Syrienexkursion mit Reinhold Würth : Die Stadt der schönsten Frauen

Syrienexkursion mit Reinhold Würth : Die Stadt der schönsten Frauen

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Reinhold Würth staunt, mit welcher Akribie die Archäologen bei der Sache sind

Der schwäbische Kunstsammler, Kultursponsor und Schraubenfabrikant Reinhold Würth ist in Syrien unterwegs. Dort will er sich ein Bild von Ausgrabungen machen, deren bisherige Entdeckungen im Herbst in Stuttgart gezeigt werden. WirtschaftsWoche-Reporter Christopher Schwarz hat den Unternehmer begleitet. Am zweiten Tag ist er in der Stadt der schönsten Frauen unterwegs.

Homs, 20. Juli, Montagabend. Homs, die drittgrößte Stadt Syriens, mit einer Million so groß wie Köln, die Stadt der schönsten Frauen Syriens und die Stadt der syrischen „Ostfriesenwitze“  – so sagt der syrische Volksmund. Von draußen dringen Feststimmen ins Zimmer. Ein großes Summen, das in die Nacht aufsteigt. Es wird Hochzeit gefeiert am Hotelpool. Doch der Reihe nach.

7.30 Uhr. Am Morgen in Damaskus gefrühstückt. Die Abfahrt verspätet sich um eine halbe Stunde wegen der einstündigen Zeitverschiebung, die nicht jeder Wecker mitbekommen hat. Gelegenheit für Museums-Chefin Cornelia Ewigleben, um ein frisch gedrucktes Ausstellungsplakat zu entrollen: „Schätze des Alten Syrien –  Die Entdeckung des Königreichs Qatna.“ Unter dem Bild mit den Statuen aus der Königsgruft von Qatna, der altsyrischen Königsstadt 200 Kilometer nördlich von Damaskus, die heute das Etappenziel ist. Gelegenheit für Cornelia Ewigleben, das frisch gedruckte Ausstellungsplakat zu entrollen. Links unten das Wappen Baden-Württembergs. Rechts die Initialen DGAM, Generaldirektion der Museen und Antiken der Arabischen Republik. In der Mitte das Logo des Hauptsponsors Würth, des Weltmarktsführers in der Montage- und Befestigungstechnik. Reinhold Würth blickt mit Befriedigung auf das Plakat. Er trägt wieder seinen Panama, den ihm der Westwind, der vom Mittelmeer kommt, später ein paar Mal vom Kopf wehen wird.

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"Eine Schande für unser stolzes Volk"

Dann geht es in den Bus. Um den von einer riesigen Schwertskulptur geschmückten Kreisel Richtung Norden. Der Guide führt im Sauseschritt durch die Geschichte Syriens, von den Sumerern über die Babylonier zu den Syrern, denen die Welt die Erfindung des Alphabets zu verdanken habe – während am Horizont die karg-grandiosen Gipfel des Anti-Libanon-Gebirges vorüberziehen. Es folgen Nebukadnezar, die babylonische Gefangenschaft, die Besetzung Syriens durch die  Perser und der triumphale Sieg Alexander des Großen über die Perser 333 vor Christus. Es treten auf Papst Urban II., der 1095 zum Krieg gegen den Islam aufruft, dann ein  Enkel des Mongolenführers Dschingis Khan, der den letzten Kalifen von Bagdad töten lässt und die Bibliothek der Stadt in Schutt und Asche legt, schließlich die Engländer und Franzosen, mit denen Syrien zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine unheilige Allianz eingeht - „eine Schande für ein stolzes Volk“. Die Araber, sagt unser Guide, seien „immer die Verlierer gewesen“ - bis zum Jahr 2002, als die Grabmale von Qatna durch  Professor Pfälzner entdeckt wurden. Der Guide lächelt. Viel charmanter kann man nicht überleiten.

