An der Käsetheke in Neuss hat Saveuse derlei nicht vor. Er winkt Mitarbeiter zum Mannschaftsfoto heran. Während sich die Truppe artig um den Chef gruppiert, plärrt der Marktlautsprecher „Einmal hin. Alles drin“. Seit Ende April wirbt Real mit dem Slogan, den Mitarbeiter mit Galgenhumor schon in „Einmal drin. Alles hin“ umgetextet haben. Doch im Grunde sind sie froh, dass überhaupt wieder Werbung läuft. Der bislang letzte Versuch liegt mehr als drei Jahre zurück. Damals hatte Real mit dem zweideutigen Spruch „Besorg’s dir doch einfach“ für Fassungslosigkeit gesorgt. Als dann auch noch Hackfleisch jenseits des Mindesthaltbarkeitsdatums in einigen Filialen umetikettiert und erneut angeboten wurde, stellte die Firma praktisch alle Bemühungen ein, das Image zu retten, und kämpft seither mit der zentralen Frage: Wofür steht Real eigentlich?
Eine überzeugende Antwort hat auch Saveuse bisher nicht geliefert. Vor allem für die großen Märkte ab 12.000 Quadratmetern fehlen Konzepte. Zwar verweist Saveuse auf die Breite des Sortiments. Doch genau da sehen Experten das Problem. Die Kette soll alles gleichzeitig sein – Discounter mit niedrigen Preisen, Supermarkt mit vielen frischen Produkten und Kaufhaus mit Textil-, Elektronik- und Sportabteilung. Von Autoreifen über Fernseher bis zu frischem Fisch reicht das Spektrum. „Für sich genommen ist jedoch kein Sortimentsteil wirklich attraktiv“, sagt der Kölner Handelsexperte Ulrich Eggert, „weder die Frisch- noch die Gebrauchswaren.“
Der Erzrivale Kaufland hingegen, der zur Schwarz-Gruppe (Lidl) gehört, habe sich als Großflächen-Discounter profiliert, außerdem verfüge er über ein klares Konzept, sagt Eggert. Kaufland betreibt Läden, die im Schnitt nur halb so groß sind wie ein Real-Markt, setzt auf wenig Personal und ein dünneres Sortiment – bietet dafür aber niedrigere Preise.
Das Billig-Prinzip kommt an. Kaufland verfügt mittlerweile über ein dichteres Filialnetz als Real und steigerte den Umsatz zwischen 1991 und 2007 von 1,7 auf 10,8 Milliarden Euro. Nach Berechnungen der „Lebensmittelzeitung“ hat der Umsatz aller Läden, die heute unter Real firmieren, im gleichen Zeitraum bestenfalls stagniert. Die schleppende Konjunktur und der Anstieg der Energiepreise könnten Kaufland zusätzliche Kundschaft bescheren – und zugleich den Druck auf Real erhöhen.
Scheitert die Sanierung von Real, bekommt auch Metro-Chef Cordes ein Problem. Trotz aller Zerschlagungsfantasien, die sich derzeit um die Metro ranken, ist die Herauslösung von Real aus dem Konzernverbund schwierig. Logistik, Warenwirtschaft, Immobilien – die Sparte beschäftigt sämtliche Querschnittsgesellschaften der Metro. Zudem trägt das Real-Einkaufsvolumen dazu bei, die Beschaffungspreise der Metro-Großhandelssparte, in der sich bundesweit vom Kiosk-Betreiber bis zum Steuerberater jeder Gewerbesteuerpflichtige mit Riesenpaketen Schnitzel und Hektolitern H-Milch eindecken kann, niedrig zu halten.
Ein Käufer für Real ist ohnehin nicht in Sicht. Kandidaten wie Rewe, Edeka oder die Schwarz-Gruppe scheiden wohl aus wettbewerbsrechtlichen Gründen aus. Bleiben internationale Handelskonzerne und Finanzinvestoren. Ob die jedoch ausgerechnet in den hart umkämpften und renditeschwachen deutschen Markt investieren, ist fraglich. Das Scheitern der US-Kette Wal Mart 2006 ist noch nicht vergessen. In jedem Fall würde beim Verkauf ein Großteil der Real-Märkte geschlossen.
Weniger als zwei Jahre bleiben Saveuse, um zu verhindern, dass Real auf die Reste-Rampe wandert. Bisher gehen seine Pläne auf. Als er beim Rundgang in der Neusser Filiale wieder an den Schuhkartons vorbei kommt, lächelt er: Obendrauf steht tatsächlich ein gutes Dutzend Chuck-Taylor-Schuhe – wie er es wollte.













