_

Dieter Hundt im Interview: "Große Gefahr einer Kreditklemme"

von Bert Losse und Cornelia Schmergal

Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt über das Ende der Kurzarbeit, die Lohnstrategie der Arbeitgeber 2010 – und die Kakofonie der deutschen Wirtschaftsverbände.

Dieter Hundt, 71, ist seit 1996 Präsident des BDA Quelle: Werner Schüring für WirtschaftsWoche
Dieter Hundt, 71, ist seit 1996 Präsident des BDA Quelle: Werner Schüring für WirtschaftsWoche

WirtschaftsWoche: Herr Hundt, Sie sind 71 Jahre und könnten es sich gut gehen lassen. Stattdessen kandidieren Sie noch einmal für das Amt des BDA-Präsidenten. Warum eigentlich?

Anzeige

Hundt: Ich habe mich in vielen Gesprächen mit Unternehmern und Mitgliedern unserer Gremien überzeugen lassen, dass in der derzeitigen Phase die Pferde nicht gewechselt werden sollten. Die BDA braucht Kontinuität – und ein gutes Netzwerk zu Politik und Gewerkschaften. Ich fühle mich weiterhin fit für den Job.

Ist Ihre Wiederwahl nicht eher ein Symptom für den Nachwuchsmangel in den Führungsetagen der Verbände?

Nein. Wir haben in den Arbeitgeberverbänden gute Führungspersönlichkeiten und auch jüngere Unternehmer – trotz des enormen Zeitaufwands, den die ehrenamtliche Verbandsarbeit erfordert.

Werden Sie noch mal das Reizthema einer Fusion der BDA mit dem Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) aufgreifen?

BDA und BDI haben die möglichen wirtschaftlichen Synergien weitgehend umgesetzt. Unsere Zusammenarbeit ist arbeitsteilig und effektiv. Wir haben ein gemeinsames Präsidium, gemeinsame Ausschüsse und haben unsere Aktivitäten in Brüssel gebündelt. Gleichwohl sage ich ganz klar: Würden wir heute unsere Verbandslandschaft neu konstruieren, wäre ein zentraler Spitzenverband für die gesamte Wirtschaft wohl die Lösung.

Generell würde ein bisschen mehr Einigkeit der Schlagkraft nicht schaden. Gerade in der Steuerpolitik differieren die Positionen der Verbände zum Teil beträchtlich.

Die Beseitigung krisenverschärfender Maßnahmen in der Unternehmensbesteuerung, Nachbesserungen bei der Erbschaftsteuer und die Beseitigung der kalten Progression werden von allen Wirtschaftsverbänden als vordringlich angesehen. Dass bei einzelnen Steuerthemen manchmal unterschiedliche Auffassungen bestehen, liegt auch daran, dass Unternehmen verschiedener Branchen keine homogene Gruppe sind.

Was erwarten Sie 2010 konjunkturell? Ist die Krise endgültig vorbei?

Der Tiefpunkt scheint überwunden. Vor allem die am schwersten betroffenen Bereiche wie der Maschinenbau und die Automobilbranche samt Zulieferern sehen wieder Land und verzeichnen steigende Auftragseingänge. Allerdings wird es noch Jahre dauern, bis die deutsche Volkswirtschaft das Niveau der Zeit vor der Krise wieder erreicht. Es liegt eine lange Durststrecke vor uns. Umso wichtiger ist es, den Aufschwung zu sichern und zu stabilisieren.

Und wie?

Die wichtigste Aufgabe ist die Sicherung der Unternehmensfinanzierung. Wenn wir in eine breite Kreditklemme hineinlaufen, würde dies den Aufschwung beeinträchtigen oder gar abwürgen. Zudem dürfen Arbeit und Beschäftigung nicht mit weiteren Kosten belastet werden.

Ob es eine Kreditklemme in Deutschland gibt, ist aber umstritten.

