
MÜNCHEN. Keine Frage: Sean O´Keefe ist Patriot. Zweimal diente der gebürtige Südstaatler republikanischen US-Präsidenten - dem jungen George W. Bush wie auch schon dessen Vater. Im Pentagon verwaltete er das Budget, der Weltraumbehörde Nasa stand er als Direktor vor. In seiner Freizeit studiert er gern den amerikanischen Bürgerkrieg oder jagt Alligatoren in den Sümpfen Louisianas. Ein ganzer Kerl eben.
Sean O´Keefe ist aber auch Geschäftsmann. Künftig wird er sich in Washington für ein Unternehmen in die Bresche werfen, das für viele in der US-Rüstungsindustrie ein rotes Tuch ist. Zum 1. November wechselt der 53-jährige Topmanager vom Elektronikkonzern General Electric an die Spitze der amerikanischen EADS-Tochter. Zudem soll er auch in die Vorstandsriege, das Executive Committee des europäischen Luftfahrtkonzerns, aufsteigen. Fast überschwänglich begrüßt EADS-Konzernchef Louis Gallois seinen neuen Spitzenmanager und verweist auf dessen "vielseitigen Werdegang" und die "umfassende Führungserfahrung".
Es steht viel auf dem Spiel für EADS, und O´Keefe wird eine zentrale Rolle dabei spielen. Die Europäer wollen sich unbedingt ein großes Stück vom mächtigen Kuchen des US-Rüstungsmarktes abschneiden, um das stark zyklische Geschäft der Flugzeugtochter Airbus ausgleichen zu können. Mit 670 Mrd. US-Dollar verfügen die USA mit weitem Abstand über das größte Rüstungsbudget der Welt. Deutschland und Frankreich kommen gerade auf ein Zehntel der Summe. Einen Fuß in der Tür hat EADS bereits: 2006 erhielt die Konzerntochter Eurocopter den Zuschlag für den Bau von 322 Hubschraubern für die US Army.
Den dicksten Fisch aber soll Hobbyangler O´Keefe an Land ziehen. Seit Monaten feilschen die Europäer mit der US-Regierung und Boeing um den größten Rüstungsauftrag der kommenden Jahrzehnte. Die US Air Force schreibt erneut 179 Tankflugzeuge aus, der Auftragswert wird auf über 30 Mrd. Dollar taxiert. Weitere Tranchen dürften folgen. Boeing hatte den Auftrag bereits, bekam ihn aber wegen Schmiergeldvorwürfen wieder entzogen. Im Frühjahr 2008 vergab das US-Verteidigungsministerium den Auftrag überraschend dem Konsortium aus dem US-Rüstungskonzern Northrop Grumman und EADS. Den Umstand, dass künftig ausgerechnet Airbus-Maschinen US-Kampfflugzeuge in Kriegseinsätzen betanken sollen, löste im US-Präsidentschaftswahlkampf einen Sturm der Entrüstung aus. Kurz darauf stoppte die Rechnungsprüfungsbehörde das Geschäft. Die Begründung: Formfehler bei der Ausschreibung.
"Lobbyarbeit ist die Muttermilch der Rüstungsindustrie", heißt es in Washington. Man tritt O´Keefe wohl nicht zu nahe, wenn man ihm unterstellt, dass er selbst den kleinsten Entscheidungsträger in den komplizierten Beschaffungsprozessen der US-Streitkräfte kennt. Bei seinen verschiedenen Stationen in Regierung und Rüstungsindustrie erwarb er sich den Ruf eines "Pokerspielers". Selbst der Rechnungsprüfungsbehörde, die den Tankerzuschlag für EADS im vergangenen Jahr kassiert hat, stand er einmal als Vizedirektor vor.
So wird der neue EADS-Strippenzieher in Washington sogleich voll gefordert sein. Das US-Verteidigungsministerium will bis Ende des Jahres eine neue Ausschreibung für die Tankflugzeuge verschicken. Mitte 2010 soll die Entscheidung fallen. Bereits jetzt murren EADS und Northrop Grumman: Boeing soll auf verschlungenen Wegen über die Preisangebote der Airbus-Tanker informiert worden sein. Die Airbus-Tanker der EADS gelten als deutlich teurer als die Boeing-Maschinen, dafür aber auch als moderner und leistungsfähiger.
Vieles spricht dafür, dass der Auftrag am Ende geteilt wird. Schließlich sehen die US-Streitkräfte in den 179 Maschinen nur einen Anfang, insgesamt sollen bis zu 500 Tankflugzeuge in den kommenden 20 Jahren beschafft werden. Das reicht, um beide Flugzeughersteller ordentlich auszulasten. Bei EADS rechnet man so: Nimmt die US-Luftwaffe zwölf Tanker pro Jahr ab, lohnt sich der Bau einer eigenen Airbus-Fertigung im Süden der USA. Die Pläne für die Fabrik in Alabama liegen längst in der Schublade. Neben den Tankern könnten auch zivile Versionen des Airbus-Bestsellers A330 in den USA montiert werden.
Das Werk mitten im Heimatmarkt des Erzkonkurrenten Boeing wäre für EADS und Airbus weit mehr als ein Prestigeerfolg. Airbus könnte seine gefährliche Abhängigkeit vom Kurs des Euros mindern, der gestern wieder die bedrohliche Marke von 1,50 Dollar erreicht hat. Jeder Cent mehr kostet die EADS bis zu 100 Mio. Euro im Ergebnis. Nur eine Verlagerung in den Dollar-Raum kann die Europäer vor diesem Schicksal schützen.
Sein patriotisches Gewissen kann der bekennende Südstaatler O´Keefe bei EADS dann doch befriedigen. Denn während Boeing mit dem Tankerauftrag seine Werke an der Westküste und in Kansas stärken würde, bieten die Europäer dem strukturschwachen Süden der USA reichlich Jobs in der Flugzeugindustrie. Südlich von Washington kann man damit viele Sympathien gewinnen.






















