Verschollene MH370: Widersprüchliche Meldungen zu Wrackteilen

Verschollene MH370: Widersprüchliche Meldungen zu Wrackteilen

, aktualisiert 06. August 2015, 17:02 Uhr

Die malaysische Regierung sagt, dass das vor einer Woche auf der Insel La Réunion angeschwemmte Wrackteil zum erschollenen Flug MH370 gehört. Die Pariser Staatsanwaltschaft wollte das nicht bestätigen.

Widersprüchliche Meldungen über die verschollene Passagiermaschine der Malaysia Airlines haben für Verwirrung und Ärger unter den Angehörigen gesorgt. Die malaysische Regierung erklärte, dass ein vergangene Woche an der Insel La Réunion angeschwemmtes Querruder zweifelsfrei zu der verschollenen Boeing 777 stamme und dass dort weitere Wrackteile wie ein Flugzeugfenster gefunden worden seien.

Die mit den Ermittlungen beauftragte Pariser Staatsanwaltschaft wollte die Identifizierung des Ruders nicht bestätigen und dementierte die neuen Funde.

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Wie wahrscheinlich sind die MH370-Theorien?

  • Ein Jahr Stochern im Nebel

    Flug MH370 bleibt verschwunden. Niemand weiß, was sich in den letzten Stunden an Bord abgespielt hat. Die Theorien reichen von unglaublich bis absurd.  Ermittler und Experten, Wichtigtuer und Wahrsager bieten ihre Expertise in Sachen MH370 an. Was geschah mit dem Flug der Malaysia Airlines, der am 8. März 2014 mit 239 Menschen an Bord spurlos verschwand?

    Quelle: dpa

  • Technischer Defekt

    An Bord war zwar eine Ladung mit gut 200 Kilogramm hoch brennbaren Batterien. Ein Brand hätte womöglich die beiden Kommunikationssysteme zerstören können - aber die Piloten hätten zuvor im Cockpit Alarm gehört und über Funk eine Notsituation gemeldet, sagen Piloten. Hätten toxische Dämpfe oder ein Druckabfall Passagiere und Crew bewusstlos gemacht, hätte die Maschine nach dem letzten Radarkontakt nicht zwei abrupte Kursänderungen nehmen können.

  • Entführung durch Terroristen

    Als die Kursänderungen eine Woche nach dem Verschwinden enthüllt wurden, sagte Malaysias Regierungschef Najib Razak: „Diese Bewegungen deuten auf absichtliches Eingreifen durch jemanden an Bord hin.“ Die Ermittler haben alle Passagiere und Besatzungsmitglieder unter die Lupe genommen. Niemand hatte Terror-Sympathien oder -Verbindungen, auch die beiden Iraner nicht, die mit gefälschten europäischen Pässen an Bord waren. Sie träumten vom besseren Leben in Europa. Keine Terrororganisation hat sich je zu einem Anschlag bekannt.

  • Verwicklungen eines Schurkenstaats

    Kann ein Schurkenstaat dahinterstecken? Das behauptet der Amerikaner Christopher Green in einem auf YouTube populären Video, allerdings ohne jedwede Indizien. Ein Schurkenstaat habe die Maschine gekapert, wolle sie mit Atomwaffen ausstatten und eines Tages auf eine US-Stadt lenken. Der US-Autor Jeff Wise vermutet die Maschine dagegen in russischen Händen und spekuliert wild über abwegige Motive.

  • Machenschaften der Geheimdienste

    Das FBI taucht immer bei Verschwörungstheorien auf: Die USA seien hinter etwas her gewesen, das an Bord war, meint der chinesische Blogger He Xin. Die US-Botschaft in Kuala Lumpur sah sich sogar genötigt zu dementieren, dass das Flugzeug auf dem US-Stützpunkt Diego Garcia im Indischen Ozean landete. Ex-Airline-Chef und Buchautor Marc Dugain kombiniert diese Theorien zu seiner Version: Hacker manipulierten die Bordcomputer von außen und lenkten die Maschine auf den US-Stützpunkt, vor dem das US-Militär die Maschine abschoss.