Das ist so. Aber zum einen gibt es unstrittig eine Kreditklemme für langfristige und größere Finanzierungen. Und zum zweiten ist die Gefahr groß, dasswir 2010 sehr wohl in eine flächendeckende Kreditklemme geraten. Bei vielen Unternehmen fallen die Abschlüsse für 2009 schlechter aus als in den Vorjahren. Das führt zu sinkender Bonität. Die Finanzmarktregeln sehen vor, dass die Banken dann mehr Eigenkapital für bestehende Kreditengagements hinterlegen müssen, das für neue Kredite nicht mehr zur Verfügung steht. Zugleich drohen bei den Banken weitere Wertberichtigungen. Das alles ist brandgefährlich in einer beginnenden Aufschwungphase, in der die Unternehmen wieder investieren wollen.

Zu diesem Artikel
2 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 25.11.2009, 11:36 UhrAnonymer Benutzer: Rolf Hess

    "Arroganz des Geldes" verweigert
    Kraftstoff für die Wirtschaft

    Spekulanten an den großen börsen der Welt haben dem Mittelstand die Luft zum Atmen genommen. Zur Lösung der Kreditklemme wäre mein Vorschlag, neue Regionalbörsenplätze für mittelständische Unternehmen aufzubauen.

    Deutschlandweit könnten zehn neue Regionalbörsen, zum beispiel unter der Regie der industrie- und Handelskammern (iHK), den Markt machen.
    Mittelständler ab einer Million Euro Umsatz - interessante Geschäftsidee, Transparenz und professionelles Management vorausgesetzt - sollten sich als kleine Aktiengesellschaften an einer der Regionalbörsen bewerben.

    Würde nur jeder dritte Deutsche Aktien kaufen, so meine Prognose, gäbe dies für die Märkte einen unglaublichen Auftrieb. Von den ca. 12.500 Aktiengesellschaften in Deutschland sind bisher nur 1.000 an einer börse notiert. Einen Ausweg aus der sich verschärfenden Kreditklemme bietet dieser Weg allemal.
    Der Mittelstand sollte sich das Geld über die börse zurückholen, das ein "Club" von international agierenden Spekulanten mit schier krankhafter Gier aus den Geldtöpfen der Allgemeinheit entnommen hat. Mit der Finanz- und Wirtschaftskrise ist diese Fehlentwicklung offen zu Tage getreten. billionen von Euros sind von Fonds, banken, börsen, Versicherungen, aber auch kirchlichen Organisationen und begüterten Privatpersonen in den Steueroasen der Welt gebunkert worden.
    Pensionsfonds mittelständischer Unternehmen haben in Hedge-Fonds ("Heuschrecken") investiert, die dann Arbeitsplätze im Mittelstand vernichtet haben.
    Jetzt sitzen die Unternehmen, die 80 Prozent der Erwerbstätigen in Deutschland beschäftigen, auch noch
    in der Kreditklemme. "Die Arroganz des Geldes" in den banken verweigert den dringend benötigten Kraftstoff, um die Wirtschaft anzutreiben.


    Rolf Hess
    Value Alliance Turicum AG
    Kreuzstraße 26
    CH-8008 Zürich
    Telefon +41(0) 44 505 02 37
    E-Mail: info@vaturicum.ch

  • 24.11.2009, 21:39 UhrAnonymer Benutzer: Marktzyniker

    Soso, unser Arbeitgeberpräsident fordert einen Verbriefungsmarkt für unser Privatunternehmertum.
    Soweit ist also unser viel gelobter Mittelstand herabgesunken, es muss auf Subprimeniveau um Kredite betteln. Tolle Privatwirtschaft, offenbar selbst in boomzeiten nichts verdient oder wegen der Steuer keine Rücklagen gebildet, oder ?
    Tja spare zur rechten Zeit, dann hast Du in der Not !

Alle Kommentare lesen
weitere Fotostrecken

Blogs

Wie HP-Chefin Whitman ihren Mitarbeiter die anstehenden Massenentlassungen erläutert
Wie HP-Chefin Whitman ihren Mitarbeiter die anstehenden Massenentlassungen erläutert

In einer internen Videobotschaft an die HP-Beschäftigten gibt Meg Whitman mehr Details zu dem geplanten Abbau von 27.000...

Das Aktuelle Heft

Wirtschaftswoche

WirtschaftsWoche 21 vom 21.05.2012

iTunes Vorschau - WirtschaftsWoche
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.