
Auf seinen Besuch in Hamburg am Karnevalswochenende hatte sich Thomas Enders seit Langem gefreut. Zuerst wollte der Co-Chef des deutsch-französischen Luftfahrtkonzerns EADS in Amsterdam endgültig das Power 8 genannte Sparprogramm für die schlingernde Konzerntochter Airbus beschließen – und dann im feinen Hamburger Le Méridien Hotel an der Außenalster im Rahmen einer Tagung des Bundesverbands der Deutschen Industrie mit Mitgliedern des US-Parlaments über die Vision einer engeren wirtschaftlichen Integration von Europa und den Vereinigten Staaten diskutieren. Die europäische Realität seines Arbeitgebers verdarb ihm das Vergnügen. Die von DaimlerChrysler vertretene deutsche Seite von EADS fühlte sich von der französischen überrumpelt. Sie ließ deshalb am Montagnachmittag die Vorstellung des Sparprogramms platzen und stürzte den Konzern erneut ins Chaos. Nun droht wieder mal ein deutsch-französischer Kleinkrieg, den die deutsche Seite verlieren wird, wenn sie wie bisher um verlorenes Terrain kämpft, statt sich auf ihre Stärken zu besinnen. Zwar bemühte sich Enders, den Schaden zu begrenzen. „Das passiert in anderen Firmen auch mal, dass ein zweiter Anlauf gebraucht wird“, erklärte er entspannt auf einer spontanen Pressekonferenz im Flur vor den Tagungsräumen – bevor er mit seiner Familie zum Skifahren in die Münchner Hausberge reiste. Tatsächlich wächst jedoch mit jeder weiteren Verzögerung der Druck im Unternehmen. EADS wurde nicht wegen der Probleme von Airbus bei der Serienfertigung seines Superjumbos A380 vom Vorbild der europäischen Wirtschaft zum Pflegefall. Anlass für Power 8 ist vielmehr, dass dem Konzern trotz ständig wachsender Auftragsbücher das Geld auszugehen droht. Airbus produziert heute ausschließlich im Euro-Raum, verkauft seine Flugzeuge aber in Dollar. Der verlor jedoch seit 2002 ein Drittel seines Wertes. Darum würde der Konzern bereits jetzt pro Flieger ein Viertel weniger einnehmen und rote Zahlen schreiben, hätte Finanzchef Hans Peter Ring nicht in großem Umfang Währungsabsicherung betrieben. Die läuft jedoch in zwei Jahren aus, und eine Verlängerung käme zu teuer. So muss Airbus nun seine Kosten bis dahin um zwei Milliarden Euro pro Jahr senken. Keine leichte Aufgabe, denn bereits der Power-8-Vorgänger „Route 06“ erreichte auch ein Jahr nach dem geplanten Programmschluss nur 80 Prozent des Sparziels von 1,5 Milliarden Euro.
Bildergalerie: Wo Airbus produziert - die Standorte des europäischen Flugzeugbauers
Der Konflikt der Karnevalstage rührt nicht aus einem Streit über die Einzelheiten des Sparprogramms. „Da gab es praktisch keine Diskussion“, sagt ein Konzernmanager. „Die Lasten sind ziemlich gerecht verteilt.“ Der Verwaltungsrat war sich einig: Airbus verkauft in den kommenden Jahren eine Handvoll seiner 16 Werke, streicht eine vierstellige Zahl von Stellen vor allem in der Verwaltung und reorganisiert sowohl die Flugzeugentwicklung als auch den Einkauf, damit beide ab 2010 um mindestens 15 Prozent günstiger arbeiten. Zudem soll zwar an der bisherigen Arbeitsaufteilung zwischen Frankreich und Deutschland nicht gerüttelt werden. Doch vom nächsten Modellwechsel an rollen alle Langstreckenflieger wie der A350 in Toulouse und die Nachfolger der Mittelstreckenmaschinen vom Typ A320 in Hamburg vom Band. Grund des Eklats ist, dass Enders’ französischer Amtskollege Louis Gallois, der neben dem EADS-Chefsessel auch die Airbus-Führung inne hat, in dieser Woche neben Power 8 unbedingt auch Details zum neuen Mittelstreckenflugzeug A350 vorstellen wollte. „Damit wollte er die Zukunftsfähigkeit von Airbus zeigen und Hoffnung machen“, sagt ein Konzernkenner. Und die Deutschen über den Tisch ziehen. Denn beim Bau des A350, den viele Konzernmanager in seiner jetzigen Form noch für keinen ernsthaften Konkurrenten für Boeings erfolgreichen Leichtbauflieger 787 halten, wollte Gallois ohne Gegenleistung Zukunftstechnologien wie die Fertigung großer Kunststoffteile nach Frankreich holen. „Deutschland“, sagt ein Konzernmanager „sollte vor allem Dinge wie Kabinenwände behalten, die spätestens in der nächsten Sparrunde an Zulieferer übertragen werden, weil die das billiger machen.“ Das hätte besonders die französische Regierung vor den Wahlen im Mai besser aussehen lassen. Damit weckte der im öffentlichen Dienst groß gewordene Gallois ungute Erinnerungen an eine alte Äußerung aus seiner Zeit als Chef des EADS-Vorläufers Aerospatiale: „Meine Aufgabe ist es nicht, Gewinn zu machen, sondern der französischen Regierung Ärger vom Leib zu halten.“













