschaften überschneiden, sollte nur jener der dort größten Gewerkschaft gelten. Doch die ungewohnte Eintracht beider Seiten bröckelte - inzwischen lehnt der DGB eine Gesetzesregelung ab, falls damit eine Einschränkung der Tarifautonomie und des Streikrechts verbunden ist.

  • Kommt das Gesetz gegen weitere Zerfledderung der Tariflandschaft?

    Im Moment liegt das Vorhaben auf Eis. Vor der Sommerpause wurde ein Eckpunktepapier von der Tagesordnung des Kabinetts genommen. Bedenken gibt es nicht nur beim DGB, sondern auch in der Unionsfraktion, nicht nur beim CDU-Abgeordneten Rudolf Henke, der auch Chef der Ärztegewerkschaft Marburger Bund ist. Doch fallengelassen hat die Regierung die Pläne nicht. Ein Sprecher von Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) versicherte am Montag, man werde nach der Sommerpause darüber sprechen. Einen konkreten Termin könne er allerdings noch nicht nennen.

  • Was ist geplant?

    Laut den Eckpunkten soll Tarifpluralität aufgelöst werden - außer wenn die Gewerkschaften ihre Zuständigkeiten abgestimmt haben und die Tarifverträge für verschiedene Arbeitnehmergruppen gelten oder wenn sie inhaltsgleiche Tarifverträge abgeschlossen haben. Andernfalls soll nur der Tarifvertrag der Gewerkschaft gelten, die im Betrieb mehr Mitglieder hat. Auch die Minderheitsgewerkschaft hat dann Friedenspflicht.

  • Wo liegen die Probleme?

    Streikrecht und Koalitionsfreiheit der Arbeitnehmer könnten gefährdet werden, wenn die Regelungen wirklich wirkungsvoll sein sollen. Es könnte auch schwer zu ermitteln sein, welche die größte Gewerkschaft ist. „Sollen die Gewerkschaften alle ihre Mitgliederlisten offenlegen - und wem gegenüber?“, fragt Henke. Bereits angekündigte Klagen gegen die Gesetzespläne könnten zu Rechtsunsicherheit und langem Hickhack führen. Das Gesetz könnte zum zahnlosen Tiger werden.

Werden die Streitigkeiten schnell geregelt?

Wohl kaum. Die Lokführergewerkschaft GDL hat Streiks bereits nicht mehr ausgeschlossen. Die EVG will die Streikpläne zumindest "nicht unterlaufen". Dass die Lufthansa-Piloten ihre Streikandrohungen absolut ernst meinen, haben sie schon im April bewiesen. Damals blieben fast 4000 Flieger am Boden. Rund 425.000 Passagiere waren betroffen. Die Zeichen stehen also klar auf Streik - vielleicht noch in der Ferienzeit.

Habe ich als Passagier ein Recht auf Entschädigung?

Nach einem Urteil des Bundesgerichtshofs (BGH) gelten Streiks bei einer Fluglinie oder Bahn als höhere Gewalt. Darum haben Kunden in der Regel auch kein Recht auf Entschädigung. Die Linie ist nur verpflichtet, auch an Streiktagen die Fluggäste schnellstmöglich an ihr Ziel zu bringen. Das kann durch kostenlose Umbuchungen auf andere Flieger geschehen, aber auch durch Bus- und Bahntransfers.

Die Unternehmen müssen sich zudem bemühen, die Folgen der Reisverzögerung zu mildern. Etwa durch Essensgutscheine oder Gratisübernachtung in einem Hotel. Aber auf einen vollständigen Ersatz sollten Kunden nicht vertrauen. Denn auch wenn es keine Airline gern zugibt: in der Regel kümmern sich die Fluglinien zuerst um ihre wertvollsten Status-Kunden mit Platin- oder Goldkarten. Erst wenn die alle versorgt sind, kommt der Normalreisende an die Reihe. Gibt es keine anderen Flüge oder keine Hotels mehr, müssen die wohl oder übel im Flughafen ausharren.

Welche Rechte Fluggäste bei Streik haben

  • Hinweise der Verbraucherschützer

    Die Verbraucherzentrale NRW erklärt, welche Rechte betroffene Fluggäste haben.

  • Ansprüche gegen die Fluggesellschaft (1)

    Die Airline muss laut EU-Verordnung einen Ersatzflug zum nächstmöglichen Zeitpunkt anbieten. Alternativ können Fluggäste bei Annullierung des Flugs vom Luftbeförderungsvertrag zurücktreten und sich den Flugpreis erstatten lassen.

  • Ansprüche gegen die Fluggesellschaft (2)

    Bei Ausgleichszahlungen ist die Lage strittig. Nach bislang überwiegender Ansicht gelten Streiks als "außergewöhnliche Umstände", und dann braucht die Fluggesellschaft nicht zu zahlen.

