E.On-Chef Johannes Teyssen im Interview: "Ich stehe unter Hochspannung"

E.On-Chef Johannes Teyssen im Interview: "Ich stehe unter Hochspannung"

von Andreas Wildhagen

Der Vorstandschef des Energieriesen E.On über seine Rolle als geschmähter Atomboss, die chaotische Energiepolitik der Bundesregierung und die Schmusestrategie gegenüber Bundeskanzlerin Angela Merkel.

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Johannes Teyssen

WirtschaftsWoche: Herr Teyssen, wie ist Ihr Lebensgefühl in diesen Tagen energetischer Energiepolitik?

Teyssen: Ich stehe unter Hochspannung. Aber ohne Spannung entsteht ja auch nichts.

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Aber was entsteht? Die Bundeskanzlerin hat dazu statt einer Technik- eine Ethikkommission eingerichtet, die die Risiken der Kernenergie und die Sicherheit der Energieversorgung neu bewerten soll. Die Kommission besteht allerdings vor allem aus Politologen, Kirchenvertretern und Soziologen...

Der scheidende BASF-Chef Jürgen Hambrecht ist ja auch Mitglied dieses Gremiums, ganz so einseitig ist es nicht.

Ein Vertreter der Energieversorger gehört diesem erlauchten Kreis nicht an.

Das ist richtig. Aber ich wurde immerhin für einen Sieben-Minuten-Vortrag mit anschließender Diskussion in die Ethikkommission geladen...

...als böser Atomboss?

Als „sachverständiger“ Stromerzeuger, wie es in der Einladung hieß. Das fand ich nicht ganz angemessen, weil die künftigen Rahmenbedingungen der Energieversorgung tiefer in die Lebensverhältnisse der Menschen eingreifen als bisher angenommen.

In welcher Weise?

Nach der Katastrophe von Fukushima hatten wir in Deutschland zunächst eine abstrakte Diskussion: Ist Kernenergie gut oder schlecht? Aber jetzt geht es um die Frage: Welches Energiekonzept wollen wir in unserem Land realisieren? Plötzlich geht es nicht mehr um ein Einzelthema – gut oder schlecht? –, sondern um ein komplexes, ethisches Thema. Da wird es schwieriger.

Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck sagte, der Umbau der Energieversorgung passiere nicht im „luftleeren Raum“. Man werde die Veränderungen „sehen, riechen und schmecken“.

Immerhin, die SPD ist auf der Seite der Industriearbeiter. Es gibt in dieser Partei ein traditionell enges Verhältnis zu Industrie, zum Gewerbe, auch zum Mittelstand. Diese Unternehmen sind auf bezahlbaren Strom angewiesen.

Die Vision von der Kernkraft als Brückentechnologie zwischen fossilen und erneuerbaren Energien ist jedenfalls zerbröselt...

Bei der Laufzeitverlängerung der 17 deutschen Kernkraftwerke im vergangenen Herbst gab es die Idee einer Brücke, die von der Welt der Kernkraft und fossilen Energie hineinführt in eine Welt, wo nur grüner Strom erzeugt und importiert wird, wo Probleme des Stromspeicherns mit neuen Techniken gelöst sind. Zudem wollte man den Neubau von fossilen Kraftwerken stoppen oder verlangsamen, gleichzeitig wollte die Politik mehr Zeit gewinnen für mehr Forschung, auch zu neuen Formen der Energieeffizienz und der Wärmedämmung.

Ihre Kritiker sagen, die Brücke sei zu lang.

Das Wesen einer Brücke ist nicht, dass sie schmal oder breit ist, kurz oder lang, sondern dass sie etwas überbrückt. Man kann das in nicht weniger als einer Generation schaffen. Von jetzt auf gleich auf Grün überzuspringen, das geht nicht. Das würde nur zu vermehrtem Import von Kohle- und Kernenergiestrom aus unseren Nachbarländern führen. Das ist nicht im Sinne des Erfinders der Brücke.

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