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kolumne Werbesprech: "Nur!" ist das neue "Neu!"

Kolumne von Thomas Koch

Das Marketing kennt anscheinend nur eine Botschaft: " Nur noch…!" Ist der Endverbraucher durch "Geiz ist geil" so abgestumpft, dass Marken-Werte und Inhalte keinen Sinn mehr machen?

Ein Kaufhaus wirbt mit 19 Prozent Rabatt auf einen Teil seiner Waren. Quelle: dpa
Nicht besser, sondern billiger. Ein Kaufhaus wirbt mit 19 Prozent Rabatt auf einen Teil seiner Waren. Online-Portale sorgen dafür, dass sich die Werbung kaputt spart. Quelle: dpa

Sie schlagen die Zeitung auf. Sie ist prall gefüllt mit den Sonderangeboten der örtlichen Einzelhandelsfilialen von Aldi, Lidl und Co. Sie wundern sich aber nicht darüber. Denn das ist seit 350 Jahren das Geschäftsmodell der regionalen Zeitungen.

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Im Radio ist es inzwischen nicht anders. Die Werbeblöcke sind eine einzige Aneinanderreihung von Zahlen, die uns in penetranter Lautstärke um die Ohren gehauen werden: "Jetzt für sensationelle 3,99… zum halben Preis statt 7,99 für nur 3,99… 20 Prozent mehr… das Kilo für 39 Cent… eine Rate von nur 0,9 Prozent". Es ist eine Schande, dass die Kreativen dieses faszinierende Medium nicht anders zu nutzen wissen.

Das Internet ist für viele User zur Preis-Suchmaschine degeneriert. Deutschland befindet sich auf Schnäppchen-Jagd. Und im Fernsehen geht es weiter. Der McDeal für nur 3,79 Euro schlägt den King des Monats für nur 3,99 Euro. Bei Penny gibt es Wassermelonen für nur 2,22 Euro, bei Rewe die Flasche Granini für nur einen Euro. Es reicht uns nicht aus, die günstigsten Lebensmittelpreise in ganz Europa zu haben. Da geht noch was.

Swoodoo statt Weißer Riese

Interessant zu beobachten ist, wie immer mehr Online-Portale in die TV-Werbung drängen. Swoodoo bewirbt den Pauschalurlaub für nur 199 Euro. Völlig überteuert, wie sich nach dem nächsten Spot herausstellt, denn bei Reise.de bekommt man eine ganze Türkei-Reise für nur 139 Euro. Ein Flug für nur 8,99 Euro? Kein Problem. Ein Hotel in Berlin für nur acht Euro? Bitte sehr. Zwei Stunden vor dem Fernseher und Sie kennen sich in der Preislandschaft jeder Branche aus.

Die Struktur der Fernseh-Werbeblöcke hat sich dramatisch verändert. Statt Waschmittelreklame nerven heute Reiseportale, Online-Shops und Dating-Portale den Zuschauer bis in die tiefe Nacht. Ein Grund dafür sind die Abrechnungsmodelle. Zahlte früher Der Weiße Riese seinen Werbespot nach Sender-Tarif, zahlen die Portale und Online-Shops heute den Cost-per-Click, wie er im Branchenjargon genannt wird. Geht keiner der Zuschauer auf die Website, war die Werbeausstrahlung umsonst - im wahrsten Sinne des Wortes.

Eine andere Variante der TV-Sender ist inzwischen, sich am Umsatz ihrer Werbekunden zu beteiligen. Oder („Media for Equity“) gleich am ganzen Unternehmen. Derartige Modelle werden in Zukunft dafür sorgen, dass die Werbeblöcke weiter mit Online-Portalen und Shops überfrachtet werden. Statt mit Markenwerbung.

Gegen die Portale des Internet-Unternehmens Unister, Betreiber populärer Websites wie ab-in-den-urlaub.de, fluege.de und Preisvergleich.de, werden immer wieder Vorwürfe laut. Zuletzt berichtet die Zeitschrift Computerbild von weitreichenden Manipulationen, um Nutzer über den Tisch zu ziehen. Laut Heise Online widerspricht das Unternehmen den Vorwürfen teilweise und geht rechtlich gegen den Bericht vor. Die Computerbild wiederum bleibt bei ihrer Darstellung. Im Folgenden ein Überblick über die Maschen von Abzockern im Internet.

Bild: www.fluege.de

Das Marketing der klassischen Marken hat uns ohnehin nicht mehr viel zu sagen. Außer, dass es billig ist. Früher klebte man wenigstens noch die Banderole „Neu!“ auf jede Werbung. Heute heißt die zentrale Botschaft des Marketing dagegen „Nur!“. „Nur!“ ist das neue „Neu!“. Das Marketing spart sich um Kopf und Kragen.

