Der Münchner Fahrzeugausrüster Knorr-Bremse fing ganz klein an in Budapest. Erst bedienten sich die Deutschen in Ungarns Hauptstadt eines einzigen Wissenschaftlers. Dann richteten sie eine Abteilung an der Uni ein, in der Hochschüler für sie brüteten. Als der Platz nicht mehr reichte, bauten sie 1999 ein eigenes Gebäude. Dort tüfteln heute rund 80 Magyaren an Software, die bei Knorr in Deutschland in die Bremselektronik eingebaut wird. „Die Ungarn“, sagt Knorr-Bremse-Manager Claus Beyer, „sind voll integriert in unsere Entwicklungsmannschaft und unsere Serienentwicklung.“ Mit Forschung und Entwicklung in einem Billiglohnland sind die Bayern Vorreiter eines Trends, der für das verarbeitende Gewerbe in Deutschland gravierende Konsequenzen haben wird. Ebbte die Welle zuletzt ab, Arbeit ins Ausland zu verlagern, beschleunigt sich der Exodus nun voraussichtlich wieder deutlich. Das zeigt eine deutschlandweite Umfrage der Münchner Unternehmensberatung TCW Transfer-Centrum für den Verband der Bayerischen Metall- und Elektroindustrie (VBM) bei rund 100 Branchenmitgliedern. „Rechnet man die Ergebnisse hoch, wandern von 2005 bis 2009 aus Deutschland jährlich 152.000 Industriearbeitsplätze ab“, sagt TCW-Chef Horst Wildemann. Das wären insgesamt 760.000 weniger Jobs. Die Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland, das so genannte Offshoring, ist keine neue Strategie, Unternehmensgewinne zu steigern und international wettbewerbsfähig zu bleiben. Unterhaltungselektronik kommt schon seit Jahrzehnten fast nur noch aus Fernost, Turnschuhe, ob von Adidas, Nike oder Puma, fertigt in Europa oder den USA so gut wie niemand mehr. Die forcierte Globalisierung verändert jedoch die Zielrichtung, die betroffenen Unternehmensteile und das Ausmaß des Jobexports. - Als neue Zielregionen rücken neben China, Indien und anderen asiatischen Staaten zunehmend die osteuropäischen Länder ins Blickfeld, die noch nicht der EU angehören, wie Rumänien und die Ukraine. - Die Verlagerung der Produktion nimmt weiter zu. Eröffnete von 2000 bis 2004 rund ein Drittel der befragten Unternehmen Montage- und Fertigungsabteilungen im Ausland, plant dies nun sogar die Hälfte. - Mindestens verdoppeln wird sich der Anteil der Firmen, die mit zusätzlichen Teilen der Wertschöpfung ins Ausland gehen wollen. Elf Prozent planen, ihre Produkte nicht mehr von Deutschland aus zu verkaufen und den Service nicht mehr hiesigem Personal zu übertragen. Jedes zehnte Unternehmen, zweieinhalbmal so viel wie bisher, will auch Einkäufer von außerhalb einsetzen. - Selbst bei Forschung und Entwicklung fallen die Vorbehalte, außer Landes zu gehen. Bauten in den zurückliegenden Jahren fünf Prozent der Unternehmen FuE-Teams außer Landes auf, wollen dies künftig sieben Prozent wagen. Gerade hiervon erwarten Experten die weitreichendsten Auswirkungen. Gingen mit der Produktion auch Forschung und Entwicklung ins Ausland, befürchtet TCW-Chef Wildemann, zehre dies „den eigentlichen Kern des Standorts Deutschland“ aus: das Netzwerk aus qualifizierten FuE-Kräften und hoch spezialisierten Zulieferern – vom mittelständischen Modellbauer bis zum besessenen Tüftler und Werkzeugmacher.
Drohende Auszehrung: Globalisierung: Go East
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