Dioxin-Skandal: Das unappetitliche Geschäft mit dem Tierfutter

Dioxin-Skandal: Das unappetitliche Geschäft mit dem Tierfutter

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Im Dioxinskandal wird gegen den Futterfetthersteller Harles und Jentzsch ermittelt.

von Oliver Voß

Einst war es Tiermehl, nun Reste der Biodieselproduktion: Immer wieder ist Tierfutter die Ursache für Lebensmittelskandale. Sind dafür das Agrarsystem und der Wettbewerbsdruck in der Futtermittelbranche verantwortlich?

Eigentlich möchte man gar nicht so genau wissen, was Hühner, Schweine und Kühe so alles zu fressen bekommen. Neben Weizen, Mais, Hackfrüchten und anderem Ackerfutter, die etwa 40 Prozent der Nahrung ausmachen, sind es meist Abfallprodukte aus der Lebensmittelproduktion.

Das ist an sich nicht schlimm, wie jeder weiß, dessen Oma die Reste des Mittagessens an Hühner oder Schweine verfüttert. So werden Gerstenschalen oder Haferspelzen zu Mischfutter verarbeitet, aber auch so genannte Ölkuchen, die nach dem Pressen von Samen oder Kernen zurückbleiben.

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Doch dieses letztlich immer noch natürliche Futter allein reicht in der industrialisierten Tierhaltung nicht aus, wie ein Werbeprospekt der Firma Harles & Jentzsch zeigt – jenes Unternehmens, das im Zentrum des derzeitigen Dioxin-Skandals steht.

Ein Problem ist „die bedarfsgerechte Energieversorgung bei Hochleistungskühen“, heißt es dort. Denn durch Fortschritte in der Züchtung seien Kühe mit einer Milchleistung von 40 Litern pro Tag keine Seltenheit.

„Dieses hohe genetische Leistungsvermögen führt jedoch vielfach zu Problemen, weil eine bedarfsgerechte Versorgung mit Energie in der Hochleistungsphase nicht möglich ist.“ Klassisches Trockenfutter reiche dafür nicht aus und es drohen Stoffwechselstörungen und Leberschäden. Als Lösung preist Harles & Jentzsch ein Produkt namens Lipicafett an, eine Mischung aus 84 Prozent Palmölfettsäure, Rohasche und diversen Säuren. 

Fischmehl und Blutplasma dürfen ins Tierfutter

Das ist nur ein Beispiel von vielen. Genauso wird unbehandeltes Eutersekret von Schlachttieren zur Ankurbelung der Milchproduktion unter das Futter von Kühen gemischt. Hühnerfutter wird Canthaxanthin oder Capsanthin zugesetzt, um das Eigelb schön gelb zu färben. Paprika oder Mais hätten zwar die gleiche Wirkung, sind aber deutlich teurer.

Auf einer Positivliste sind 354 Stoffe aufgelistet, die als Futtermittel verwendet werden dürfen. Doch besonders appetitlich hören sich viele davon nicht an: Fischpresssaft, der bei der Gewinnung von Fischmehl anfällt; Mycel-Silage aus der Penicillin-Herstellung oder auch Blutplasmapulver von Schweinen gehören dazu.

Auch Glycerin und Fettsäuren, die bei der Produktion von Biosprit anfallen, dürfen unter das Futter gemischt werden. „Abfallprodukt der Biodieselherstellung klingt erstmal komisch“, sagt auch Bernhard Krüsken, Geschäftsführer beim Deutschen Verband Tiernahrung (DVT). „Aber letztlich sind die Grundlagen dafür Raps-, Soja- oder Palmöl, also Stoffe, die auch lebensmitteltauglich sind.“

Problematisch wird es jedoch, wenn Fettsäuren, die eigentlich nur für die technische Verwendung oder zur Verbrennung gedacht waren, in das Futter geraten. Genau das ist im jüngsten Dioxin-Skandal passiert.

Wie es dazu kommen konnte, untersucht derzeit die Staatsanwaltschaft. Klar ist bislang, dass die Fettsäure vom Biosprithersteller Petrotec über die holländische Firma Olivet zum Futterfett-Hersteller Harles & Jentzsch gelangte.

Ob das ursprünglich nur als zur technischen Verwendung deklarierte Fett – versehentlich oder absichtlich – als Futtermittelbestandteil weiterverkauft wurde, müssen die Ermittlungen zeigen.

"Enorm hohe Wettbewerbsintensität"

Lukrativ wäre das allemal. Denn für technische Fette gibt es 10 oder 20 Cent je Kilogramm. Wenn die Fettsäure in den Futtermittelbereich gehe, seien aber 40 bis 60 Cent zu erlösen, erklärt der Generalsekretär des Deutschen Bauernverbandes Helmut Born. Dadurch bestehe die Gefahr, dass bei Unternehmen, die für beide Bereiche Fett produzieren, der Hahn einfach umgelegt werde.

Der Preisdruck in der Branche ist groß. Noch sind die Futtermittelhersteller vorwiegend mittelständisch geprägt, der Konzentrationsgrad in der Mischfutterbranche ist im Vergleich zu anderen Branchen der Agrarwirtschaft sehr niedrig. Auf die fünf größten Hersteller entfällt ein Marktanteil von 35 Prozent. „Logische Folge dieser Struktur ist eine enorm hohe Wettbewerbsintensität“, heißt es beim DVT.

Laut der jüngsten Statistik des Bundeslandwirtschaftsministeriums gibt es in Deutschland 330 Mischfutterhersteller, innerhalb eines Jahres sind es 16 weniger geworden. Die Probleme der Milchbauern wirken sich auch auf die Futtermittelhersteller aus.

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