Einzelhandel: Bundeskartellamt nimmt Lebensmittelhändler ins Visier

Einzelhandel: Bundeskartellamt nimmt Lebensmittelhändler ins Visier

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Kette mit dem größten Vertrauen: Der Edeka-Schriftzug an einem Edeka-Gebäude.

von Henryk Hielscher

Das Bundeskartellamt hat einen neuen Lieblingsgegner: die deutsche Lebensmittelbranche. Erst harte Fusionsauflagen, dann Ermittlungen und Hausdurchsuchungen, jetzt eine breitangelegte Marktanalyse. Das Bundeskartellamt stellt Handel und Markenhersteller unter Generalverdacht. Zu Recht?

Eine gewisse Routine kann dem Bundeskartellamt wohl niemand absprechen: Vor zwei Jahren im Frühjahr rückte die Behörde aus, um Deutschlands größten Lebensmittelhändler Edeka zu durchsuchen. Der Verdacht: Der Konzern soll seine Nachfragemacht missbraucht haben. Ein Jahr später, Anfang 2010, bekamen auch die Edeka-Konkurrenten Besuch. Die Kartellwächter filzten so gut wie alle großen Handelskonzerne und zahlreiche Markenartikelhersteller wegen des Verdachts auf Preisabsprachen. Zwar liegen in den Verfahren noch keine Ergebnisse vor. Doch auch in diesem Jahr setzt die Behörde ihre schlagzeilenträchtige Tradition fort: Vor wenigen Tagen startete das Amt eine breitangelegte Sektoranalyse zur Marktmacht des Handels. Edeka reloaded könnte das Verfahren auch heißen.

Die Zielrichtung ist klar. „Vor gut zehn Jahren teilten sich noch sieben Handelsunternehmen 70 Prozent des Marktes“, monierte der Präsident des Kartellamtes, Andreas Mundt, jüngst auch im „Handelsblatt“ und bekräftigte damit Aussagen, die seine Behörde schon seit Monaten wiederholt. Heute habe man es mit den vier großen Handelskonzernen Edeka, Rewe, der Schwarz-Gruppe (Lidl, Kaufland) und Aldi zu tun, die 85 Prozent der Nachfrage im Lebensmitteleinzelhandel auf sich vereinten. Und es würden weitere Fusionen angemeldet.

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Nahe dran an Ölkonzernen

Mundt sieht die Gefahr, dass Lebensmittel durch einen zu geringen Wettbewerb teurer werden könnten. „Irgendwann ist es mit den schönen niedrigen Preisen vorbei“, meint Mundt und verweist auf eine Studie des Nürnberger Marktforschers GfK von 2010, nach der sich der Preiskampf auf relativ wenige, aber umsatzstarke Lebensmittel konzentriert. Demnach gibt es nur bei gut 40 von 275 Warengruppen einen harten Wettbewerb, etwa bei Kaffee, Schokolade, Butter, Joghurt oder Fruchtsäften. „Wir haben auch Indikatoren dafür, dass der Wettbewerb nicht generell so lebhaft ist wie wir das bislang alle glaubten“, so Mundt

In der Branche herrscht angesichts solcher Aussagen vor allem Kopfschütteln. Dass der Wettbewerb in Deutschland hart ist, würde allein schon das niedrige Preisniveau belegen. Wer einmal in der Schweiz shoppen war, dürfte ahnen, wovon die Branche spricht. Vor ein paar Jahren suchte der weltgrößte Handelskonzern Walmart das Weite, weil das Klima in Deutschland zu rau war. Die Intensität nimmt noch zu: Trotz der Umsatzstagnation im Handel steigen seit Jahren die Verkaufsflächen in Deutschland. Zudem können die Händler auf ihre niedrigen Renditen verweisen, die im Lebensmittelhandel selten über der Drei-Prozent-Marke liegen. Die schwache Profitabiliät relativiere auch die vermeintliche Marktmacht gegenüber Lieferanten. „Wenn wir tatsächlich so viel Macht haben, warum ist dann die Profitabilität der großen Markenhersteller deutlich höher als die der großen Händler?“, fragt Metro-Einkaufsvorstand etwa Joel Savuese. „Manche Hersteller sind mit ihrem Profit nahe dran an Ölkonzernen.“

Funkt Kartellamt der Wirtschaft dazwischen?

Tatsächlich ist das Zusammenspiel zwischen Handel und Industrie komplex: Marktmacht üben die Händler vor allem gegenüber kleineren, austauschbareren Markenherstellern aus. Produkte von CocaCola, Ferrero oder selbst Eierlikör des Bonner Mittelständlers Verpoorten aus den Regalen zu verbannen,  kann sich dagegen keine Supermarktkette leisten. Genauso heikel ist es indes für Produzenten, im Sortiment von Deutschlands größtem Händler Edeka zu fehlen.  Werden kleinere Marken von den Hamburger Kaufleuten ausgelistet, steht deren Existenz auf dem Spiel. Die Reaktionen des Kartellamts auf die Marktlage fielen deutlich aus: Große Fusionen zwischen deutschen Händlern sind inzwischen kartellrechtlich undenkbar, Gespräche zwischen Händlern und Herstellern werden zum Balanceakt, die Einkaufsmacht der großen Ketten mutiert zum Generalvorwurf. 

Schon vor wenigen Wochen, als Vertreter von Handel, Herstellern und des Bundeskartellamts im Wasserwerk in Bonn diskutierten, gab es reichlich Kontra für’s Kartellamt. "Weltfremd" seien die Vorstellungen der Behörde, lässt sich der Tenor der Aussagen beschreiben.  Josef Sanktjohanser, Präsident des Handelsverbandes HDE und im Hauptberuf Rewe-Vorstand, monierte die „enorme Unsicherheit“, die durch die jüngsten Empfehlungen der Behörde entstanden seien. Und Kartellrechtsexperte Erich Greipl, Vertrauter von Metro-Miteigentümer Otto Beisheim, sah „keinen Grund, warum das Kartellamt in funktionierende Marktprozesse eingreifen“ sollte.

Nach den Durchsuchungen 2010 herrschte in der Branche Verwirrung darüber, welche Details zwischen Handel und Industrie überhaupt noch verhandelt werden dürfen. Um Klarheit zu schaffen, erließ die Behörde vor wenigen Monaten eine sogenannte „Handreichung“, die eigentlich eine Orientierungshilfe geben sollten, was nun erlaubt ist und was nicht. Allein, das Vorhaben ging gründlich schief: statt mehr Klarheit, stiftete das Amt nur noch mehr Verwirrung.  Underberg-Gesellschafter Wilfried Mocken spricht etwa von einer „Verunsicherung“ in seiner Verkaufsabteilung, mittlerweile so bemerkte der Kräuterschnapsfabrikant sei eine „gewisse Stille“ zwischen Handel und Industrie eingekehrt.

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