
Auch sonst hat sich für die Aufrührerin einiges geändert. Sie bezieht ein Gehalt von DocMorris und berichtet an den Unternehmensmanager Victor Verboeket im niederländischen Heerlen, dem Sitz von DocMorris. Ihr neuer Eigentümer darf ihr sagen, welche Medikamente sie an welcher Stelle im Regal zu platzieren hat. Als sie gerade in Heerlen dem Callcenter von DocMorris bei der Arbeit zusieht, sagt ihr Manager Verboeket, dass es Ärger gibt. Am nächsten Tag, Donnerstag, den 14. September gegen 12 Uhr, muss Müller die DocMorris-Apotheke schließen. Laut einem Urteil des Verwaltungsgerichts des Saarlands.
Dahinter steckt auch Müllers Konkurrentin Neumann-Seiwert. Eigentlich muss sie den Wettbewerber aus der Kaiserstraße nicht fürchten. Ihre Apotheke liegt in der Fußgängerzone, ist größer und freundlicher, hat wochentags bis 20 Uhr geöffnet, nicht nur bis 18 Uhr wie in der Kaiserstraße. Einbußen durch die DocMorris-Apotheke hat Neumann-Seiwert jedenfalls bislang keine. Ein wenig mulmig ist ihr schon: „Ein Konkurrent mit überlegener Finanzmacht ist immer eine Bedrohung.“ Sie kämpft auch im Namen ihres Standes: „Ich kann mir nicht vorstellen“, sagt sie, „dass bei Kapitalgesellschaften der Mensch und die Pharmazie im Vordergrund stehen, wie dies bei Apotheken der Fall ist.“ Sie befürchtet, dass bei Kapitalinvestoren und bei Managern ohne Kenntnis der Risiken von Arzneimitteln Gewinn vor Gesundheit geht.
Nun urteilt der Europäische Gerichtshof
Am 22. Januar 2007 verfügt das Oberverwaltungsgericht des Saarlandes, dass die DocMorris-Apotheke wieder öffnen darf. Das Verwaltungsgericht ruft daraufhin den EuGH an. Der Graben zwischen der Bahnhof- und der Kaiserstraße wird tiefer. „Uns sind Backsteine vom Herzen gefallen“, sagt Apothekerin Müller. DocMorris bezahlte die Gehälter während der Schließung weiter.
Klägerin Neumann-Seiwert braucht Geld, um vor dem EuGH weiterzukämpfen. Sie gründet den Solidaritätsfonds „Pro Apotheke“, erhält Spenden vom Hersteller Weleda, dem Wort&Bild-Verlag, dem Softwarehaus Lauer-Fischer, dem Deutschen Apotheker Verlag und von einzelnen Pharmazeuten. Es wird aber nicht reichen, sagt sie. Konkurrentin Müller macht sich keine Sorgen. Die Anwälte stellt DocMorris.
Die DocMorris-Apotheke in der Kaiserstraße macht im Jahr 2007 einen Umsatz von 1,4 Millionen Euro – eine Verdopplung innerhalb von zwei Jahren. Im ersten Halbjahr 2008 kamen bereits 900 000 Euro herein. Ringsherum haben innerhalb des vergangenen Jahres die Aesculap-Apotheke, die Rosen-Apotheke und eine weitere Pharmazie geschlossen. Die drei Apotheken standen schon seit Jahren in dem Ruf, nicht besonders ertragreich zu arbeiten.
Für die Stadt Apotheke von Helga Neumann-Seiwert gilt das nicht. Der Verkaufsraum ist zu jeder Tageszeit gut besucht. Die Inhaberin ist erst mal in Urlaub gefahren. Zum Prozessbeginn am 3. September kommt sie nicht. Auch Jutta Müller will nicht erscheinen. Beide vertrauen auf die Anwälte. Noch nicht mal vor Gericht werden sich die beiden Frauen wohl begegnen.














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Alle Kommentare lesen18.12.2008, 19:05 UhrAnonymer Benutzer: Kapitalismusfratze
irgendwie verkehrt dieser Artikel doch in seiner Darstellung grundsätzlich die Verhältnisse, wenn hier die arme, kleine Apotheke von Fr. Apothekerin Müller (DocMorris) als David gegen den Goliath in Form der Apotheke von Fr. Neumann-Seiwert stilisiert wird.
Wie gut das der Generalanwalt Yves bot jetzt der Kapitalgesellschaft Celesio bildlich gesprochen die Maske des heilsversprechenden Marktliberalismus abgenommen hat. Und zum Vorschein kam die Fratze des Kapitalismus. Dieses sollte eigentlich auch allen Wirtschaftsjournalisten, die dem Markt das Wort predigen gehörig zu denken geben. Gesundheit ist ein Gut und keine Ware. Der Heilberufler ob Arzt oder Apotheker kann sie nicht verkaufen.
17.12.2008, 08:12 UhrAnonymer Benutzer: Billy Bones
ich bin Pharma Referent in den USA bei einem internationalen Unternehmen. Es ist nur eine Frage der Zeit bis in Deutschland alle privaten Apotheken verschwinden. ich bin seit 24 Jahren im beruf. in dieser Zeit habe ich nur zwei Neue Apotheken gesehen die eroeffnet wurden. Die grossen Ketten, und davon haben wir viele, bekaempfen sich gegenseitig, der Kunde ist Koenig. Alle Geschaefte haben bis 21 Uhr offen, auch Sonntags. Der bevoelkerung ist kein Nachteil entstanden. Die unabhaengigen, privaten Apotheken koennen bei diser Konkurrenz nicht mithalten. Die Profitspanne ist zu gering, die Kosten fuer die Medikamente zu hoch, was das "inventory" in die Hoehe schiessen laesst. Fuer die meisten Ketten sind diese Apotheken im eigenen Hause "lossleaders", die keinen anderen Zweck haben, als Kunden in den Laden zu bringen, mit der Hoffnung das diese auch etwas anderes kaufen.
Gestern bekam ich einen brief von einer der beiden unabhaengigen
Apotheken: Ab 1.1.2009 geschlossen!!!
16.12.2008, 16:56 UhrAnonymer Benutzer: gelddrucker
warum wir so viele Apotheken haben?? nicht weil sie gebraucht werden, sondern weil man mit der Eröffnung einer Apotheke gleichzeitig eine Lizenz zum Gelddrucken erwirbt. Wenn wie bei uns auf 1000 Meter sich 5 Apotheken tummeln ist etwas nicht in Ordnung.