  • Ansprüche gegen die Fluggesellschaft (3)

    Findet der Flug verspätet statt, sichert die europäische Fluggastrechte-Verordnung folgende Rechte zu: Anspruch auf kostenlose Betreuung besteht ab zwei Stunden Verzögerung bei Kurzstrecken (bis 1500 km), ab drei Stunden bei Mittelstrecken (bis 3500 km) und ab vier Stunden bei Langstrecken. Die Airline muss dann für Mahlzeiten, Erfrischungen, zwei Telefongespräche, Telexe, Faxe oder E-Mails sowie eventuell notwendige Hotelübernachtungen (falls sich der Flug um einen Tag verschiebt) samt Transfer sorgen.

  • Ansprüche gegen die Fluggesellschaft (4)

    Wollen die Fluggäste die Reise bei einer mehr als fünfstündigen Verspätung nicht mehr antreten, können sie ihr Geld zurückverlangen.

  • Ansprüche gegen den Reiseveranstalter (1)

    Der Reiseveranstalter ist der erste Ansprechpartner, wenn der ausfallende Flug Teil einer Pauschalreise ist. Auch der Veranstalter hat die Pflicht, schnellstmöglich für eine Ersatzbeförderung zu sorgen.

  • Ansprüche gegen den Reiseveranstalter (2)

    Erst, wenn der Flieger mehr als vier Stunden verspätet ist, kann je nach Flugstrecke ein Reisemangel vorliegen. Dann können für jede weitere Verspätungsstunde fünf Prozent des Tagesreisepreises vom Veranstalter zurückverlangt werden.

  • Ansprüche gegen den Reiseveranstalter (3)

    Wenn durch den Streik Reiseleistungen ausgefallen sind, haben Urlauber die Möglichkeit, nach ihrer Rückkehr den Preis der Reise zu mindern.

Was soll ich machen, wenn ein Streik angekündigt wird?

Die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit hat zugesagt, jede Arbeitsniederlegung mindestens 24 Stunden vorher anzukündigen. Darüber hinaus will sie im Gegensatz zum Ausstand vom April nicht flächendeckend streiken, sondern nur an bestimmten Schwerpunkten. Darum sollten Reisende die Lufthansa oder bei einer Pauschalreise ihren Reiseveranstalter möglichst bald kontaktieren und versuchen auf einen anderen Tag oder einen anderen Airport umzubuchen. In der Regel haben die Airlines oder der Veranstalter ein Interesse dem nachzukommen, weil jeder Kunde der weg ist das Chaos verringert. Selbst wenn das eine längere Bahnfahrt mit sich bringt ist es doch besser ein paar Stunden als einen Tag später anzukommen.

Und wenn ich einfach vorher einen anderen Flieger buche?

Möglich, aber: Allein die Androhung eines Streiks gibt Kunden noch kein Recht selbst umzubuchen und hinterher von der Airline den Betrag zurückzufordern. Trotzdem kann es sich lohnen, das auf eigene Kappe zu machen, um die Folgekosten im Rahmen zu halten. Zum einen gibt es dann in der Regel Steuern und Gebühren zurück, die bei Langstreckenflügen oder Trips in teure Flughäfen wie London Heathrow oft bereits bei mehr als 100 Euro liegen. Zum anderen verpassen besonders Urlauber dann nicht andere Teile der Reise – etwa gebuchte Mietwagen, Hotelübernachtungen oder gar eine Rundreise beziehungsweise eine Kreuzfahrt. 

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Welche Ausweichmöglichkeiten habe ich?

Bei kürzeren Strecken lohnt sich eventuell auch ein anderes Verkehrsmittel. Da die Lokführer nicht gleichzeitig mit der Lufthansa streiken wollen, ist eine Zugfahrt möglich. Bei Städtereisen kommen auch Fernbusse, Mietwagen oder gar Mitfahrgelegenheiten in Frage. 

Und wenn alles schief geht?

Falls alles nichts hilft, ist es gut auf eine Nacht im Flughafen oder einem unbequemen Hotel vorbereitet zu sein. Darum haben erfahrene Reisende bei drohenden Unterbrechungen in ihrem Handgepäck immer etwas Ersatzkleidung und eine Zahnbürste. Führt die Reise in ein anders Land, ist es gut zur Sicherheit etwas mehr Bargeld dabei zu haben. Denn wenn es schnell gehen muss, hilft Bares schneller und besser weiter als eine Kreditkarte.

Wo bekomme ich Informationen zum Piloten-Streik?

Alle gestrichenen Flüge listet die Lufthansa hier auf. Ob der eigene Flug betroffen ist, können Passagiere hier herausfinden.

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