Hat uns das Marketing - außer dem Preis - wirklich nichts anderes mehr mitzuteilen? Keine anderen Botschaften? Keine Werte? Werte, die früher den Kern einer Marke ausmachten - und es auch heute tun sollten. Werte, die einen Preis rechtfertigen, der nicht mit „Nur noch“ beginnt? Die Baumarktkette Praktiker mit ihrem Slogan „20 Prozent auf alles“ lässt grüßen - das Unternehmen kämpft um die Sanierung.

Und ist dies das Werbeumfeld, das sich die TV-Vermarkter wirklich wünschen? Wie viel Lust werden die Automobilhersteller, Versicherungen und Finanzdienstleister künftig haben, wenn ihre Werbespots nur noch zwischen Swoodoo und eDarling („Jeff, nicht Marc…!“) eingezwängt werden?

Es ging immer um den Preis

Vereinzelt gibt es sie ja noch: Marken, die via Fernsehwerbung Markenpflege zu treiben versuchen. Die jüngste Kreation von Schwäbisch Hall und ihrer Agentur Ogilvy zählt zur scheinbar  aussterbenden Spezies von Werbespots, die noch in die Herzen ihrer Zielgruppe vordringen - und die die alternde Bausparkassen-Marke zu neuem Leben erwecken will.

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Und wenn die klassische TV-Werbung nach und nach ausstirbt? Dann lernen die Endverbraucher daraus, dass sie doch Recht hatten. Dass es letzten Endes doch immer nur um den Preis ging. Und wenn Sie in Berlin im Acht-Euro-Hotel einchecken, lassen Sie einfach Ihre Louis Vuitton-Tasche und Ihren Boss-Anzug zuhause.

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Oder Sie erweisen sich als clever und warten den nächsten Werbeblock ab. Sind 8,99 Euro für den Flug und acht Euro fürs Hotel nicht ein bisschen viel? Da geht bestimmt noch was.

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2 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 11.07.2012, 11:34 UhrMMaschmann

    Ich kenne es ursprünglich auch so, dass man mittels Markenkommunikation versucht, sich aus dem unteren Quadranten der reinen Preispositionierung, also dem rein funktional materialistischen Feld, in dessen Richtung die natürliche Bewegung im Laufe der Zeit weist, in die symbolisch immateriellen Werte zu verbeißen und an ihnen hochzuhangeln, denn: Es gibt immer jemanden, der es noch billiger kann! Mir ist dazu beispielsweise in Griechenland aufgefallen, dass die Rabattitis dort schon so weit fortgeschritten ist, dass ein Produkt, auf dessen Packung nicht prominent eine große Prozentzahl mit dem Hinweis "gratis" oder "geschenkt" prangt, kaum noch verkäuflich ist. Quo vadis, Markenkommunikation? MMaschmann

  • 11.07.2012, 10:13 UhrExpat

    Seit rund 7 Jahren lebe ich in Österreich.
    Hier konnte ich in den letzten Jahren miterleben, was Deutschland bereits hinter sich hat.
    Mir ist es anfangs äußerst angenehm aufgefallen, dass hier bspw. die Radiowerbung sicherlich zu 90% aus Botschaften wie „schön, nützlich, gesund, lecker, frisch, Auswahl, Freude, Service“ etc. bestand.
    Kein Supermarkt hätte damit geworben „bei uns sind die Tomaten am billigsten“, sondern „hier gibt’s die Auswahl“ oder „alles frisch“ etc. Selbst diejenigen mit einer deutschen Mutter (z.B. Merkur, der zur Rewe gehört) nicht.
    Seit wenigen Jahren drängen nun die deutschen Billigheimer (Aldi, Penny, Saturn etc.) mit aller Macht in den Markt, so dass sich die Werbelandschaft komplett verändert hat.
    Wie in meinem Heimatland, nervt aus Radios nur noch „billig, billig, billig“. Es haben sich quasi alle Werbenden diesem Credo unterworfen: Lebensmitteleinzelhändler, Pkw-Händler, Elektronikketten etc.
    Es ist eine Schande.
    Parallel zum massiven Qualitätsverlust der Werbung entwickelt sich das Konsumangebot. In den Premiumsupermärkten tauchen Discountgemüse und Grabbeltische mit Ramschartikeln vor den Kassen auf, Service und Qualität nimmt überall spürbar ab. Hier gibt der Handel ohne jede Not ein wertvolles Gut ab. Wenn man selbst in einem kerngesunden Land mit 3% Arbeitslosenquote seine Produkte nur noch mit dem „Billig“-Argument unters Volk bringen kann, dann Gute Nacht.
    Zum Schaden der anspruchsvollen Kunden, die lieber 100g regionales Bio-Steak kaufen als 250g Massentierhaltung aus Kroatien vom Discounter.

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