
DÜSSELDORF. Am 15. März 2006 notierte der Dax wieder bei rund 4 000 Punkten. Das ist kein Rechenfehler, kein Anleger-Albtraum und auch keine Panikmache. Denn eigentlich stand der Deutsche Aktienindex am 13. März 2006 erst bei 3 986 Punkten - zumindest, wenn man nur die Kursentwicklung der Aktien berücksichtigt und die Dividenden herausrechnet, die fast alle der 30 Unternehmen Jahr für Jahr an ihre Aktionäre zahlen. Die Rechnung macht klar: Dividenden sind viel mehr als eine nette Dreingabe für treue Aktionäre. Über Jahre machen sie fast die Hälfte der Gesamtrendite aus, die ein Anleger mit Aktien einfährt. Nicht nur das. Die Renditen für halbwegs sichere festverzinsliche Wertpapiere (Anleihen von Staaten und solventen Unternehmen) sind derzeit äußerst mickrig. Das macht dividendenstarke Aktien im Vergleich zu Zinspapieren attraktiv. Hinzu kommen erhebliche steuerliche Vorteile: Dividenden sind anders als Zinseinnahmen nur mit der Hälfte des kassierten Betrags steuerpflichtig (Halbeinkünfteverfahren). Dies verdoppelt für reine Aktienanleger den Freibetrag letztlich von 1 370 Euro auf 2 740 Euro für Ledige und auf 5 480 Euro für Verheiratete. Noch stärker wird sich der Nachteil von Zinspapieren ab 2007 auswirken, wenn der Staat die Freibeträge auf 750 Euro je Anleger (1 500 für Verheiratete) senkt. Kein Wunder, dass sich die Aktien dividendenfreundlicher Unternehmen steigender Beliebtheit unter Anlegern erfreuen. Das gilt für Private wie Profis gleichermaßen: Seit 2003 wurden dutzende neuer Dividendenfonds aufgelegt; es gibt Zertifikate, die nur in Dividendentitel investieren. Die Deutsche Börse AG hat einen eigenen Index aus den 15 spendierfreudigsten Unternehmen im Dax kreiert, DivDax genannt. Der hat - wen wundert's? - zuletzt den normalen Dax deutlich überflügelt (siehe Grafiken).
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Und gerade in zittrigen Marktphasen wie zurzeit - der Dax verlor seit seinem Dreijahreshoch am 27. Februar binnen weniger Tage fast vier Prozent - suchen Anleger Schutz in dividendenstarken Titeln. Gerade diese, so eine verbreitete Ansicht, fallen in schwachen Marktphasen weniger » stark als die anderen. Das stimmt auch - im Prinzip. Für Anleger sind dividendenstarke Aktien wie Eon, Daimler-Chrysler oder Tui aber nicht blind zu empfehlen; eine hohe Dividende allein ist noch keine Erfolgsgarantie. Einfach die Kurslisten nach den Werten mit der höchsten Dividendenrendite zu durchkämmen kann sogar in bösen Überraschungen enden. "Eine hohe Dividendenrendite kommt oft zu Stande, weil der Kurs der Aktie gerade stark fällt", warnt Sonja Schemmann, Fondsmanagerin bei der britischen Fondsgesellschaft Schroders. So wie bei Tui 2002 und 2003, als die Aktie mit zeitweise acht Prozent die höchste Dividendenrendite im Dax aufwies, während der Kurs ins Bodenlose fiel. Wer jedoch einige Grundregeln beachtet, dem können Dividenden die Rendite seines Aktiendepots deutlich aufbessern. In diesem Frühjahr werden Dividendensammler besonders fette Beute machen. Noch nie haben Deutschlands Konzerne so viel Geld an ihre Aktionäre verteilt (siehe Tabellen). Allein die 30 Dax-Unternehmen werden zwischen April und Juni dieses Jahres mehr als 21 Milliarden Euro an Dividenden bezahlen. Das ist ein Drittel mehr als 2005, und es ist die höchste je verteilte Summe. Im bisherigen Rekordjahr 2000 flossen 15,8 Milliarden Euro in die Taschen der Aktionäre. So wird es am 3. Mai 2006 Balsam geben auf die Wunden der Telekom-Aktionäre. An diesem Tag steigt in Köln die Hauptversammlung (HV). Konzernchef Kai-Uwe Ricke kündigte an, er wolle die Anteilseigner großzügig entschädigen für die Kursverluste der vergangenen Jahre: "Die Kapitalgeber waren in letzter Zeit durch den Aktienkurs nicht gerade verwöhnt", sagt Ricke, "wir zahlen nun mit 72 Cent pro Aktie die höchste Dividende in der Geschichte des Unternehmens." Beim aktuellen Kurs von 13,90 Euro avanciert die Telekom so schlagartig zum Dividendenstar im Dax - nachdem in den vergangenen Wochen noch Gerüchte kursiert waren, die Ausschüttung könnte komplett gestrichen werden. Mehr als 5,3 Prozent beträgt nun die Dividendenrendite des T-Papiers. Der durchschnittliche Dax-Wert bringt es auf 2,4 Prozent Dividendenrendite. 29 der 30 Unternehmen zahlen, nur Infineon lässt seine Anteilseigner leer ausgehen.
