Unister Insolvenz: "Eher ein Krimi als eine klassische Pleite"

InterviewUnister Insolvenz: "Eher ein Krimi als eine klassische Pleite"

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Lucas Flöther.

von Henryk Hielscher

Lucas Flöther, der vorläufige Insolvenzverwalter von Unister, will den Online-Konzern möglichst schnell verkaufen, Werbeverträge mit Promis durchleuchten und die Hintergründe der Pleite aufklären. Und auch für einen Koffer mit Bargeld interessiert sich der Insolvenzexperte.

Der Mann, der den Online-Konzern Unister retten soll, hat Erfahrung mit Pleitefällen aller Art. Lucas Flöther zählt zu bekanntesten Insolvenzverwaltern des Landes. Seine Kanzlei taucht regelmäßig im Verwalter-Ranking der WirtschaftsWoche auf. 2014 führte er den Fahrradhersteller Mifa aus der Insolvenz. Auch bei Großverfahren wie der Insolvenz des Solarmodulherstellers Sovello und 2006 bei der Pleite der Wohnungsbaugesellschaft Leipzig-West AG war Flöther im Einsatz.

Vor wenigen Tagen wurde er vom zuständigen Amtsgericht Leipzig zum vorläufigen Insolvenzverwalter von Unister bestellt. Flöther steuert nun ein Online-Konglomerat dessen spektakulärer Aufstieg einst den deutschen Reisemarkt umpflügte und dessen Pleite nun die Branche in Atem hält. Denn die Hintergründe des Falls sind mysteriös. Verwalter Flöther jedenfalls fühlt sich eher an einen Krimi als an einen klassischen Insolvenzfall erinnert.

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WirtschaftsWoche: Herr Flöther, waren Sie dieses Jahr schon im Urlaub?

Lucas Flöther: Ich komme gerade aus Mallorca. Die Insolvenz des Internetholding Unister war einer der Gründe dafür, dass ich den Urlaub vorzeitig beendet habe. Ich hatte aber ganz klassisch im Reisebüro gebucht, nicht über Unister-Portale wie Ab-in-den-Urlaub oder fluege.de.

Unister-Pleite Wer das Unternehmen durch die Insolvenz steuert

Lucas Flöther führt als vorläufiger Insolvenzverwalter die Regie über einen Wirtschaftskrimi rund um das Internetkonglomerat Unister: Es geht um Rettungspläne, Reisebuchungen und einen Koffer voll Geld.

Unister hat Insolvenz angemeldet. Quelle: dapd

Können Kunden dort weiter Reisen buchen, oder ist das Geld dann weg?

In den allermeisten Fällen vermittelt Unister die Reisen nur und führt sie nicht selbst durch. Es besteht für die Kunden daher keine Gefahr, Geld zu verlieren. Die Zahlungen gehen direkt an die Reiseveranstalter.

Wie viel Zeit haben Sie, um das Unternehmen zu stabilisieren?

Es muss jetzt schnell gehen, das ist klar. Anders als zum Beispiel bei einer insolventen Eisengießerei ist der Zeitfaktor im Online-Geschäft entscheidend. Unister braucht rasch einen Investor, aber wir werden auch keinen Notverkauf durchführen. Aber ich bin optimistisch, dass wir eine Lösung finden.

Die Unister-Insolvenz - Ein Wirtschaftskrimi?

  • Das Unglück

    Der Fall ist mysteriös - und klingt nach einem Wirtschaftskrimi: Selfmade-Millionär und Gründer des Leipziger Internetunternehmens Unister, Thomas Wagner, stürzt am 14. Juli 2016 mit einer Privatmaschine in Slowenien ab. An Bord Bargeld. Kurz darauf meldet die Holding Insolvenz an, ebenso ein Tochterunternehmen. Schon seit Jahren wird über wirtschaftliche Schwierigkeiten spekuliert. Viele Fragen sind offen.

