WiWo weltweit: Beleidigte Leberwürste in Baku

KommentarWiWo weltweit: Beleidigte Leberwürste in Baku

Mit dem Eurovision Song Contest will sich Aserbaidschan als weltoffenes europäisches Land präsentieren. Die Operation läuft schief, da die Regierung Europa nicht versteht – und umgekehrt.

Es ist Karfreitag. Aber daran liegt es nicht, dass Elshad Nassirow so mies gelaunt ist. Der Vize von Aserbaidschans staatlicher Ölfirma Socar muss sich im Laufe der letzten zwölf Monate maßlos über Deutschland geärgert haben. So lange ist mein letzter Besuch bei dem adretten Staatsmanager her, der im Kinderzimmer einer früheren Rothschild-Villa in Baku residiert. Letztes Mal sezierte Nassirow, ein kluger Kopf mit Twitter-Account und fast akzentfreiem Englisch, den strategischen Unsinn der Nabucco-Pipeline – ruhig, sachlich, intelligent.

Diesmal kocht der Mann vor Wut. Sachlichkeit und Nüchternheit weichen Zorn und Zeter. Seinen westlichen Gast, sprich mich, lässt der Manager kaum zu Wort kommen – stattdessen holt er zu einem ellenlangen Vortrag über Demokratie und Menschenrechte aus, garniert mit gut gewürzten Angriffen auf die deutsche Bundesregierung, die hinterher allesamt der obligatorischen Zitat-Autorisierung zum Opfer fallen werden. Was ist bloß mit diesem Mann passiert? Um das zu verstehen, beschäftigte ich mich gründlicher denn je mit Aserbaidschan, dem Land, das zu den wichtigsten Öllieferanten Deutschlands zählt.

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Aserbaidschan ist ein stolzes Land. Das gilt besonders für Ilham Alijew. Der schnauzbärtige Staatspräsident hat den Thron von seinem verstorbenen Vater geerbt und die Erbschaft mit zwei zweifelhaften Wahlen legitimiert. Der Autokrat brüstet sich, das Land nach sieben Dekaden im planwirtschaftlichen Schwitzkasten zu neuer Blüte gebracht zu haben. Deren Zeugnisse sind glitzernde Hochhäuser, prachtvolle Boulevards und saubere Flaniermeilen mit teuren Markenläden. Bald lässt Alijew auch noch das höchste Gebäude der Welt bauen.

Alijew, der öffentlichkeitsscheue Ober-Aseri, gilt in seinem Hofstaat als Choleriker mit ausgeprägtem Geltungsdrang. Auf die Rückkehr Aserbaidschans zu alter Stärke und die geglückte Modernisierung der Hauptstadt Baku ist der Autokrat so stolz, dass er dies nicht nur mit bonzigen Bauten zuhause dokumentiert – sondern auch Anerkennung jenseits der Grenzen einfordert: Alijew sieht sein Land als ebenbürtiger Teil Europas. Und er will, dass die Europäer das auch so sehen.

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