Dossier: Léo Apotheker: Der Kronprinz tritt ins Rampenlicht

Dossier: Léo Apotheker: Der Kronprinz tritt ins Rampenlicht

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Leo Apotheker: der erste Nicht-techniker an der Spitze von SAP

Mit seiner Berufung als gleichberechtigter Co-Chef neben dem SAP-Vorstandssprecher Henning Kagermann tritt Léo Apotheker auch offiziell als dessen Kronprinz ins Rampenlicht. Der bisherige Vertriebschef ist der erste Nicht-Techniker an der Spitze des Softwarekonzerns aus dem badischen Walldorf.

Wie die WirtschaftsWoche aus SAP-Aufsichtsratskreisen erfahren hat, soll Vertriebschef Léo Apotheker den Softwarekonzern aus Walldorf demnächst in einer Doppelspitze mit dem bisherigen Vorstandschef Henning Kagermann führen. Offiziell verkündet ist noch nichts, aber die Zeit drängt: Zur Hauptversammlung im Mai 2009 läuft Kagermanns Vertrag ab, es bleiben nur wenige Monate, um den 54-jährigen Apotheker als künftigen Chef aufzubauen. Zu tun ist genug: Konkurrent Oracle spürt bereits die Folgen der Finanzkrise, auch für SAP könnte es enger werden. Zudem verklagt die größte US-Müllfirma Waste Management das Unternehmen wegen defekter Software auf 100 Millionen Dollar. Im Gegensatz zu anderen Konzernen haben die Walldorfer gute Erfahrung mit einem Tandem an der Spitze gemacht: Zwischen 1998 und 2003 leitete Kagermann den Softwarekonzern gemeinsam mit dem heutigen Aufsichtsratschef Hasso Plattner und konnte sich so für die alleinige Führung warmlaufen. Wenn Apotheker ihn im kommenden Jahr ablöst, ist er der erste Nicht-Techniker an der Spitze des Weltmarktführers für Software zur Unternehmenssteuerung. Während Plattner noch selbst gern Hand an den Programmcode gelegt und Kagermann immerhin mal die Entwicklungsabteilung geleitet hat, kommt der Mann mit dem schütteren Haar und dem graumelierten Bart aus dem Verkauf. Der rede- und weltgewandte Wahlfranzose lebt in Paris und spricht Deutsch, Französisch, Hebräisch, Englisch und Niederländisch fließend. So ungewöhnlich er für Walldorfer Verhältnisse ist, so ungewöhnlich ist auch seine Vita: Seine Eltern, Holocaust-Überlebende aus dem polnisch-ukrainischen Grenzgebiet, zogen nach dem Krieg nach Aachen, wo sein Vater im Textilgewerbe tätig war, als Apotheker 1953 geboren wurde. Aufgewachsen ist er in Antwerpen. 1972 studierte er Volkswirtschaft in Jerusalem. Abgesehen von zwei Abstechern zu einem Beratungshaus und einem Risikokapitalgeber arbeitet er seit 1988 bei SAP, seit 2002 im Vorstand. Freunde & Gegner Mit SAPs ehemaligem Technikvorstand, dem charismatischen Chefvisionär Shai Agassi, wurde Apotheker nie richtig warm. Agassi, Liebling und Ziehsohn von Aufsichtsratschef Hasso Plattner, sollte ursprünglich von 2009 an mit Apotheker eine Doppelspitze bilden und später sogar allein regieren. Doch Agassi und Apotheker gerieten intern immer wieder aneinander: Apotheker, der Verkäufer, machte Druck auf Agassi, den Chefentwickler, endlich neue Produkte marktreif zu machen. Gleichzeitig stieß Agassi bei Alt-SAPlern auf Widerstand: Er spricht kaum Deutsch, amerikanische Showelemente wie ein Auftritt im Supermann-Kostüm lösten Befremden aus. Ende März 2007 warf er von einem Tag auf den anderen den Bettel hin und verließ SAP. Seitdem ist der Weg für Apotheker frei: Zwar ist auch der in Walldorf nicht unumstritten, weil den Programmierern der Stallgeruch in Sachen Entwicklung fehle. Andererseits: „Apotheker kann sich sehr gut auf seine Zuhörer einstellen, was Agassi nicht immer gelang“, sagt einer, der beide erlebt hat. Überdies steht Apotheker allein auf weiter Flur – ein interner Konkurrent vergleichbaren Formats ist nicht in Sicht. Und um einen Externen an Bord zu holen, reicht die Zeit nicht mehr.

