Einzelhandel: Gutachter billigt deutsche Regelungen für Apotheken

Einzelhandel: Gutachter billigt deutsche Regelungen für Apotheken

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Apotheke in Limburg: Mehr Service und Marketing

Der Generalanwalt am Europäischen Gerichtshof (EuGH) Yves Bot hält das Apothekengesetz in Deutschland für zulässig. Wie das Gutachten besagt, sieht der Generalanwalt in der eingeschränkten Niederlassungsfreiheit keinen Verstoß gegen das Gemeinschaftsrecht.

Dies gab der Gerichtshof der Europäischen Gemeinschaften heute in einer Pressemitteilung bekannt. Die Einschränkung sei nach Ansicht von Bot gerechtfertigt, um die Versorgung der Bevölkerung mit Arzneimitteln sicherstellen zu können. Damit empfiehlt der Generalanwalt, an dem derzeitigen Apothekengesetz festzuhalten. Dieses besagt, dass nur Pharmazeuten mit Kammerzulassung Apotheken betreiben dürfen. Sie dürfen zudem maximal drei Filialen besitzen.

Das Votum des EuGH-Generalanwalts gilt als eine Art Vorentscheidung, denn der Europäische Gerichtshof in Luxemburg folgt in neun von zehn Fällen der Empfehlung. Mit einem Urteil wird spätestens bis zum Herbst 2009 gerechnet. An dieser Entscheidung werden sich in der Folge die deutschen Behörden orientieren. Die meisten Experten hatten damit gerechnet, dass Bot für einen Wegfall des Fremd- und Mehrbesitzverbotes plädieren würde.

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Vor dem EuGH wird derzeit über eine Klage mehrerer Inhaber saarländischer Apotheken gegen das Saarland verhandelt. Der damalige saarländische Gesundheitsminister Josef Hecken (CDU) hatte im Sommer 2006 der niederländischen Versandapotheke und Celesio-Tochter DocMorris das Betreiben einer „Modell-Apotheke“ in Saarbrücken genehmigt. Das dort ansässige Verwaltungsgericht hatte im März 2007 die bei ihm eingereichte Beschwerde an den EuGH verwiesen. Bislang dürfen in Deutschland nur Pharmazeuten mit Kammerzulassung Apotheken betreiben und maximal drei Filialen besitzen. Ebenfalls verhandelt wird über ein ähnliches Fremdbesitzverbot in Italien. Der Aktienkurs von Celesio brach nach der Mitteilung ein und lag zuletzt 11,55 Prozent im Minus.

Dabei hatten sich Schlecker, dm, Tengelmann und die Pharmagroßhändler bereits warmgelaufen. Sie hatten mit einem juristischen Sieg gerechnet. Und damit dürfte das, was in Tschechien schon Wirklichkeit ist, hierzulande wohl kaum Realität werden: Auf den ersten Blick wirkt der Laden wie eine normale Schlecker-Filiale. Der zweite Blick fällt auf das grüne Kreuz über dem Eingang. Tatsächlich: Drinnen können die Kunden hinter Regalen mit Wimperntusche und Biomüsli verschreibungspflichtige Medikamente erhalten. Die Kunden zücken ihre Arztrezepte, der Apotheker zieht das passende Präparat aus der Schublade.

Apothekenläden, wie Schlecker sie in Tschechien betreibt, gibt es in Deutschland noch nicht. Kranke können zwar in vielen der über 10.000 Schlecker-Filialen Medikamente ordern und am nächsten Tag abholen. Schlecker betreibt dazu unter dem Namen Vitalsana eine Versandapotheke und wollte zudem mit einer eigenen Marke in das Pillengeschäft einsteigen. Eigene Apotheken darf der deutsche Drogerieprimus jedoch nicht eröffnen.

Pharmagroßhändler wie Celesio und Phoenix, Drogerieketten wie dm und Schlecker, die Versandhändler Quelle, Amazon und Otto, Lebensmittelhändler wie Tengelmann, selbst die Parfümeriekette Douglas – sie alle hatten auf einen Teil der Milliardenerlöse geschielt, den die Apotheker bisher allein unter sich aufteilten. 2007 gingen Pillen und Salben für rund 37 Milliarden Euro über die Verkaufstresen der rund 21.000 deutschen Apotheken.

Der Wettstreit um die besten Startplätze und Standorte hatte längst begonnen. Pharmagroßhändler hatten sich Pharmazien in guten Lagen gesichert und mit verkaufswilligen Apothekern Vorverträge abgeschlossen. dm oder Tengelmann wollten mit branchenerfahrenen Partnern kooperieren, die ihnen den Einstieg erleichtern, und üben für das Apothekengeschäft schon mal im Internet.