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Bayer hat für die HV am 28. April bereits 95 Cent je Anteilsschein angekündigt, satte 70 Prozent mehr als 2005. Eon wird am Tag nach der HV am 4. Mai sieben Euro pro Aktie ausschütten - einschließlich einer Sonderdividende für den Erlös aus der versilberten Degussa-Beteiligung. Von 70 Cent auf 2,10 Euro je Aktie erhöht die Deutsche Börse AG, und BASF schüttet erstmals in der 141-jährigen Firmengeschichte mehr als eine Milliarde Euro aus. Neben der Dividende von zwei Euro pro Aktie läuft auch noch ein Aktienrückkaufprogramm. Das freut jeden Aktionär, dennoch mischen sich erste kritische Stimmen in die Spendierorgie. "Im Falle der Telekom sehen wir die Dividendenerhöhung kritisch", sagt etwa Dieter Helmle, geschäftsführender Vermögensverwalter der Frankfurter BHF-Bank. "Das ist nur eine Beruhigungspille für den Kapitalmarkt." Der Verdacht besticht, schließlich hinkt die T-Aktie dem Dax seit Jahren weit hinterher. Unternehmerisch sei die hohe Dividende falsch, meint Helmle, "das Geld hätte die Telekom in die Sicherung ihrer Wettbewerbsposition stecken sollen, schließlich brechen gerade überall die Marktanteile weg". Nicht nur Helmle fürchtet deshalb, dass wegen der aktuellen Beliebtheit der Dividende bei den Anlegern viele Unternehmen mehr Geld ausschütten, als ihnen gut tut. "Die unnatürlich hohen Ausschüttungen in Branchen wie Telekom und Pharma zeigen, dass die Unternehmen keine attraktiven Investitionen in ihre Zukunft sehen", warnt Clive » McDonnell, Analyst der US-Ratingagentur Standard & Poor's. Er hält die hohen Dividenden von heute für die Kurskrepierer von morgen. "Anleger sollten darauf achten, dass sich ein Unternehmen die Dividende auch leisten kann", rät Fondsmanagerin Schemmann deshalb. Die wichtigsten Kriterien sind: - Gewinn und Cash-Flow sollten mindestens genauso stark steigen wie die Dividende. So ist sichergestellt, dass sich das Unternehmen nicht der Dividende zuliebe wichtiger Investitionschancen beraubt. - Die Schuldenlast des Unternehmens sollte nicht gleichzeitig zunehmen. - Die Dividende sollte kontinuierlich über mehrere Jahre hinweg bezahlt werden.
