Thomas Wagner: Unister-Gründer bewegt sich auf schmalem Grat

21. Januar 2013
In der Defensive Unister-Gründer Wagner reizt das rechtlich Machbare oft aus. Die Anzahl seiner Kritiker wächst. Gegen Unister ermittelt die sächsische Generalstaatsanwaltschaft wegen illegaler Geschäftemacherei und Steuerhinterziehung. Quelle: dpaBild vergrößern
In der Defensive Unister-Gründer Wagner reizt das rechtlich Machbare oft aus. Die Anzahl seiner Kritiker wächst. Gegen Unister ermittelt die sächsische Generalstaatsanwaltschaft wegen illegaler Geschäftemacherei und Steuerhinterziehung. Quelle: dpa
von Christian Schlesiger

Thomas Wagner hat ein Imperium von Internet-Portalen aufgebaut. Interne E-Mails werfen nun die Frage auf, ob er beim Verkauf von Versicherungsprodukten das Erlaubte überdehnte.

Thomas Wagner sieht sich in der Opferrolle. „Wir wissen, dass schwere Sauereien in Arbeit sind, und richten uns darauf ein“, ließ der Chef des Leipziger Internet-Unternehmens Unister vergangene Woche per Pressemitteilung erklären. Es deute sich an, dass Wettbewerber „die Grenzen des Rechts erheblich überschreiten werden“. Konkreter wurde Wagner allerdings auch auf Nachfrage nicht.

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Möglicherweise will Wagner durch die Pressemitteilung von den Vorwürfen gegen seine Person ablenken. Denn dem 34-jährigen Gründer des Portalbetreibers Unister weht ein eisiger Wind entgegen, der sich zu einem Orkan ausweiten könnte. Die Generalstaatsanwaltschaft Dresden ermittelt wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung. Wagner betont seine Unschuld. Unternehmensinterne Dokumente, die der WirtschaftsWoche vorliegen, werfen aber die Frage auf, ob Wagner die rechtlichen Grenzen womöglich überschritten hat.

Hat sich Wagner vielleicht verzockt?

Es wäre ein tiefer Fall. Als 23-Jähriger startete er 2002 eine Studententauschbörse, die er zu einer Internet-Macht ausbaute. Erster Streich war das Online-Reisebüro ab-in-den-urlaub.de. Es folgten weitere Reise-, Finanz- und Shopping-Domains. Geschätzter Umsatz mit 1900 Mitarbeitern: mehr als eine Milliarde Euro pro Jahr. Die vermittelten Reiseumsätze etwa über ab- in-den-urlaub.de, fluege.de und reisen.de stiegen im Dezember 2012 um 17 Prozent.

Doch Unister arbeitet vor allem im Tourismusbereich mitunter mit fragwürdigen Methoden. Mit irreführenden Gütesiegeln, versteckten Kosten und Datenschutzlücken brachte Wagner Verbraucherschützer, Wettbewerber und Behörden gegen sich auf. Mehrmals überschritt er Grenzen zu weit.

Unisters Sündenregister

  • urlaubstours.de

    Datenschutzprobleme beim Reiseanbieter: Daten von lugreisenden der Gesellschaft Ryanair waren vorübergehend einsehbar

  • travel24.com

    Verdacht des unerlaubten Vertriebs von Versicherungsprodukten

  • reisen.de

    Das Landgericht München verbietet irreführendes Gütesiegel namens „Holidaytest“, das mit „geprüften Gästemeinungen“ warb – nun heißt es nur noch „Gästemeinungen“

  • hotelreservierung.de

    Verdacht des unerlaubten Vertriebs von Versicherungsprodukten

  • fluege.de

    Der Bundesgerichtshof verurteilte Unister, den Endpreis sofort anzuzeigen, und verbot voreingestellte Versicherungspolicen; Verbraucherschützer nennen Gütesiegel irreführend

  • flights24.com

    Das US-Transportministerium verdonnert Unister zur Strafzahlung von 30 000 Dollar, weil Ticketpreise nicht sofort ersichtlich waren

  • ab-in-den-urlaub.de

    Verdacht des unerlaubten Vertriebs von Versicherungsprodukten

Möglicherweise verkalkulierte er sich auch dieses Mal. Der Vorwurf der Dresdner Staatsanwälte: unerlaubter Vertrieb von Versicherungsprodukten und Steuerhinterziehung in Höhe von einer Million Euro – „konservativ gerechnet“, so ein Sprecher.

