Einzelhandel: Drogeriekette Schlecker gerät ins Hintertreffen

Einzelhandel: Drogeriekette Schlecker gerät ins Hintertreffen

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Christa und Anton Schlecker

von Henryk Hielscher

Heute stellt die Drogeriemarktkette dm ihre Jahresbilanz vor. Erstmals wird dm über fünf Milliarden Euro Umsatz liegen - und treibt damit den Drogeriekönig Anton Schlecker weiter in die Enge. Keiner gebietet über mehr Filialen, kaum einer drückt rigider die Kosten und die Mitarbeiter als Schlecker. Trotzdem brechen dem Drogieriesen Umsatz und Gewinn weg. Die Konkurrenten Rossmann, dm und Müller machen dem Marktführer das Leben schwer.

Die Sichtung des Phantoms ereignete sich am 14. Mai 2009 gegen 12.30 Uhr. Eigentlich wollten die sieben Damen vom Schlecker-Betriebsrat, die sich an jenem Donnerstag in ihrem kargen Büro über einer Filiale im fränkischen Städtchen Lauf an der Pegnitz versammelt hatten, nur ihre routinemäßige Sitzung abhalten. Themen gab es reichlich: der drastische Umsatzschwund in den Schlecker-Filialen, mögliche Standortschließungen, das neue Ladenkonzept namens XL, aber auch die steigende Zahl von Überfällen auf Schlecker-Läden.

Doch kaum hatte die Sitzung begonnen, schlug jemand „ungestüm von außen gegen die Tür des Betriebsratszimmers“, erinnern sich die Damen. Die Tür öffnete sich, und vor ihnen stand das Phantom: Anton Schlecker persönlich, Herr über gut 14.000 Drogerieläden in Europa. Ein Mann, der sich so gut wie nie in die Öffentlichkeit wagt und den selbst die meisten seiner 55.000 Angestellten nur von einem Porträt aus ihrer Mitarbeiterzeitung kennen: das Haar akkurat getrimmt, auf einem Uralt-Foto neben Gattin Christa vor einer Europaflagge.

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Bei Schlecker liegen die Nerven blank

Doch nun trat der leibhaftige Schlecker ins Betriebsratsbüro und gab sich alles andere als staatsmännisch. „Ich muss Ihnen schon mal was sagen“, soll er die verdutzte Arbeitnehmerschar angeraunzt haben, „es schaut hier sehr unprofessionell aus.“ Sprach’s, verschwand – und kehrte nur drei Minuten später mit einem Rundschreiben des Betriebsrats zurück, das die Überschrift trug: „Drohende Massenentlassungen bei Schlecker“. Eine glatte Unverschämtheit sei das, habe Schlecker geschäumt, alles lauter Lügen. Schließlich geriet der 64-Jährige so in Rage, dass er die Betriebsratsvorsitzende im feinsten Schwäbisch angeschrien habe: „Sie sind eine blöde Kuh.“

Die Posse an der Pegnitz zeigt vor allem eines: Beim größten Drogeriemarktbetreiber der Republik liegen die Nerven blank. Vor Jahren noch, als die Geschäfte liefen, hätte er sich solche Auftritte verkniffen – allein schon, um seinem Erzfeind, der Gewerkschaft Verdi, keine Angriffsfläche zu bieten. Nun liegt die Causa Kuh beim Arbeitsgericht Nürnberg, und Schleckers Anwalt müht sich, die Version der Damen zu entkräften: Die Worte „blöde Kuh“ seien niemals gefallen, beteuert der Jurist.

Schlecker in Deutschland ist ein Sanierungsfall

Ein möglicher Grund für den Ausraster sind die grottenschlechten Zahlen, unter denen Schlecker leidet. Nach Berechnungen von Branchenexperten büßten die Schlecker-Filialen in Deutschland seit 2005 über eine Milliarde Euro Umsatz ein – ein Rückgang von mehr als 20 Prozent. Vertrauliche Zahlen aus dem Inneren des Konzerns, die der WirtschaftsWoche vorliegen, deuten zudem auf einen Ergebniseinbruch hin: Danach schrieben die Schlecker-Filialen 2007 mehr als 30 Millionen Euro Verlust. 2008 ist das operative Ergebnis laut Gewerkschaftsangaben auf einen Verlust von 52 Millionen Euro abgerutscht.

Kein Vergleich mehr zum Jahr 2000, als Schlecker noch stolze 118 Millionen Euro Gewinn erwirtschaftete. Kennzahlen wie Cash-Flow und Umsatzrendite seien seither regelrecht „atomisiert“ worden, berichten ehemalige Führungskräfte. Kurz: Schlecker in Deutschland ist ein Sanierungsfall.

Das Unternehmen will die Geschäftsentwicklung nicht kommentieren, warnt aber pauschal vor fingierten Zahlen. „Wir bleiben als Drogeriediscounter gerade in unseren Kernkompetenzen Kundennähe, Flächenpräsenz und Marktdurchdringung unerreicht“, heißt es aus der Schlecker-Zentrale in Ehingen, rund eine Autostunde von Stuttgart entfernt.

In Wahrheit ist die Lage für den Seifenkönig von der Schwäbischen Alb wohl so ernst wie noch nie. Schlecker muss sich dreier gefährlicher Gegner erwehren, die ihm die Vormachtstellung im Drogeriemarktgeschäft streitig machen wollen. Es sind dies sein Landsmann Erwin Müller, der Patriarch der gleichnamigen Drogeriekette aus Süddeutschland, Drogerierebell Dirk Roßmann und Erich Harsch, der Gutmensch von dm.

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