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Ausschüttungen aus der Substanz des Unternehmens statt aus dessen laufenden Einnahmen etwa haben sich als kontraproduktiv erwiesen. Nicht selten verschärft das Sparschweinschlachten die operativen und bilanziellen Probleme eines Unternehmens, der Aktienkurs gerät später unter Druck. So bezahlten einige britische Lebensversicherer ihren Anlegern noch 2002 und 2003 die gewohnten Dividendenrenditen von bis zu acht Prozent - während schon absehbar war, dass ihre Geschäftsmodelle bröckelten. Im Jahr darauf brachen die Gewinne ein, die Dividenden wurden gestrichen oder drastisch gekürzt. Oft ziehen auch fordernde Großanteilseigner mehr Geld aus dem Unternehmen ab, als sich dieses eigentlich leisten kann. Das rächt sich später im Kurs. Bei Beiersdorf sind die europäischen Werke nur zu 50 Prozent ausgelastet; Standorte in Westeuropa sollen deshalb schließen. Dennoch werden die Anteilseigner (Großaktionäre: Tchibo, Stadt Hamburg) eine Dividende von 1,70 Euro je Aktie erhalten, nach 1,60 Euro im Vorjahr. Auch bei HeidelCement genehmigt sich Großaktionär Adolf Merckle wieder die gewohnt hohe Dividende von 1,15 Euro je Aktie, kaum dass das Unternehmen die Verlustzone verlassen hat. Selbst 2005 hat Heidelberger Zement trotz hoher Abschreibungen 55 Cent je Aktie ausgeschüttet. Und der von feindlichen Übernahmeversuchen geplagte Arcelor-Chef Guy Dollé kündigte an, die Dividende zu verdoppeln, wenn nur ja die Aktionäre dem Unternehmen die Stange hielten. Auf der anderen Seite habe die Dividende auf ein Management eine positive, weil disziplinierende Wirkung, meint Schemmann. "Bis 2000 hatten wir das andere Extrem. Die Dividende spielte in der Renditebetrachtung der meisten Anleger fast keine Rolle, es zählte nur der Aktienkurs. Dadurch verprassten die Manager viel Geld für nutzlose Akquisitionen. Es folgten die bekannten Abschreibungen und Gewinneinbrüche." In Deutschland wird zudem seit einigen Jahren nicht mehr, sondern weniger Gewinn als Dividende ausgeschüttet. Die freien Cash-Flows und die Nettogewinne steigen schneller als die Dividenden. Dadurch sind die Ausschüttungsquoten sogar rückläufig. Im Dax liegt die durchschnittliche Quote bei 37 Prozent, bei den kleineren Werten im MDax bei rund 43 Prozent. "Die meisten Unternehmen haben derzeit genügend finanziellen Spielraum, sie haben ihre Schulden gesenkt und die Zinsen für Fremdkapital sind niedrig", sagt Helmle.
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Fondsmanagerin Schemmann nennt 40 bis 50 Prozent eine "vernünftige Ausschüttungsquote". Danach wäre derzeit noch mehr drin, ohne dass die Unternehmen gleich ihre Zukunft aufs Spiel setzten. Allerdings gibt es Unterschiede je nach Branche. Während IT- und Biotech-Anbieter so viel wie möglich in die Forschung investieren sollten, um nicht vom Markt gedrängt zu werden, können Unternehmen aus kaum noch wachsenden Traditionsbranchen wie Finanzen oder Versorger problemlos 60 Prozent des Gewinns ausschütten. Unabhängig von der Branche knüpft Alexander Hipp, Vermögensverwalter beim Schweizer Bankriesen Credit Suisse, an ein Dividenden-Investment vor allem eine Bedingung: die Kontinuität der Ausschüttung - möglichst jedes Jahr ohne Aussetzer, möglichst jedes Jahr ein kleines bisschen mehr. Dass das keine unerfüllbare Forderung ist, beweisen Unternehmen wie BAT, Altana, FMC und Fresenius. Bei Werten wie Tui oder Deutsche Telekom fehle dagegen trotz aktuell hoher Dividenden "die langfristige Dividendensicherheit", so Hipp. Wird die Dividende im einen Jahr kräftig erhöht und im nächsten schon wieder gekürzt, schadet das dem Kurs; solche Aktien werden gnadenlos abverkauft.






















