Werner knallhart: Die weihnachtliche Sitzplatz-Panik im ICE

kolumneWerner knallhart: Die weihnachtliche Sitzplatz-Panik im ICE

Kolumne von Marcus Werner

Weihnachten. Das Fest der Liebe. Oh, halt die Klappe! Für Bahnfahrer ist es das Fest der Magengeschwüre. Auf der Heimfahrt an Weihnachten kollidiert die deutsche Lust am Durchregeln mit dem Zwang zum Improvisieren. Weil die Bahn es so will. Eine Kolumne.

Coming home for Christmas: Kurz vor Weihnachten türmen sich in den ICEs mal wieder Heimfahrer und ihre Weihnachtsgeschenke bis zur Decke. Überforderte Bahn-Laien und Vielfahrer-Besserwisser kämpfen um die Plätze. Weil die Bahn es so will.

Im Flugzeug ist alles exakt vorgeschrieben. Wie man einsteigt, wo welches Gepäck hinkommt, wann man aufstehen darf und dass beim Essen die Rückenlehnen hochgeklappt werden. An Bord eines ICE ist man noch frei. Da herrscht im Vergleich noch Anarchie. Leider ist das nicht für jeden was. Die Regelungslücken sind regelrecht Gift für die Stimmung an Bord. Denn zur Weihnachtszeit treffen im Zug Welten aufeinander.

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Die nostalgische Bahnwelt der Gelegenheitsfahrer knallt auf die straffe ICE-Logistik der Vielfahrer. Und die Bahn lässt es zu. 

Beispiel 1: "Wir sind nur kurz im Restaurant." 

Das ist Bahnidylle aus Dampflokzeiten. Schön die Mäntel auf den Plätzen im Großraumwagen verteilen ("Wir sind gleich wieder da.") und dann ab ins Bordrestaurant, um dort die nächsten Plätze zu belegen. Leute, die heutzutage so etwas tun, die sagen zum Bordrestaurant noch Speisewagen und Bundesbahn. Seltenfahrer.

Die wichtigsten Baustellen der Bahn 2015

  • S-Bahn Berlin

    Von Mitte Januar bis Anfang Mai wird auf der Nord-Süd-Verbindung der Oberbau, die Leit- und Sicherungstechnik und der Tunnel unter die Lupe genommen. In dieser Zeit ist die Strecke zwischen Gesundbrunnen und Yorkstraße gesperrt. Von Ende August bis Ende November wird außerdem eine Brückenkonstruktion am erst 2006 eröffneten Berliner Hauptbahnhof saniert. Fernzüge halten dann im unteren Teil des Kreuzungsbahnhofs.

  • Hannover-Göttingen

    Mitte Mai sollen auf der Hochgeschwindigkeitsstrecke zwölf Weichen erneuert werden. Während der Bauzeit wird die Strecke gesperrt. Der Fernverkehr wird von Hannover über die alte Strecke nach Göttingen umgeleitet. Das dauert 30 Minuten länger.

  • Köln-Frankfurt

    Von Mitte April bis Mitte Mai werden auf der ICE-Strecke 44 Kilometer Schienenstrang ausgewechselt. Dazu wird die Strecke durch den Westerwald an vier Wochenenden gesperrt. Die Züge werden dann am Rhein entlang fahren. Die Fahrzeit verlängert sich um 60 Minuten.

  • Köln-Aachen

    Die Strecke bekommt von Ende Juni bis Mitte August auf 22 Kilometern neue Gleise. Fernzüge fahren einen Umweg über Venlo und brauchen dafür 45 Minuten länger. Auf der Route Köln-Siegen werden im gleichen Zeitraum 35 Kilometer Gleise renoviert. Davon sind in der Bauzeit 77 Nahverkehrszüge betroffen, die durch Busse ersetzt werden.

  • Mannheim-Stuttgart

    Von Mitte September bis Ende Oktober werden auf der Schnelltrasse Gleise und Weichen ausgetauscht. Dafür wird die Strecke zwischen Kraichtal und Stuttgart-Zuffenhausen zeitweise gesperrt. Die Umleitung über die alte Strecke kostet 40 Minuten Fahrzeit.

  • Nürnberg-Ansbach

    Von Anfang März bis April wird ein zehn Kilometer langer Streckenabschnitt saniert. Zeitweise ist eine Sperrung nötig. Die Fernzüge der Linie Nürnberg-Karlsruhe werden über Treuchtlingen umgeleitet. Das dauert 40 Minuten länger als sonst.

  • München-Ingolstadt

    Auf dieser Route wird voraussichtlich noch bis August 2015 die Schienentechnik erneuert, damit Züge künftig dort mit Tempo 200 fahren können. Dabei muss ein alter Damm saniert, Gleise erneuert und neue Signalkabel verlegt werden. Ein Teil der Fernzüge muss über Augsburg umgeleitet werden. Das führt zu einer 30 Minuten längeren Fahrzeit.