  • Abschuss des Fliegers

    Kann die Maschine aus Versehen abgeschossen worden sein? Das behauptet der britische Autor Nigel Cawthorne in einem Buch. Bei einer damals stattfindenden thailändisch-amerikanischen Militärübung im Südchinesischen Meer sei scharfe Munition verwendet worden. Die Geschichte vom stundenlangen Flug in Richtung Süden sei erfunden worden, um sicherzustellen, dass das Wrack an falscher Stelle gesucht und nie gefunden wird. Seriöse Experten zweifeln nicht an den Angaben der Satellitenfirma Inmarsat, die Stunden nach dem Verschwinden Daten von der Maschine auffing.

  • Selbstmord des Piloten

    Hat der Pilot selbst die Maschine ins Verderben gelenkt? Das halten mehrere erfahrene Unfallermittler für die wahrscheinlichste Variante. Sie äußern sich in einer Dokumentation des Senders National Geographic: Der Pilot dirigiert den Kopiloten unter einem Vorwand aus dem Cockpit, nimmt eine Sauerstoffmaske, löst in der Kabine einen Druckabfall aus, der alle ins Koma versetzt und fliegt Richtung Süden, bis die Maschine mit leeren Tanks abstürzt. Warum würde aber jemand auf Suizid-Mission die Maschine so lange fliegen lassen?

Nach Angaben des malaysischen Verkehrsministers Liow Tiong Lai wurden die neuen Trümmerteile von einem malaysischen Team entdeckt und sollten ebenso wie das Querruder den französischen Experten zur Untersuchung übergeben werden. Neben dem Fenster seien Alufolie und „viele andere Dinge“ eingesammelt worden, die zweifelsfrei von einem Flugzeug stammten, sagte Liow. Ein Mitarbeiter des Ministers sagte später, es seien eher Fensterteile als ein ganzes Fenster.

Mehrere mit den Ermittlungen vertraute französische Beamte erklärten aber, dass sie nichts von neuen Funden wüssten, und stützten damit die Stellungnahme der Staatsanwaltschaft, wonach es überhaupt keine neuen Entdeckungen gebe.

Die nervenaufreibende Suche nach MH370

  • Das Unglück

    Am 8. März 2014 verschwand Flug MH370 auf dem Weg von Kuala Lumpur nach Peking spurlos vom Radar. Auch nach einem Jahr ist völlig rätselhaft, wo und warum die Maschine der Malaysia Airlines mit 239 Menschen an Bord abhandenkam. Derzeit konzentrieren sich die Suchmannschaften auf eine 60 000 Quadratkilometer große Zone im Indischen Ozean westlich von Australien - bislang ohne jeden Erfolg.

  • Wie ist der Stand der Suche?

    Die Suchmannschaften haben bisher mehr als 40 Prozent dieser Zone durchkämmt. In dem Areal rund 1800 Kilometer vor der australischen Westküste wird das Flugzeug aufgrund von Auswertungen des Signalverkehrs zwischen MH370 und einem Satelliten vermutet. Innerhalb der durchschnittlich 4000 Meter tiefen Meereszone lässt sich nach Aussagen des Leiters der australischen Verkehrssicherheitsbehörde (ATSB), Martin Dolan, allerdings kein Punkt ausmachen, an dem die Suche am ehesten Erfolg verspricht.

  • Wie lange soll noch gesucht werden?

    Trotz mehrmaliger Verzögerungen wegen schlechten Wetters oder Ausrüstungsproblemen gehen die Behörden davon aus, dass diese vorrangige Zone bis Ende Mai durchsucht ist.

  • Was passiert, wenn das Flugzeug dort nicht gefunden wird?

    Eine Option wäre nach Auskunft des australischen Verkehrsministers Warren Truss die Ausweitung der Suche auf ein größeres Gebiet im Meer vor Australien. Die bisherigen Suchanstrengungen haben Australien und Malaysia jeweils mit umgerechnet rund 54 Millionen Euro unterstützt. Im kommenden Monat soll in Gesprächen der beiden Regierungen mit China eine Entscheidung über eine mögliche weitere Suche fallen. „Je mehr Partner wir haben, desto mehr Möglichkeiten haben wir, ein größeres Gebiet zu durchsuchen“, betont Truss.

  • Wie läuft die Suche ab?