Verwunderung über Stornoschutz

Unister verkaufte auf den Reiseportalen einen Stornoschutz, der die Stornierungskosten etwa bei Krankheit übernimmt – laut Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) in Bonn eine Versicherung. Für deren Vertrieb braucht ein Reisevermittler eine Genehmigung, die laut BaFin nicht vorlag. Unister soll so die Zahlung von Versicherungsteuern umgangen haben. Vor Weihnachten durchsuchten Beamte von BaFin und Staatsanwaltschaft die Büroräume von Unister-Managern. Drei von ihnen mussten vorläufig in Untersuchungshaft – auch Wagner. Der zeigte sich über die Vorwürfe „verwundert“.

Doch in einer internen E-Mail vom August 2011, die der WirtschaftsWoche vorliegt, schrieb eine enge Mitarbeiterin von Wagner an Unister-Manager, Bezug nehmend auf ein Gespräch mit ihm: „Wir sollen uns eine Art Umbuchungsschutz ausdenken, so dass wir eine zusätzliche Servicegebühr auf allen internationalen Portalen erheben können.“ Weiter heißt es: „Das ganze soll allerdings nicht als Versicherung deklariert sein, um den damit verbundenen Auflagen zu entgehen.“ Einkopiert in der Mail ist auch eine Anweisung von Wagner: „Überlegt euch: Bedingungen, welche das Produkt nicht zu einer Versicherung machen.“

Mit dem Inhalt dieser E-Mail konfrontiert, antwortet der Sprecher von Unister: Die Rechtsabteilung von Unister habe „seit geraumer Zeit in Korrespondenz mit der BaFin“ gestanden. „Dabei wurden auch die gegenseitigen Rechtspositionen ausgetauscht.“ Im Übrigen seien andere Reiseveranstalter, Mietwagenfirmen oder Flugportale „von einer ähnlichen Rechtsauffassung ausgegangen“ und hätten bis vor Kurzem „sehr vergleichbare Produkte am Markt gehabt“.


Möglicherweise war es Naivität, die Wagner glauben machte, er könne sich durch Veränderung einiger Bedingungen den Versicherungsauflagen entziehen. Aber wusste er nicht um das Risiko?

Knapp drei Monate vor der zitierten Mail teilte die BaFin, nachdem sie einen Stornoschutz auf hotelreservierung.de entdeckt hatte, in einem Schreiben an Unister mit: „Eine Erlaubnis zum Betreiben von Versicherungsgeschäften habe ich Ihnen nicht erteilt.“ Die BaFin drohte mit Strafen und schrieb, sie beabsichtige, die Versicherungsgeschäfte „unter der Androhung von Zwangsgeld zu untersagen“. Unister kontert: Die BaFin habe nur zu erkennen gegeben, „dass sie von einer Erlaubnispflicht im Sinne des Versicherungsgesetzes ausgehen könnte“. Ohne Unterlassungsaufforderung „musste man davon ausgehen, dass der Vertrieb zulässig sei“, so Wagner.

Nach dem BaFin-Schreiben verschwanden die unerlaubten Stornoschutz-Produkte von der Seite hotelreservierung.de. Doch im Mai 2012 seien erneut Versicherungsprodukte auf Unister-Seiten gefunden worden – zwar unter einem anderen Namen, aber „im Wesentlichen gleich ausgestaltet“, wie die BaFin der WirtschaftsWoche mitteilte. Auf dieser Basis beruhte dann die Razzia im Dezember. Unister behauptet, es habe „erhebliche Unterschiede der entsprechenden Leistungsbestandteile“ gegeben, die sich den jeweiligen Produktbeschreibungen entnehmen ließen.

