Tarifkonflikt: Pilotenstreik bei Lufthansa wird immer härter

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Tarifkonflikt: Pilotenstreik bei Lufthansa wird immer härter

, aktualisiert 20. März 2015, 19:25 Uhr

Im Tarifkonflikt zwischen den Piloten und der Lufthansa bewegt sich keine Seite auch nur einen Millimeter. Die Passagiere müssen weiter Flugausfälle ertragen. Und die Lage wird noch durch andere Streiks verschärft.

Pilotenstreik und kein Ende: Auch am dritten Tag der zwölften Streikwelle hat sich keine Lösung für den festgefahrenen Tarifkonflikt zwischen der Lufthansa und ihrem Cockpit-Personal abgezeichnet. Am Freitag fielen erneut rund 700 Kurz- und Mittelstreckenflüge aus, bevor am Samstag wieder die Langstrecke bestreikt werden sollte. Erneut müssen rund 20 000 Passagiere ihre Pläne ändern, wenn nur rund die Hälfte der 160 geplanten Übersee-Verbindungen bedient wird. In der Frachtsparte sollen 60 Prozent der Flüge ausfallen.

Eine Fortsetzung der Streiks in den nächsten Tagen sei nicht auszuschließen, schrieb der Konzernvorstand am Freitag in einem Brief an die Kunden. Es sei Aufgabe des Managements, die Lufthansa dauerhaft wettbewerbsfähig zu machen. "Wir können und werden daher keine Kompromisse eingehen, die unsere Zukunftsfähigkeit gefährden", hieß es in dem Schreiben. Die Fluggesellschaft forderte die Gewerkschaft erneut auf, an den Verhandlungstisch zurückzukehren.

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Lufthansa-Piloten konnten bislang mit 55 Jahren aufhören - im Schnitt gehen sie mit 59 Jahren in die Rente. Die Konzernführung will diesen Wert wegen des scharfen Wettbewerbs auf 61 Jahre erhöhen. Ferner sind noch andere Tarifverträge offen, die unter anderem die Vergütung regeln. Die Pilotengewerkschaft fordert eine Gesamtschlichtung, um die einzelnen Konflikte zu lösen. Die Lufthansa ist bislang nur zu einer Schlichtung zur Frührentenregelung bereit.

Da am Freitag gleichzeitig auch noch die italienischen Fluglotsen die Arbeit niederlegten, sagte Lufthansa 790 von 1400 geplanten Verbindungen ab. Rund 94 000 Passagiere waren nach Unternehmensangaben allein am Freitag vom Ausstand betroffen. Mit nunmehr vier Streiktagen war die zwölfte Streikwelle die bislang längste und hat insgesamt 220 000 Passagiere getroffen.

Welche Rechte Fluggäste bei Streik haben

  • Hinweise der Verbraucherschützer

    Die Verbraucherzentrale NRW erklärt, welche Rechte betroffene Fluggäste haben.

  • Ansprüche gegen die Fluggesellschaft (1)

    Die Airline muss laut EU-Verordnung einen Ersatzflug zum nächstmöglichen Zeitpunkt anbieten. Alternativ können Fluggäste bei Annullierung des Flugs vom Luftbeförderungsvertrag zurücktreten und sich den Flugpreis erstatten lassen.

  • Ansprüche gegen die Fluggesellschaft (2)

    Bei Ausgleichszahlungen ist die Lage strittig. Nach bislang überwiegender Ansicht gelten Streiks als "außergewöhnliche Umstände", und dann braucht die Fluggesellschaft nicht zu zahlen.

  • Ansprüche gegen die Fluggesellschaft (3)

    Findet der Flug verspätet statt, sichert die europäische Fluggastrechte-Verordnung folgende Rechte zu: Anspruch auf kostenlose Betreuung besteht ab zwei Stunden Verzögerung bei Kurzstrecken (bis 1500 km), ab drei Stunden bei Mittelstrecken (bis 3500 km) und ab vier Stunden bei Langstrecken. Die Airline muss dann für Mahlzeiten, Erfrischungen, zwei Telefongespräche, Telexe, Faxe oder E-Mails sowie eventuell notwendige Hotelübernachtungen (falls sich der Flug um einen Tag verschiebt) samt Transfer sorgen.

  • Ansprüche gegen die Fluggesellschaft (4)

    Wollen die Fluggäste die Reise bei einer mehr als fünfstündigen Verspätung nicht mehr antreten, können sie ihr Geld zurückverlangen.

  • Ansprüche gegen den Reiseveranstalter (1)

    Der Reiseveranstalter ist der erste Ansprechpartner, wenn der ausfallende Flug Teil einer Pauschalreise ist. Auch der Veranstalter hat die Pflicht, schnellstmöglich für eine Ersatzbeförderung zu sorgen.

