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Werbesprech: Provokant und polarisierend

Werbesprech: Die neun Sargnägel der Werbung

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Provokant und polarisierend

Eine simple Anfrage des Abiturienten Maik Luu bei der Firma Anhängerverleihfirma Clemens & Partner aus Elsdorf bei Aachen verursachte eine Werbekampagne der besonderen Art. Der Gymnasiast wollte für die Abifeier eine Hüpfburg leihen, das Budget war jedoch gering. Diese Tatsache erzürnte den Betriebsleiter Herr Koep derart, dass er Maik Luu beschimpfe. "Da Sie offensichtlich kein Geld haben, würde ich vielleicht von meinem Luxusdenken etwas abrücken. Wir sind Vermieter und machen das beruflich für unseren Lebensunterhalt mit dem Ziel, nicht da stehen zu wollen, wo Sie offensichtlich stehen." Weiterhin stellte er fest, dass 70 Prozent aller Studenten Hartz IV bekämen. Die Antwort des Abiturienten folgte prompt. Er postete dies auf Facebook und entfachte damit einen Shitstorm. In den nächsten Tagen will sich das Unternehmen zu dem Vorfall äußern.

Bild: dpa

4. Fehlender Kontext

Charakter braucht Kontext. Denn erst in schwierigen Situation zeigt sich der wahre Charakter. Der richtige zeitliche, räumliche, inhaltliche Kontext hilft der Identifikation mit den Helden, indem er Parallelitäten - oder Sehnsüchte - zur Lebenswelt der Konsumenten offeriert. So funktioniert Weltliteratur, jede Story, der gute Spot.

Oft denke ich, das ausgeschaltete Holo-Deck der Enterprise oder der Cube aus dem gleichnamigen Film bietet mehr Kontext als manche Werbung irgendeines Bad-, Toiletten-, Haushalts-Reinigers. Gerade die langweiligsten Spießer-Eltern in entsprechenden Klamotten und mit entsprechenden Spießer-Kindern jeden Alters im Set einer beliebigen Süßigkeit zu platzieren, ist äußerst kontraproduktiv. Die Lebenswelt der Menschen ist eine andere, wie man am quietschbunten Wohnzimmersofa jeder Doku-Soap sieht. Und sich selbst wiedererkennen, kann man gerade in artifiziellen Laborsituationen nicht.

Ikea z.B. ist selbst der grandiose Kontext seiner Produkte. Bis hin zum Schwedisch des Off-Sprechers. Während alle anderen lieber Kirmes-Losverkäufer in weißen Kitteln oder mit übergroßen Brüsten für ihre Produkte sprechen lassen.

5. Fehlende Bedeutung

Gerade mit der Ersatzbefriedigung kann man fehlende Relevanz nicht ausgleichen. Kittel und Busen wärmen nur kurz. Ohne tieferen Sinn wird keine nachhaltige Leidenschaft für eine Marke entstehen können. Alles bleibt beliebig und austauschbar. Heute Katzenberger, morgen Gina-Lisa, übermorgen vergessen.

Werbesprech Diese Todsünden gefährden ihre Marke

Charakterschwächen ziehen sich oft wie ein roter Faden durch das gesamte Unternehmen, machen meist seinen Misserfolg aus.

Werbesprech: Diese Todsünden gefährden ihre Marke

6. Fehlende Reibung

Gerade Leidenschaft braucht Wärme, braucht Funken, Feuer. Reibung erzeugt Funken, die überspringen auf den Konsumenten. Dieser Funke erst verwandelt den Konsumenten zur Zielperson. Man fühlt sich angesprochen. Und andere eben nicht.

7. Fehlende Reibungsfläche

Deshalb sollte man nicht allein auf die eher taktische Reibung setzen, sondern strategisch eine charakter-affine nachhaltige Reibungsfläche anbieten, die herausragender Teil der Werbe- (besser noch der Marken-)Persönlichkeit wird. Das kann man platt machen wie MediaMarkt oder intelligent wie Apple.

8. Fehlende Polarisierung

Wichtig ist, die Reibungsfläche so provokant zu gestalten, dass sie polarisiert. Denn erst die Ablehnung bestimmter Gruppen sorgt für die größere Loyalität, vielleicht sogar bedingungslose Liebe anderen Gruppen, idealerweise der von Ihnen avisierten Zielgruppe. Ein Beispiel: Alle erinnern sich an den guten alten Dr. Best, niemand erinnert sich an die vielen austauschbaren Gesichter hinter den anderen Zahnbürsten.

9. Fehlende Groupies, Fans, Tribes

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Die treuesten Fans entstehen aus einem unergründlichen Mix aus kulthafter Verehrung des 'eigenen' Produktes und kategorischer Ablehnung anderer Marken, Produkte und ihrer Protagonisten. Religionen, Terroristen und manche Politik nutzt dies zum Negativen, im Grunde ist es aber eine der stärksten Triebfedern unseres Handelns. Wir wollen lieben und geliebt werden, wir wollen zu Gruppen dazugehören. Wir wollen uns abgrenzen. Wir wollen Vorbilder und beliebt sein. Als Menschen und als Marken.

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Werbung muss dies wieder erkennen - statt es allen recht machen zu wollen. Werbung muss die Menschen wieder bei ihren Gefühlen, ihrer Einzigartigkeit, ihren Trieben und Sehnsüchten packen - statt an ihrem Geldbeutel.

6 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 24.10.2012, 13:15 Uhrralfschwartz

    Das mit der Überfrachtung sehe und versteh ich nicht.

    in allen anderen Punkten danach gebe ich Ihnen uneingeschränkt recht. Besser hätte ich es auch nicht auf den Punkt bringen können.
    Und ich spreche ja genau von den Fällen, in denen das Marketing einfach nicht optimal läuft.
    Und ich spreche eben auch nicht - da wiederhole ich mich gerne - von Agenturen, sondern von der Führungsaufgabe des Marketings auch in werblich/kommunikativen Belangen.

  • 24.10.2012, 12:37 Uhrralfschwartz

    Liebe/r NichtDumm, dazu habe ich ad hoc überhaupt kein Bild im Kopf. Hast Du ein Beispiel?

  • 24.10.2012, 12:35 UhrHarry

    Herr Schwarz, haben Sie alle anderen Leser persönlich befragt?
    Sie überfrachten Werbeagenturen mit Aufgaben und Leistungen, die sie dem Namen nach nicht zu erfüllen haben. Werbeagenturen werben - Punkt. Dies können sie gut oder schlecht, ist aber nichts Neues. Eine Werbekampagne ist letztlich nur ein Baustein in einer Kette anderer notwendiger strategischer und operativer Marketingüberlegungen. Werbliche Maßnahmen werden jedoch oft genug überfrachtet und überfordert. Ich erinnere an die aktuellen Fälle Praktiker oder Penny (beides Marken), wo Werbung betrieben wurde, aber strategische Marketingüberlegungen vorrangiger, notwendiger und wichtiger gewesen wären. Dies wurde in beiden Fällen aber erst dann erkannt, als es den Unternehmen wirtschaftlich gesehen "an den Kragen ging".
    Vielleicht werden Sie mit mir gemeinsam feststellen können, dass dort, wo ein gutes Marketing gepflegt wird, auch und immer die Werbung gut funktioniert, auch wenn sie von Ihnen nicht als optimal bezeichnet werden. Da stützen das Image, das Produkt, die Distribution, die Preispolitik und auch die Strategie manchmal eine nicht optimale Werbung einfach souverän ab. Siehe VW.

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