Es wäre zumindest nicht das erste Mal, dass Wagner Rechtsauffassungen staatlicher Institutionen großzügig auslegt. 2011 untersagte der Bundesgerichtshof die Praxis von fluege.de, Servicegebühren erst im zweiten Buchungsschritt zu addieren.

Versteckte Kosten im Buchungsprozess

Viel geändert hat sich nicht. Bei internationalen Flugbuchungen etwa erhöht sich der Ticketpreis um 38 Euro Buchungsgebühr erst, nachdem der Nutzer Name und Anschrift angegeben hat. Nur ein unauffälliger Link unterhalb des ursprünglichen Preisangebots weist vorher darauf hin, dass im Laufe des Buchungsprozesses weitere Kosten entstehen könnten.

Unister sagt dazu, die Gebühren seien ab dem ersten Buchungsschritt „transparent“ dargestellt und die Servicegebühr falle „nicht zwingend an“. Kunden könnten die Gebühren umgehen, wenn sie mit einer fluege.de-Kreditkarte zahlten. Wie viele Karten-Nutzer es gibt, sagt Unister nicht. Das Unternehmen sichert sich so Extraeinnahmen, die auch teure TV-Spots und Google-Anzeigen mitfinanzieren, mit denen Unister seine Marken wie ab-in-den-urlaub.de, fluege.de und reisen.de bewirbt.

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Einige Unternehmen der Reisebranche distanzieren sich inzwischen von Unister: So verkaufen die Veranstalter TUI und Alltours ihre Reisen nicht mehr über die Seiten. Laut TUI-Insidern hat der Konzern bisher pro Jahr Reisen im Wert von 100 bis 150 Millionen Euro über die Portale der Leipziger verkauft. Insgesamt muss Unister in Zukunft wohl geschätzt auf bis zu 20 Millionen Euro an Provisionen verzichten.

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Die fehlenden Einnahmen dürften Unister treffen. Gründer Wagner zog sich vom Chefposten zurück und verantwortet nun Strategie und Produktentwicklung. Branchenbeobachter vermuten: auf Druck der Banken. Das Unternehmen verkauft dies als lange geplante Maßnahme. Ein Nachfolger wurde aber noch nicht präsentiert.

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Kommentare | 4Alle Kommentare
  • 05.02.2013, 11:56 UhrSchlumpf

    aber Umsatzsteuer kann man gegen die Vorsteuer verrechnen, Versicherungssteuer nicht - also doch hinterzogen falls es so ist.

  • 03.02.2013, 22:44 UhrRoothom

    Auch ich finde es sehr seltsam, was aus der Geschichte gemacht wird. Besonders interessant finde ich den Vorwurf der Steuerhinterziehung. Zwar wurde keine Versicherungssteuer gezahlt (da man ja davon ausging, dass es keine Versicherung ist), stattdessen wurde jedoch lt. Aussage der Firma Umsatzsteuer in gleicher Höhe gezahlt. In dem Fall wurde dann also nichts hinterzogen, sondern lediglich in der falschen Steuerart deklariert. Deshalb so einen Aufstand zu machen, finde ich schon sehr seltsam. Bin mal gespannt, wie das ausgeht und wer am Ende davon profitiert hat...

  • 21.01.2013, 20:08 UhrG.Schnaars

    Kann der Verfasser des Artikels selbst nicht lesen, oder warum versucht er den Text der klar verständlichen E-Mail in orwellscher Dialektik umzudeuten? T.Wagner fordert klar ein Produkt das keine Versicherung ist. Ist da irgendwas missverständlich oder sind es die Anzeigenumsätze mit TUI, die die Verständnißschwäche hervorrufen? Bei jahrzehntelangen Verlusten in Milliardenhöhe dürften die nicht erfolgten Reisebuchungen eher die TUI Schmerzen als die Unister, gilt TUI nach Wikipedia doch als eine der größten Geldvernichtungsmaschinen der deutschen Unternehmensgeschichte. Zahlt TUI eigentlich für 2012 Dividende?

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