Vor einiger Zeit musste ich erleben, wie nach der Durchsage "in Hannover nehmen wir Fahrgäste eines ausgefallenen ICE auf" erstmal ein Senior aus dem Restaurant an seinen Platz im Großraum gestürzt kam und Taschen und Koffer auf seinem Platz und dem seiner Freunde verteilte, dass bloß keiner der vielen Zugestiegenen auf die Idee käme, sich auf die freien Plätze zu setzen.

Die Bahn wird den Teufel tun zu sagen "jeder Fahrgast nur ein Platz". Denn wer sich nicht traut, ins Bordrestaurant zu gehen, weil sonst sein Platz im Großraum weg sein könnte, der konsumiert weniger. Sollen das doch die Fahrgäste unter sich ausdiskutieren.

Vielfahrer hingegen wissen, wie es geht: Man setzt sich direkt ins Restaurant, schiebt dort seine Koffer kreuz und quer unter die Haxen der Mitreisenden, trinkt dann in vier Stunden einen Kaffee und surft im kostenlosen WLAN der 1. Klasse, das stets bis ins Restaurant ausstrahlt.

Beispiel 2: "Das ist mein Platz" - "Steht da aber nicht."

Stellen Sie sich vor, Sie leben in Berlin. Aber Weihnachten feiern Sie mit der Familie im Schwarzwald. Das bedeutet eine 5-Stunden-Bahnreise!

Zum Glück startet der ICE seine lange Reise in Berlin Hbf. Wenn Sie schnell reinkommen, ist der Zug leer und Sie können sich einen nicht reservierten Platz aussuchen. Doch dann das! Über allen Plätzen steht: "GEGEBENENFALLS RESERVIERT".

Mit anderen Worten: Die Bahn hat die Einspielung der Reservierungen nicht hinbekommen. Volles Risiko für Sie! Die Reise nach Jerusalem auf der Reise nach Karlsruhe. Alle setzen sich auf gut Glück auf einen beliebigen Platz und in Berlin-Spandau funktionieren die Reservierungsanzeigen plötzlich, dann sieht man über sich entweder nichts (Bingo!) oder Texte wie Berlin-Frankfurt (Verdammt!).

Die wichtigsten Firmenübernahmen der deutschen Bahn

  • Stinnes/Schenker

    Sparte: Spedition

    Deutschland 2002

    Wert: 2500 Mio. Euro

  • BAX Global

    Sparte: Spedition

    USA 2006

    Wert: 1300 Mio. Euro

  • EWS

    Sparte: Schienenverkehr

    Großbritannien 2007

    Wert: 370 Mio. Euro

  • Transfesa

    Sparte: Schienenverkehr

    Spanien 2007

    Wert: 130 Mio. Euro

  • Spain-Tir

    Sparte: Personenverkehr

    Spanien 2007

    Wert: 150 Mio. Euro

  • Laing Rail

    Sparte: Spedition

    Großbritannien 2008

    Wert: 170 Mio. Euro

  • Romtrans

    Sparte: Spedition

    Rumänien 2009

    Wert: 100 Mio. Euro

  • PCC Logistik

    Sparte: Schienenverkehr

    Polen 2009

    Wert: 450 Mio. Euro

  • Arriva

    Sparte: Personenverkehr

    Großbritannien 2010

    Wert: 3000 Mio. Euro

    Quelle: Deutsche Bahn

Und nun springen alle Reservierungslosen auf und stürzen sich auf die freien Plätze. Wenn es überhaupt welche gibt. Solche Aktionen verkürzen die Lebenserwartung. Dabei geht es noch schlimmer: Die Anzeigen bleiben dauerhaft außer Betrieb und plötzlich steht kurz hinter Hannover eine alte Dame im nass geregneten Pelz vor Ihnen und mault: "Sie sitzen auf meinem Platz."

Und Sie wissen ganz genau: Um Sie herum hatten die anderen einfach nur Glück. Und Sie werden jetzt stundenlang stehen und jedes Mal, wenn jemand sich bewegt, werden auch Sie zucken in der Hoffnung, der andere werde aussteigen. Aber dann holt der sich nur eine halb verfaulte Banane aus der Tasche über sich. Und Sie können Ihre verplemperten Glückshormone wieder aus der Blutbahn filtern.

Entschädigung durch die Bahn: zero. Denn Sie hatten ja nicht reserviert. Denn die Bahn nimmt mit den Reservierungen 120 Millionen Euro pro Jahr ein. Mit Nichtreservierern keinen einzigen zusätzlichen Cent.

Die technische Panne der Bahn geht deshalb voll auf die Kappe der Nichtreservierer. Eine Reservierung ist so betrachtet also eine DB-Murks-Versicherung. Nur so als Tipp. 

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