    Vier Schiffe mit jeweils 30-köpfiger Besatzung durchsuchen die ausgewiesene Zone. Drei der Schiffe sind mit Sonargeräten ausgerüstet, die sie hinter sich herziehen und die knapp über dem Meeresboden mögliche Trümmer orten sollen. Seit Januar ist das vierte Schiff namens „Fugro Supporter“ dabei. Es hat eine Art unbemanntes U-Boot im Einsatz, das leichter durch felsige und unebene Stellen in der Meerestiefe gesteuert werden kann und daher auch Regionen abtasten kann, bei denen die Sonargeräte an ihre Grenzen stoßen.
    Anders als diese schickt die Unterwasserdrohne aber keine Daten in Echtzeit zurück an Bord, sondern muss nach 24 bis 36 Stunden an die Oberfläche gebracht werden, damit die Daten abgegriffen werden können. Etwa alle vier Wochen müssen die Schiffe zurück zur Küste, um Vorräte aufzustocken. Der einfache Weg kann bis zu sechs Tage in Anspruch nehmen.

  • Wird überhaupt noch nach schwimmenden Trümmerteilen gesucht?

    Nach Trümmerteilen an der Wasseroberfläche wird nach Angaben von ATSB-Chef Dolan weiter Ausschau gehalten, auch wenn solche vermutlich längst gesunken wären. Im August baten die australischen Behörden Indonesien, das Meer vor seiner Westküste zu beobachten. Derzeit wird das Strömungsmodell überprüft, um zu sehen, ob Flugzeugteile möglicherweise an eine andere Stelle getrieben worden sein könnten.

  • Was passiert, wenn das Flugzeug gefunden wird?

    Australien bemüht sich bereits um Firmen, die die Bergung vom Meeresboden vornehmen könnten. Vor einer Bergungsaktion müssten allerdings zunächst Australien und Malaysia zustimmen, dann müsste über die beste Vorgehensweise entschieden werden. Sollte das Flugzeug auf dem Meeresgrund entdeckt werden, würde es nach Einschätzung Dolans bis zum Beginn der Bergung noch mindestens einen Monat dauern.

Bei dem vergangene Woche gefundenen Querruder ist zumindest eines klar: dass es Teil einer Boeing 777 ist - und dass MH370 das einzige Flugzeug dieses Typs ist, das vermisst wird. Durch die Untersuchungen sei nun auch bewiesen, dass der verwendete Dichtstoff und die Farbe auf dem Querruder mit den Details in den Wartungsformularen des vermissten Flugzeugs übereinstimmten, sagte Liow. „Unsere Unterlagen zeigen, dass es das gleiche ist wie bei MH370.“

Die französischen Ermittler erklärten lediglich, es gebe starke Hinweise dafür, dass das Wrackteil zu dem Flugzeug gehörte. Liow betonte, die Diskrepanzen seien nur einer „anderen Wortwahl“ geschuldet.

Weitere Artikel

Die widersprüchlichen Botschaften erzürnten aber viele Angehörige der 239 Menschen, die an Bord der Maschine waren, als sie am 8. März 2014 auf dem Weg von Kuala Lumpur nach Peking von den Radarschirmen verschwand. „Warum zum Teufel gibt es vom einen eine Bestätigung und vom anderen nicht?“, ereiferte sich die Neuseeländerin Sara Weeks, deren Bruder einer der Insassen war.

„Frankreich ist vorsichtig und Malaysia ist verzweifelt, den Fall zu Ende zu bringen und vor seiner Verantwortung davonzulaufen“, sagte Dai Shuqin, die ebenfalls einen Bruder verlor. Sie demonstrierte mit anderen chinesischen Angehörigen am Donnerstag vor der Zentrale der Malaysia Airlines in Kuala Lumpur.

Die Experten wollen bei ihren Tests unter anderem Aufschluss darüber gewinnen, wie das Flugzeug abstürzte und welchen äußeren Kräften das Material bei einem Aufschlag ausgesetzt war. Die eindeutige Identifizierung könnte vor allem eines belegen: dass das Flugzeug im Indischen Ozean abstürzte. Davon waren die Ermittler zwar anhand von Satellitensignalen ausgegangen, doch einen handfesten Beweis dafür gab es nicht.

Die Fragen, warum die Boeing auf ihrem Flug überhaupt verschwand und wo sie genau im Indischen Ozean versank, wird die Untersuchung aber wohl nicht vollständig klären können.

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