Werner knallhart: Mit den Nachtzügen stirbt die Seele der Deutschen Bahn

kolumneWerner knallhart: Mit den Nachtzügen stirbt die Seele der Deutschen Bahn

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Eine Familie im Liegeabteil der DB Nachtzug.
Copyright: Deutsche Bahn AG / Urheber: Hansjörg Egger

Kolumne von Marcus Werner

Die Deutsche Bahn will alle Nachtzüge zum Jahresende einmotten. Gegen den Protest von tausenden Nachtzugfans dieser Tage. Weil die Schlafwagen sich nicht lohnen. Macht der Bahn Zugfahren keinen Spaß?

"Diese Zeit gehört dir" - Mit dieser cleveren Werbekampagne nimmt die Bahn den Kritikern den Wind aus den Segeln. Während die Kunden darüber maulen, ihre Anschlusszüge nicht zu erwischen und wegen der Verspätungen ewig unterwegs zu sein, kontert die Bahn sinngemäß: "Stellt euch nicht so an. Es ist doch schön bei uns an Bord. Genießt doch diese Zeit ganz für euch." So gesehen bringt jeder Stellwerksschaden, jede Weichenstörung, jede abgerissene Oberleitung, jede Kupplungspanne in Hamm und jeder Defekt im Triebkopf ein Plus an Lebensqualität für jeden einzelnen Fahrgast.

Und es ist ja richtig.: In den allermeisten Fällen ist Zugfahren viel entspannender als die lange Reise mit dem Auto oder die zerhackstückte Flugreise mit Check-in, Sicherheitskontrollen, Warten am Gate, Gedrängel beim Einstiegen, fremde Hintern im Gesicht direkt nach dem Aufsetzen, Warten aufs Gepäck am Zielflughafen und Fahrerei in die Innenstadt.

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Und längst nicht in jedem ICE ist es zu stickig oder zu kalt, ist die Bordküche ausgefallen oder der Schaffner mit dem falschen Fuß zuerst aufgestanden. Ich als Vielfahrer sage: Bahnfahren ist die schönste Form der Fortbewegung.

Leider sieht das die Deutsche Bahn offenbar anders. Für sie muss Bahnfahren nicht schön sein, sondern lukrativ. Dass sie ausrechnet in den von ihr selber ausgerufenen Zeiten von "Diese Zeit gehört dir" den Nachtzugverkehr beerdigen will, ist der Beweis: Das Bahnmanagement hat kein Bahnerblut in den Venen.

Schön und lukrativ gleichzeitig - das traut sich die Bahn beim Nachtverkehr nicht zu.

Und leidenschaftliche Bahnkunden, Umweltschützer und Verkehrsexperten rufen der Bahn entsetzt zu: "WAS MACHT IHR DENN DA??!????!?!!!"

Es gibt ein gutes Argument, den Nachtzugverkehr abzuschaffen: Kein Bock mehr.

Und es gibt gute dafür, ihn zu hegen und zu pflegen.

Defizitäre Nachtzüge Deutsche Bahn plant alternatives Konzept

Die Deutsche Bahn will das Geschäft mit den defizitären Schlafwagen outsourcen und stattdessen nachts mehr ICE fahren. Eine Exklusivmeldung.

Die Deutsche Bahn will das defizitäre Nachtzuggeschäft outsourcen - und stattdessen nachts mehr ICE fahren. Quelle: dpa

1. Wenn Sie First-Class-Flugreisende fragen, warum sie zigtausende Euros zusätzlich für ihren Interkontinentalflug ausgeben, dann lautet die Antwort oft: Weil ich dann entspannt und ausgeschlafen am Ziel ankomme und sofort weiterarbeiten kann. Wer im Flugzeug gut schlafen kann, spart eine Nacht im Hotel und eine Menge Zeit.

Und das Gleiche könnte für den Nachtzug gelten. Hotel und Fortbewegungsmittel in einem. Das ist so einleuchtend. Und Deutschland ist von Nord nach Süd groß genug für eine gemütliche Nachtfahrt im Hotel. Europa sowieso.

2. Eine Reise im Nachtzug ist genau das, worauf es der Bahn ankommt: die Reise als Steigerung von Lebensqualität. Der Weg als Ziel. Wenn ich herumfrage, welche Bahnreisen den Menschen besonders in Erinnerung geblieben sind, dann sind es Fahrten im Schlafwagen. Zugfahren nachts ist Bahnromantik weltweit.

Meine Schwester hat ihren heutigen Mann im Nachtzug in Vietnam kennengelernt. Bei ein paar Dosen Bier unter Freunden im Schneidersitz auf der Bettpritsche.

Ein Freund von mir schwärmt bis heute: Thailand war mir nie so nah wie nachts im Bordrestaurant unter Deckenventilatoren zwischen den letzten Nachtschwärmern kurz vorm Zähneputzen.

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