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DocMorris gegen Stadt Apotheke: Streit um Zukunft der deutschen Apotheken ist voll entbrannt

von Jürgen Salz

Vor dem Europäischen Gerichtshof geht es heute um die Zukunft der deutschen Apotheken. Der Streit zweier Frauen entscheidet, ob es in Deutschland bald Apothekenketten gibt.

Die etablierten Apotheken Quelle: AP
Die etablierten Apotheken kämpfen auch vor dem Europäischen Gerichtshof gegen DocMorris Quelle: AP
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Sie kennen sich, doch sie reden nicht miteinander. Beide sagen, dass sie sich in den vergangenen Monaten nicht gesehen haben. Das ist ungewöhnlich für zwei Frauen, die das Gleiche tun, die in der gleichen Stadt, in Saarbrücken, arbeiten, die sich in der gleichen Branche tummeln, nämlich Apothekerinnen sind, die derselben Apothekerkammer angehören – und deren Geschäfte nur 400 Meter auseinander liegen.

Doch wie gewöhnlich läuft es zwischen den beiden Saarländerinnen schon lange nicht mehr. Helga Neumann-Seiwert, so heißt die eine der beiden, ist 56 Jahre alt, residiert in der Bahnhofstraße 37 und betreibt dort die Stadt Apotheke, eine der größten Apotheken Saarbrückens. Jutta Müller heißt die andere, sie ist zehn Jahre jünger, arbeitet in der etwas abseits gelegenen Kaiserstraße Hausnummer 16–18 und verkauft in der DocMorris-Apotheke Salben und Pillen.

Die beiden Frauen sind erbitterte Gegnerinnen. Apothekerin Neumann-Seiwert ist die stadtbekannte Geschäftsfrau, angesehen und etabliert. Apothekerin Müller dagegen ist die Rebellin, die Aufrührerin wider die eigene Zunft. Apothekerin Neumann-Seiwert hat vor zwei Jahren Klage eingereicht, damit Konkurrentin Müller die Apotheke schließt. Doch Müller denkt gar nicht daran und steht bis heute hinter dem DocMorris-Tresen.

In Saarbrücken ist DocMorris Besitzer

DocMorris-Apotheken gibt es in jeder größeren deutschen Stadt. Sie gehören immer noch einzelnen Apothekern, die Franchisenehmer von DocMorris sind. Doch in Saarbrücken in der Kaiserstraße ist es anders: Hier steht Deutschlands einzige Pharmazie, die sich im Eigentum einer Kapitalgesellschaft befindet, der DocMorris N.V.. Jutta Müller ist eine Angestellte des holländischen Billiganbieters. DocMorris will auch eigene Apotheken besitzen.

Eine gezielte Provokation ist die Apotheke in der Kaiserstraße in Saarbrücken. Denn nach deutschem Recht muss eine Apotheke einem Apotheker gehören. Nach europäischem Recht sind auch Kapitalgesellschaften als Eigentümer zulässig. Um überhaupt eröffnen zu können, hatte sich DocMorris zuvor das Plazet des saarländischen Justiz- und Gesundheitsministers gesichert. Dass Saarbrückens Vorzeigeapothekerin Neumann-Seiwert, die Apothekerkammer des Saarlandes, der Deutsche Apothekerverband sowie einige Saarbrücker Pharmazeuten gegen das saarländische Ministerium für Justiz, Gesundheit und Soziales – und damit DocMorris – klagen würden, war so sicher wie der Schlaf nach zwei Kapseln Valium.

Am kommenden Mittwoch, dem 3. September, strebt der Streit zwischen Apothekerin Müller und Apothekerin Neumann-Seiwert dem Anfang des Endes zu. Dann beginnt am Europäischen Gerichtshof in Luxemburg die Verhandlung darüber, ob Konzerne Apotheken betreiben dürfen. Das Urteil fällt frühestens in drei bis vier Monaten – und könnte den deutschen Apothekenmarkt von Grund auf verändern. Müller und Neumann-Seiwert sind gerade dabei, Wirtschaftsgeschichte zu schreiben.

Falls Neumann-Seiwert und ihre Mitstreiter gewinnen, muss Jutta Müller die DocMorris-Apotheke schließen. Fällt das Urteil zugunsten Müllers aus, können bald auch Drogerie- und Handelskonzerne Apothekenketten eröffnen: Schlecker und dm etwa, die bereits heute in vielen Filialen einen Medikamenten-Bestellservice bieten. Auch Rewe und Kaufland dürften Interesse haben. Oder Pharmagroßhändler wie Celesio, der Eigentümer von DocMorris, der zum Reich der Milliardärsfamilie Haniel gehört, und Phoenix, im Besitz der Milliardärsfamilie Merckle („Ratiopharm“).

17 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 18.12.2008, 19:05 UhrAnonymer Benutzer: Kapitalismusfratze

    irgendwie verkehrt dieser Artikel doch in seiner Darstellung grundsätzlich die Verhältnisse, wenn hier die arme, kleine Apotheke von Fr. Apothekerin Müller (DocMorris) als David gegen den Goliath in Form der Apotheke von Fr. Neumann-Seiwert stilisiert wird.
    Wie gut das der Generalanwalt Yves bot jetzt der Kapitalgesellschaft Celesio bildlich gesprochen die Maske des heilsversprechenden Marktliberalismus abgenommen hat. Und zum Vorschein kam die Fratze des Kapitalismus. Dieses sollte eigentlich auch allen Wirtschaftsjournalisten, die dem Markt das Wort predigen gehörig zu denken geben. Gesundheit ist ein Gut und keine Ware. Der Heilberufler ob Arzt oder Apotheker kann sie nicht verkaufen.

  • 17.12.2008, 08:12 UhrAnonymer Benutzer: Billy Bones

    ich bin Pharma Referent in den USA bei einem internationalen Unternehmen. Es ist nur eine Frage der Zeit bis in Deutschland alle privaten Apotheken verschwinden. ich bin seit 24 Jahren im beruf. in dieser Zeit habe ich nur zwei Neue Apotheken gesehen die eroeffnet wurden. Die grossen Ketten, und davon haben wir viele, bekaempfen sich gegenseitig, der Kunde ist Koenig. Alle Geschaefte haben bis 21 Uhr offen, auch Sonntags. Der bevoelkerung ist kein Nachteil entstanden. Die unabhaengigen, privaten Apotheken koennen bei diser Konkurrenz nicht mithalten. Die Profitspanne ist zu gering, die Kosten fuer die Medikamente zu hoch, was das "inventory" in die Hoehe schiessen laesst. Fuer die meisten Ketten sind diese Apotheken im eigenen Hause "lossleaders", die keinen anderen Zweck haben, als Kunden in den Laden zu bringen, mit der Hoffnung das diese auch etwas anderes kaufen.

    Gestern bekam ich einen brief von einer der beiden unabhaengigen
    Apotheken: Ab 1.1.2009 geschlossen!!!

  • 16.12.2008, 16:56 UhrAnonymer Benutzer: gelddrucker

    warum wir so viele Apotheken haben?? nicht weil sie gebraucht werden, sondern weil man mit der Eröffnung einer Apotheke gleichzeitig eine Lizenz zum Gelddrucken erwirbt. Wenn wie bei uns auf 1000 Meter sich 5 Apotheken tummeln ist etwas nicht in Ordnung.

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