Peter Pfälzner, 49-jähriger Spezialist für vorderasiatische Archäologie und seit 1996 Professor am Tübinger Seminar für Altorientalistik, übernimmt das Mikro. Qatna, sagt er, sei ein bedeutendes Königtum der Bronzezeit zwischen 1800 und 1350 vor Christus gewesen – und entwickelt dann im Gespräch mit dem Ehepaar Würth, das direkt hinter dem Fahrer sitzt, seine Vorstellung von Qatna als Schnittpunkt der Handelsrouten zwischen West und Ost, zwischen Norden und Süden. Beziehungen zum Mittelmeer, nach Zypern und Kreta, zum ägäischen Raum, Kontakte nach Mesopotamien und Anatolien, Beziehungen nach Ägypten – all das lasse sich an den  Funden von Qatna ablesen. 1340 wurde die Stadt von den Hethitern zerstört und geplündert, aber unter Feuer und Schutt blieb der Königspalast samt Königsgruft erhalten. „Die einzige unberaubte Gruft in Syrien“, sagt Pfälzner, ein Fundort, den man heute mit natur- und kulturwissenschaftlichen Methoden viel präziser untersuchen könne, als das vor 70, 80 Jahren möglich gewesen wäre – und ein einzigartiges Dokument des vorderasiatischen Totenkults, der Ahnenverehrung, der Zwiesprache der Lebenden mit den Toten.

Totenruhe war unbekannt

9.30 Uhr. Der Bus hält vor der zwanzig Meter hohen Festungsanlage von Qatna, dem heutigen Mishrife. Eine  rechteckige 1,2 mal 1 Kilometer große Anlage mit 20 Meter hohen, künstlich aufgerichteten Wällen. Pfälzner steigt mit Reinhold Würth den Wall am Westeingang hinauf und überblickt das Gelände: Das frühere Dorf Mishrife, das bis 1980 fast die gesamte bronzezeitliche Stadtanlage überzog und nur noch in Ruinen vorhanden ist - die Bewohner wurden umgesiedelt ins neue Mischrife am Rand der Grabungsstätte -, die einstigen Tore nach Aleppo, Palmyra und Damaskus, den 150 Meter langen und 110 Meter breiten Königspalast, dessen fast zehn Meter hohe Mauern in den vergangenen Jahren zum Teil rekonstruiert worden sind. Erst 6 Hektar von 100 seien bisher ausgegraben worden, erzählt Pfälzner. Dann führt er die Gäste zum Palast, genauer: zur Audienzhalle, dessen Flachdach vor 3800 Jahren von fünf tief in den Boden getriebenen Säulen gehalten wurde, der „größten überdachten Halle der Bronzezeit“, eine der „großzügigsten Raumkonzeptionen des vorderen Orients“, eine „technische Meisterleistung“. Die Bauzeit: etwa 50 Jahre. 400 Jahre lang residierten hier die Könige in einem Lehmziegelbau. Die Basaltbasen der Säulen am Boden der Audienzhalle sind noch heute erkennbar, sie waren einst mit Kies aufgefüllt, um die Statik des Baus zu gewährleisten. Daneben eine 40 Meter lange säulenlose  Zeremonienhalle, deren Dach einst auf hundertjährigen Zedernbalken geruht haben muss.

Dann ein schmaler 40 Meter langer Korridor, dessen Funktion den Archäologen bei ihren Grabungen während der „Kampagne“ 2002 Rätsel aufgab. Handelte es sich um einen Fluchtweg für die Könige? Oder um einen Nebenausgang? (Hier fanden die Forscher auch die mit Keilschrift versehenen Tontafeln, die bei der Zerstörung des Palasts durch die Hethiter unter dem herab gestürzten Dach begruben und so erhalten wurden; sie dokumentieren, dass es eine Art Nachrichtendienst in Qatna gegeben haben muss, der vor den Angriffsplänen der Hethiter warnte.) Erst das plötzliche Abknicken des Korridors und die Vorkammer zur Gruft mit den beiden Basaltfiguren, die Krieger darstellen, gab den entscheidenden  Hinweis, dass es sich um ein Königsgrab handeln musste: Totenruhe kannte man nicht, hier tafelten vor 3500 Jahren die Könige mit ihren Vorfahren, stimmten sie gnädig durch Gaben von Speisen (Knochen und andere Funde dokumentieren den Totenkult) und bezogen sie so ein in die Tagespolitik.

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