kolumneTauchsieder: My train is my castle

Kolumne von Dieter Schnaas

Genug der Meckerei. Die Deutsche Bahn ist ein großartiges Unternehmen. Ihre Ruhezonen zum Beispiel: profane Gebetsräume für die vernetzte Generation. Verbeugung eines dankbaren Kunden.

Zu den größten Merkwürdigkeiten der Neuzeit gehört, dass sie nur noch dann still zu stehen scheint, wenn wir mutterseelenallein und blitzschnell in ihr unterwegs sind. Auf einem Langstreckenflug zum Beispiel. Oder natürlich, viel alltäglicher: im Zug. Nirgends gelingt uns modernen Menschen die innere Sammlung besser als in den Waggons und Abteilen der Deutschen Bahn. Wir nehmen ein Buch zur Hand, lesen 100 Seiten am Stück, endlich mal wieder, zugleich entspannt und konzentriert. Wir schauen schweigend aus dem Fenster, sehen Feldern und Wäldern beim Vorbeiziehen zu. Wir blättern in einer Illustrierten und nicken darüber ein, blättern weiter, nicken ein...

Regionalzug als moderner Gebetsraum

Man geht, glaube ich, nicht zu weit, wenn man die Ruhezonen der Bahn mit profanen Gebetsräumen vergleicht. Was der tägliche Rosenkranz und die Sonntagsandacht für unsere schollenverbundenen Großeltern waren, sind uns geschäftig-mobilen Enkeln die Verschnaufpause im Regionalzug, die stille Einkehr im ICE. Die so genannte "Daseinsvorsorge" der Bahn beschränkt sich nicht darauf, uns mehr oder weniger verlässlich, regelmäßig und preiswert von einem Ort zum anderen zu bringen. Sondern sie erstreckt sich auch (und vor allem!) auf das Dazwischen. Auf den ortlosen Ort, an dem wir Zugang zu Rast und Ruhe haben. Zeit fürs Lesen und Denken. Für Selbstverlorenheit und Gedankenschlenderei. Für Einkehr und Umkehr.

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Langeweile ertragen Nichtstun will gelernt sein

Selbst in der Freizeit sind wir per Smartphone mit der ganzen Welt in Kontakt. Die Folge: Wir ertragen keine Langeweile. Dabei ist Nichtstun gut für uns.

Sich ab und an etwas Muße und Zeit zum Nachdenken zu geben, schadet nicht. Quelle: Getty Images

Erstaunlich ist das schon. Schließlich ist die Eisenbahn das Sinnbild der Industriellen Revolution, der kapitalistischen Welterschließung, unseres beschleunigten Alltagslebens. Ganz gleich, ob sie unseren Vorfahren vor gut 150 Jahren als Segen oder Fluch erschien - die Eisenbahn brachte nicht die Freizeit in Reichweite, sondern erreichte die Freizeit. Der deutsche Nationalökonom Friedrich List war damals schier aus dem Häuschen vor Begeisterung. Drei Jahre nach der Eröffnung der ersten Bahnstrecke zwischen Nürnberg und Fürth (1835), begrüßte er die Eisenbahn donnernd als "Herkules in der Wiege". Sie würde die Menschen einander näher bringen, ihre "Talente und Intelligenzen" miteinander vernetzen und dadurch den "Nationalreichtum" mehren, so List, ja sogar "die Völker erlösen von der Plage des Krieges..., der Arbeitslosigkeit... und des Schlendrians". Und fürwahr, als ich letzthin irgendwo zwischen Reutlingen und Kufstein aus dem Zugfenster blickte, hielt ich es plötzlich für plausibel, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen dem Wohlstand eines Landes und der Zahl seiner intakten Schienenkilometer.

Keine Preiserhöhungen in der zweiten Klasse Die Bahn braucht noch mehr Wettbewerb

Wegen der Fernbusse traut sich die Deutsche Bahn keine Preiserhöhung zu. Es ist Zeit, dass die Deutsche Bahn auch auf der Schiene mehr Wettbewerb bekommt.