  • Ansprüche gegen den Reiseveranstalter (2)

    Erst, wenn der Flieger mehr als vier Stunden verspätet ist, kann je nach Flugstrecke ein Reisemangel vorliegen. Dann können für jede weitere Verspätungsstunde fünf Prozent des Tagesreisepreises vom Veranstalter zurückverlangt werden.

  • Ansprüche gegen den Reiseveranstalter (3)

    Wenn durch den Streik Reiseleistungen ausgefallen sind, haben Urlauber die Möglichkeit, nach ihrer Rückkehr den Preis der Reise zu mindern.

Die Töchter Germanwings und Eurowings wurden nicht bestreikt und dienten auf einigen Strecken als Ausweichmöglichkeit. Bezogen auf die gesamte Lufthansa-Gruppe würden am Freitag rund drei Viertel der Flüge abheben können, betonte ein Lufthansa-Sprecher: „Nach den letzten Streiktagen konnten wir durch Erfahrungswerte bereits viel ausgleichen.“

Besonders ärgerlich ist der Streik für viele Wochenend-Pendler. „Gerade der Freitag ist bei uns immer der verkehrsreichste Tag“, sagte ein Sprecher der Münchner Flughafens, wo etwa 330 Starts und Landungen auf den Kurz- und Mittelstrecken entfielen.

Wer am Frankfurter Flughafen auf eine andere Gesellschaft umgebucht hatte, konnte im Einzelfall von einem weiteren Streik ausgebremst werden. Die Gewerkschaft Verdi hatte ab Freitagmittag die Beschäftigten des Bodenabfertigers Acciona zu einem Warnstreik bis 20.00 Uhr aufgerufen. Das spanische Unternehmen fertigt in Frankfurt die Jets mehrerer ausländischer Airlines ab und zahlt nach Verdi-Angaben unter dem Niveau des größeren Anbieters Fraport.

Die Sparprogramme der Lufthansa

  • Programm 1993 (1993)

    Nach dem Golfkrieg Anfang der neunziger Jahre brach der Luftverkehr ein und die Lufthansa rutschte wegen zu hoher Kosten und Überkapazitäten an den Rand der Pleite. So startete der 1991 zum Vorstandschef gewählte Jürgen Webers sein erstes Sparprogramm, bei dem er mit Zustimmung der Gewerkschaften 8000 Stellen abbaute. Das Programm war ein Erfolg, nicht zuletzt, weil es die Lufthansa zur Schicksalsgemeinschaft machte und die Arbeit im Sparteam die späteren Konzernchefs Wolfgang Mayrhuber und Christoph Franz zu engen Vertrauten machte.

  • Programm 15 (1996)

    Trotz der Erfolge der Sanierung knickte der Lufthansa-Gewinn 1996 wieder ein. Die nach wie vor zu hohen Kosten sollte das Programm 15 drücken, von 17 Pfennigen um einen Passagier einen Kilometer weit zu transportieren auf höchstens 15, was einer Einsparung von einer Milliarde Mark oder fünf Prozent des Umsatzes entsprach. Das Programm erreichte das Sparziel eine Milliarde, doch am Ende scheiterte es, weil andere Kosten die Lufthansa wieder zu einem der teuersten Anbieter der Branche machte.

  • Operational Excellence (1999)

    Trotz boomender Wirtschaft sanken Ende der neunziger Jahre die Lufthansa-Gewinne, nicht zuletzt wegen der wachsenden Konkurrenz durch Billigflieger. Darum sollte Operational Excellence nicht nur die Kosten senken, sondern auch die Qualität und besonders die Pünktlichkeit steigern, damit die Lufthansa ihre höheren Preise rechtfertigen konnte. In Sachen Pünktlichkeit half das Programm. Doch zum Qualitätsführer machte es Lufthansa nicht, nicht zuletzt, weil der Bordservice trotz hoher Investitionen unter dem Branchenstandard blieb.

  • D-Check / D-Check akut (2001)

    Noch vor dem Ende des New Economy-Booms sackte 2000 der Lufthansa-Gewinn. Weil bisherige Sparprogramme kaum langfristig wirkten, wollte Konzernchef-Jürgen Weber mit D-Check – benannt nach der Generalüberholung eines Flugzeugs – die Arbeitsweise des Unternehmen verändern und die Kosten nachhaltig um eine Milliarde Euro senken. Nach den Terroranschlägen des 11. September 2001 kam D-Check akut und wurde dank Streckenstreichungen und Lohnzugeständnissen von gut 200 Millionen Euro mit fast 1,5 Milliarden Euro Ersparnis das einzige erfolgreiche Sparprogramm des Jahrzehnts.