Seine Vorlieben „Ich bin ein Großstadtmensch“, sagt der 54-Jährige, der mit Frau, Sohn und Tochter im vornehmen Pariser 17. Arrondissement lebt. Da wird sich Apotheker gewaltig umstellen müssen, sollte er dauerhaft ins nordbadische Walldorf umziehen. Ein bisschen geübt hat er freilich schon: Bereits seit Längerem hat der neue SAP-Chef eine Zweitwohnung im nahen Heidelberg, die zumindest SAP-Mitgründer und Urvater Dietmar Hopp für „eine Weltstadt“ hält. So oder so muss Apotheker nicht unbedingt auf die platten Spargelfelder zwischen Nußloch und St. Leon-Rot umziehen. Andererseits dürfte ihm das weiße Edelgemüse gefallen, schließlich gilt Apotheker als Freund guten Essens und noch besserer Weine – wenn auch der von ihm besonders geschätzte französische Rote nicht unbedingt mit Spargel harmoniert. Für seine Liebe zum Theater, ein Tennismatch oder eine Partie Schach findet Apotheker schon heute kaum noch Zeit – und das dürfte künftig, wenn er Henning Kagermann als alleinigen SAP-Chef ablöst, nicht viel besser werden.

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Seine Ziele Als Chefverkäufer von SAP ist Apotheker schon bisher höchst erfolgreich. Darum wird er alles daransetzen, das den Aktionären 2006 gegebene Wachstumsversprechen einzulösen: Bis 2010 soll die Zahl der SAP-Kunden von derzeit 42.000 auf 100.000 steigen. Der neuerliche Versuch, SAP auch im Mittelstand zu etablieren, ist dabei das wichtigste Instrument. Mit der im vergangenen Herbst präsentierten Software Business By Design will Apotheker die neue Zielgruppe ansprechen – das Produkt für Unternehmen bis maximal 50 Mitarbeiter wird ausschließlich zur Miete übers Web angeboten. Dass ein gutes Produkt allein nicht ausreicht, weiß er: „Ich muss die Sprache des Mittelstands lernen.“ Darin hat der designierte SAP-Co-Chef schon einige Erfahrung: Ende 2007 trieb Apotheker mit Aufsichtsratschef Hasso Plattner den Kauf von Business Objects voran, SAPs erste Übernahme in Milliardenhöhe. Die französische Neuerwerbung vergrößert den Kundenstamm um 44.000 Unternehmen – darunter viele, die bisher noch keine SAP-Software einsetzen.

Seine Vorbilder Einem klassischen Idealbild eifert Apotheker nicht nach. Bei ihm dreht sich alles um den Job, und da sind seine Ambitionen ausgeprägt: Denn er hat sich auf die Fahnen geschrieben, die SAP-Programme einfach, schlank und flexibel zu machen. Dabei hat er auch ein Vorbild ausgemacht: Die künftige Software aus Walldorf müsse „so einfach sein wie das Herunterladen von Musik bei Apples iTunes“, sagt Apotheker. Er wolle „eine coole Plattform für Unternehmen schaffen“. Das ist ein überaus ehrgeiziges Ziel in einem Konzern, in dem „der Fokus der Entwickler in der Vergangenheit manchmal zu sehr auf der letzten Feinheit im Funktionsumfang lag und zu wenig auf der Frage, was der Kunde wirklich braucht“, wie er in einem Interview zugab. Einfachheit wird aber immer wichtiger in Zeiten, in denen der Trend weg von großen, monolithischen Computerprogrammen alter Prägung geht und hin zu flexiblen Diensten übers Internet. Vor Apotheker liegt noch viel Arbeit – da dürfte es ein Vorteil sein, dass der designierte SAP-Chef mit kniffligen Technologiethemen nicht viel am Hut hat.

Seine Stärken & Schwächen Apotheker charakterisiert sich selbst als „etwas emotionaler und vielleicht auch ein bisschen ungeduldiger als Henning“. Was freilich nicht sonderlich schwer ist – schließlich gilt der bisherige SAP-Chef Henning Kagermann als Prototyp des analytisch kalkulierenden Strategen, der sich selten zu größeren Gefühlsregungen hinreißen lässt. Ein Heißsporn wie SAP-Mitgründer und Kagermann-Vorgänger Hasso Plattner ist Apotheker freilich auch nicht. Der lieferte sich mit seinem Lieblingsfeind, Oracle-Chef Larry Ellison, diverse inzwischen legendäre Wort- und auch Segelgefechte. Das würde einem Kulturmenschen wie Apotheker nicht passieren. Andererseits wirkt seine Distanziertheit gelegentlich arrogant, etwa wenn er Ideen seiner Mitarbeiter, von denen er nicht überzeugt ist, handstreichartig vom Tisch wischt. Ansonsten arbeitet Apotheker nach dem Motto Zuckerbrot und Peitsche. Im direkten Gespräch gibt er sich zwar ruhig und gelassen. Doch das darf nicht täuschen – seinen Mitarbeitern macht er im Tagesgeschäft knallharte Vorgaben. Nicht zuletzt dadurch hat er die SAP-Vertriebsmannschaft wieder auf Vordermann gebracht, die nach der Jahrtausendwende träge geworden war. Dies gelang auch deswegen, weil er eine glückliche Hand bei der Auswahl neuer Manager hatte. So schaffte er es in kurzer Zeit, das schwächelnde US-Geschäft zu drehen – mit dem Amerikaner Bill McDermott heuerte er einen Verkäufer an, der selbst Vertriebsgenie Ellison das Fürchten gelehrt hat.

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