Wettbewerb lohnt sich für die Verbraucher. Preiseskapaden kann sich die Deutsche Bahn derzeit nicht leisten. Quelle: dpa

Ein anderes Mal, unterwegs ins schlesische Wroclaw (Breslau), erneuerte ich meine Bekanntschaft mit Gerhart Hauptmann. Da wird der "Bahnwärter Thiel" von einer aus dem Waggon geworfenen Flasche verletzt. Da wird die religiöse Andacht von Thiels Frau Anna von "vorbeitobenden Bahnzügen" unterbrochen. Und da wird die abstrakte Bedrohung des schnellen Dampfmaschinen-Zeitalters allzu konkret im Tod von drei Menschen. Natürlich regnete es. Die Tropfen zogen fast waagerecht am Fenster vorbei. Die Gedanken waren grau und verhangen. Bis mich die Gewissheit erreichte: Zugfahrten erhalten uns auch den Sinn fürs Melancholische.

Und fürs Mögliche. Eine Woche später zum Beispiel, auf den Weg von Klagenfurt nach Genf, nahm ich noch einmal Robert Musils "Mann ohne Eigenschaften" zur Hand. Ich hatte gerade einen ganzen Tag lang besonders fest im realen Geschäftsleben stehen müssen, im vollen Ornat der beruflichen Funktionalität: ein Vortrag und eine Moderation, gewandet in Anzug und Hemd, eingekleidet in fachliche Rhetorik und antrainiertem Spezialwissen. Endlich im Zug, nach Austausch der Visitenkarten, viel Händeschütteln und reichlich "Bis-zum-nächsten-Mal", sank ich in meinen Einzelplatz - und erholte mich mit Musil sogleich "von der öden Vernunft eines heute schaffenden Zivilisationsmenschen", um mich wenig später "im Barockzauber alter österreichischer Kulturlandschaften zu verlieren. "Wir wissen zuviel, der Verstand tyrannisiert unser Leben", las und dachte ich - und träumte alsbald Musils "Möglichkeitsmenschen" hinterher, die "in einem feineren Gespinst, in einem Gespinst von Dunst, Einbildung, Träumerei und Konjunktiven" leben - Menschen, die noch den Wald schauen können ohne ihn als Versammlung von Fichten, Kiefern und Birken zu betrachten, als Holzfestmeter von bestimmter Qualität...

Es gibt keine Rückzugsorte, nur noch Vernetzungspunkte

Wieder eine Woche später, nach einem herbstlich frischen Fahrrad-Wochenende in der Uckermark, auf dem Weg von Neuruppin zurück nach Berlin, blätterte ich mal wieder bei Theodor Fontane vorbei. Auch dem märkischen Dichter lag bekanntlich nichts ferner als Lists belebtes Fortschrittsrauschen. Als Nostalgiker sah er mit der Eisenbahn zugleich die Moderne in rastloser Geschäftigkeit über alles "Anekdotische, Genrehafte, Nebensächliche, eigentlich Menschliche" hinweg brausen. Daher suchte er sie zu meiden, wann immer er konnte; daher verteidigte er seine Immobilität und Unerreichbarkeit. Nur an Heim und Herd, fand Fontane - "und dafür will Dank ich zollen - keine Menschen, die irgendwas von mir wollen". Nur zu Hause kannte er "kein Hasten und kein Streben". Nur hier konnte er "jeden Tag mir selber leben."

Eben damit aber ist es heute, jeder weiß es, gründlich vorbei. Garten, Küche, Couch und Sofa sind heute keine Rückzugsorte mehr, sondern Vernetzungspunkte. Das Smartphone summt, der Nachbar schaut ungebeten vorbei, der Partner verlangt Aufmerksamkeit, das Kind pocht auf Zuwendung, das herumliegende Tablet schreit einem ständig "Lass Dich von mir unterhalten!" zu... Ablenkung allüberall.

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Mehr noch: Die eigenen vier Wände sind kein Ort mehr, der uns höhlig-warm umfangen hält, sondern der sich durch "Amazon", "Spotify" und "Netflix" zu einen Raum der unbegrenzten Möglichkeiten geweitet hat. So paradox es klingt: Seit wir alle Bücher, alle Musik und alle Filme der Welt zur steten Verfügung haben, sind wir ausgerechnet zu Hause unbehaust. Ständig schleicht uns dort das Gefühl hinterher, wir sollten gerade lassen, was wir tun, um schleunigst zu tun, was wir gerade lassen.

Ich bin daher sicher, dass wir Fontane heute nicht mehr zu Hause, sondern unterwegs antreffen würden. Die Welt wird gastlich auf Reisen. Der Raum schließt sich beim Blick aus dem Fenster. Die Gedanken werden groß und weit, beim Blättern, Träumen, Lesen. Endlich allein. Endlich Ruhe. Endlich daheim. My train is my castle.

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