  • Aktionsplan (2004)

    Kaum im Amt musste der neue Konzernchef Wolfgang Mayrhuber nach Krisen wie dem Nachfrageeinbruch durch die Lungenseuche Sars in China für das Jahr 2003 einen erneuten Gewinneinbruch verkünden und wollte mit dem Aktionsplan die Kosten um 1,2 Milliarden Euro senken. Parallel dazu versuchte die Lufthansa ihren Europaverkehr im Rahmen von „Zukunft Kont“ neu und effizienter zu organisieren. Am Ende fehlte dem Programm die klare Linie und weil Flughäfen und anderen Lieferanten kaum Sparbeiträge lieferten, blieb es unter den Erwartungen.

  • Upgrade (2007)

    Nach dem wenig erfolgreichen Aktionsplan rückte die Lufthansa in der nächsten Effizienzrunde wieder die Qualitätsverbesserung nach vorne. Doch das komplette „Upgrade to Industrie Leadership“ genannte Programm verpuffte, nicht zuletzt, weil in der 2008 beginnenden Finanzkrise den Kunden und besonders Geschäftsreisenden Qualität weniger wichtig war als ein guter Preis. Darunter litt besonders die Lufthansa, deren Service besonders im Vergleich zu Wettbewerbern wie Emirates eher dürftig ausfällt.

  • Climb 2011 (2009)

    Nach dem Misserfolg des Qualitätsprogramm Upgrade startete Christoph Franz seine Zeit als Chef das Fluggeschäfts mit einem klassischen Sparprogramm. Auch weil es erstmals Entlassungen androhte und einen – Hochverrats verdächtigen - Umbau der Europaflüge in Richtung der Billigflieger vorschlug, musste Franz zurück rudern. Doch weil der Spardruck bleib und der Versuch den Einkauf im Konzern zu zentralisieren, grandios scheiterte,  bleib am Ende eine magere Ersparnis von gut 600 Millionen - und an der unzeitgemäß aufwändigen Arbeitsweise änderte sich nichts.

  • Score (2012)

    Kaum Konzernchef, kündigte Christoph Franz den in drei wirkungslosen Sparrunden vermiedenen Komplettumbau an: mit zuvor unvorstellbaren Dingen wie Entlassungen, Entmachtung der Konzerntöchter zu Gunsten der Zentrale und dem Übergang der tiefroten Europafliegerei zur Billigtochter Germanwings. Die Aussichten sind gut, weil Franz Erfolge vorsichtig feiert, die Führung durch konzernfremde Manager ergänzte, der ganze Vorstand in Workshops für das Programm wirbt - und Franz beim Umbau der Tochter Austrian zeigte, dass er noch radikalere Dinge wie ein Ausflaggen nicht fürchtet.

In der Streikzeit waren in Frankfurt die Umläufe von bis zu 80 Jets bedroht. Man werde alles daran setzen, die Maschinen am Abend noch vor Einsetzen des Nachtflugverbots um 23.00 Uhr in die Luft zu bringen, sagte ein Flughafensprecher.

Ein Ende der Streikwelle bei der Lufthansa ist nicht abzusehen. Mögliche weitere Streiks werde man wie bislang mit einem Vorlauf von 24 Stunden ankündigen, sagte die Tarifexpertin der Vereinigung Cockpit (VC), Ilona Ritter. Sie forderte Lufthansa erneut zu ernsthaften Gesprächen über eine Gesamtlösung auf.

Anlass für die mittlerweile zwölfte Streikwelle ist das Scheitern der Tarifgespräche zwischen Lufthansa und der VC. Der größte Streitpunkt betrifft die Übergangsversorgung bis zur Rente der rund 5400 Piloten, die nach dem Konzerntarifvertrag bezahlt werden.

Es geht aber auch um die Betriebsrenten und Gehälter der Piloten. Man wolle keineswegs in die Geschäftspolitik der Lufthansa eingreifen, aber auch den zum Ausbau stehenden Billigbereich des Konzerns tariflich begleiten, sagte die VC-Vertreterin.

Weitere Artikel

Der nächste Tarifkonflikt steht mit der Gewerkschaft Verdi an, die ab Montag mit der Lufthansa über die Einkommen von rund 33 000 Lufthansa-Beschäftigten am Boden verhandelt. Verdi will dabei ausdrücklich nicht über die Betriebsrenten sprechen, die Lufthansa wegen zu hoher Kosten dringend reformieren will. Dieser Punkt ist auch bei den Piloten und den Flugbegleitern strittig.+

Von der Politik hat das Unternehmen noch einmal besseren Schutz vor Streiks verlangt. Für die „kritische Verkehrsinfrastruktur“ müssten frühzeitige Schlichtung, rechtzeitige Ankündigungsfristen und eine Grundversorgung sichergestellt werden, erläuterte Personalvorstand Bettina Volkens in einem Brief an mehrere Bundestagsfraktionen in Berlin. Derartige Regelungen gebe es bereits in wichtigen EU-Staaten wie Frankreich, Italien und Spanien.

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