    Quelle: dpa

  • Was ist bislang über den Flugzeugabsturz bekannt?

    Zum Absturz könnte Vereisung an der einmotorigen Maschine beigetragen haben. Entsprechende Probleme hatte der 73-jährige Pilot der slowenischen Flugkontrolle gemeldet. Slowenische Medien spekulierten, dass die gecharterte Privatmaschine deutlich oberhalb der für diesen Typ üblichen Flughöhe von 5000 Metern unterwegs gewesen sein dürfte. Die Untersuchungen des Wracks laufen noch, auch unter Beteiligung deutscher Behörden.

  • Wer befand sich an Bord?

    Neben Firmengründer und Unister-Hauptanteilseigner Wagner (38) auch der Mitgesellschafter Oliver Schilling (39), ein 65-jähriger Mann und der Pilot.

  • Was war der Grund der Reise?

    Wagner und sein Kompagnon wollten sich in Venedig mit potenziellen Investoren treffen, wie Unister mitgeteilt hat. Dabei sollen sie betrogen worden sein. Die slowenische Polizei berichtete von Dokumenten an Bord der Unglücksmaschine, die darauf hinwiesen, dass Wagner „um eine größere Summe geschädigt wurde“. In Medienberichten wird über die Investoren und untergeschobenes Falschgeld spekuliert, offiziell bestätigt ist nichts. Auch die Herkunft der an der Unglücksstelle gefundenen 10.000 Schweizer Franken in bar ist unbekannt.

  • Warum geriet der Konzern durch dem Tod Wagners in Schieflage?

    Wagner galt zeitweise als ostdeutscher Vorzeige-Unternehmer, später gerieten Geschäftspraktiken von Unister immer wieder in die Kritik. Die letzte veröffentlichte Bilanz der Unister Holding stammt von 2011. Ihr alleiniger Geschäftsführer war Wagner, der alle Fäden in den Händen hielt. 2002 hatte er Unister als 23-Jähriger in Leipzig ursprünglich als Studententauschbörse gegründet und das Start-up auf einen rasanten Wachstumskurs geführt. 2015 war dann von Stellenstreichungen die Rede, 30 Millionen Euro pro Jahr sollten eingespart werden.

  • Wie war der Konzern strukturiert?

    Unter dem Dach der Unister Holding GmbH fand sich eine Vielzahl von Firmen, die mehr als 40 Internetportale unter anderem zu den Themen Reisen, Nachrichten, Immobilien oder Partnervermittlung betreiben - darunter beliebte Seiten wie fluege.de, ab-in-den-urlaub.de, news.de oder partnervermittlung.de. Insgesamt arbeiteten mehr als 1000 Beschäftigte für die Unternehmensgruppe.

  • Wem gehört was?

    Bis zu seinem Tod hielt Wagner rund 40 Prozent der Anteile und war damit Hauptgesellschafter Unister Holding. Der Rest verteilt sich nach Firmenangaben auf die vier Mitgründer - darunter Schilling, der ebenfalls beim Absturz ums Leben kam - sowie eine Firma namens Opus30 Vermögensverwaltungsgesellschaft.

  • Immer wieder gab es Ermittlungen. Worum ging es da?

    2012 geriet Unister ins Visier der Justiz. Wagner und drei weitere Manager wurden unter anderem wegen unerlaubter Versicherungsgeschäfte und Steuerhinterziehung angeklagt. Unister wies die Vorwürfe stets zurück. Zum Prozess kam es bisher nicht, weil das Landgericht Leipzig derzeit eine weitere Klage prüft.

Warum?

Bereits innerhalb der ersten 24 Stunden hat sich eine hohe zweistellige Zahl potenzieller Investoren bei mir gemeldet, die sich für das Unternehmen als Ganzes oder für Teile interessieren. Diese Interessensbekundungen müssen wir in den nächsten Tagen filtern und sondieren. Dann kann ein zügiger Investorenprozess starten.

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