Eigene Apotheken in Supermarktfilialen

Laut Branchenschätzungen dürften bereits fünf bis zehn Prozent der Apotheken vorverkauft sein. „Im Auftrage eines europäischen Unternehmens“ wurde etwa die Berliner Steuerberatungsgesellschaft Eurotax früh bei Pharmazeuten vorstellig: „Wenn Sie keine Lust mehr haben, sich mit den aktuellen Problemen des Gesundheitswesens... herumzuärgern und keinen Wertverlust nach Aufgabe des Fremdbesitzverbotes in Kauf nehmen möchten, dann sprechen Sie mit uns“, heißt es in einem Schreiben aus dem vergangenen Jahr.

Noch hat der Europäische Gerichtshof in Luxemburg zwar nicht entschieden, aber nach dem jetzt veröffentlichten Gutachten scheint das Urteil bereits festzustehen. Alles andere, so Experten, wäre eine Überraschung.

Tengelmann-Chef Karl-Erivan Haub (Kaiser’s, Kik, Obi) ist einer, der die neuen Marktchancen nutzen wollte. Handelskonzerne, die in ihrem Stammgeschäft mit kümmerlichen Margen von ein bis zwei Prozent auskommen müssen, hätten mit Apotheken Renditen bis zu zwölf Prozent erwirtschaften können. Wären die Ketten erlaubt, könnte Tengelmann eigene Apotheken in größere Supermarktfilialen integrieren. Auch eine Apotheken-Discountkette sei nicht ausgeschlossen, hatte ein Insider vor dem Tag der heutigen Vor-Entscheidung aus der Mülheimer Zentrale berichtet. „Der Konzern ist für neue Chancen im Apothekenmarkt optimal aufgestellt“, war sich Tengelmann-Manager André Kiefermann sicher.

Kiefermann ist der Chef des Online-Portals www.kleinepreise.de, das Tengelmann gemeinsam mit der Schweizer Medikamenten-Versandapotheke Zur Rose betreibt. Das Pillen-Portal bietet rezeptfreie Medikamente zu Preisen an, die mindestens 20 Prozent unter der Empfehlung des Herstellers liegen. Der Kopfschmerzkiller Paracetamol kostet dort etwa 89 Cent statt 1,96 Euro. Ende Oktober ging das Angebot online. Schon am ersten Wochenende wurden 5500 Bestellungen abgewickelt.

Damit probe Tengelmann für das Apothekengeschäft, heißt es im Unternehmen. Inhaber Haub gilt ohnehin als sehr Medikamenten-affin. Vertraute attestieren ihm eine latente Grippe-Phobie. Haub lagert in den Kellern des Konzerns Desinfektionsmittel, Mundschutz-Packungen und Dutzende von Kartons mit dem Anti-Grippe-Medikament Cystus 052, das laut internem Notfall-Plan an die Belegschaft verteilt wird, sobald eine Grippe-Pandemie droht.

Eine eigene Apotheke konnte sich auch Douglas-Chef Henning Kreke vorstellen. Kreke hat eine solche Idee zwar vorsichtshalber bisher „rein hypothetisch“ genannt, hatte dann aber recht konkrete Vorstellungen darüber, wie eine Douglas-Apotheke aussehen sollte: „Vielleicht etwas größer als normale Apotheken, mit mehr Beratung und vielen Zusatz-Dienstleistungen rund um das Thema Gesundheit und Wellness.“

Bis Mitte 2009 wollte die Drogeriemarktkette dm sämtliche der mehr als 1000 deutschen Märkte mit „Pharma-Punkten“ ausstatten, an denen die Kunden – ähnlich wie bei Schlecker – Arzneien abholen können, die sie zuvor im Internet oder in der Drogerie bestellt haben. Dazu kooperiert dm mit der niederländischen Europa Apotheek Venlo. Zurzeit bieten rund 200 dm-Filialen den Abhol-Service. „Gut möglich, dass dm in einigen Filialen künftig auch eigene Apotheken betreibt“, hatte Arnt Tobias Brodtkorb vor dem heute bekannt gewordenen Rechtsgutachten noch gesagt. Er ist Geschäftsführer der Bad Homburger Unternehmensberatung Sempora, die sich auf den Apothekenmarkt spezialisiert hat. Als Sempora kürzlich Verbraucher befragte, wo sie künftig bevorzugt ihre Pillen kaufen würden, belegte dm den ersten Platz.

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