Elektroauto: Wie Volkswagen & Co. ihre Zukunft verbummeln

Elektroauto: Wie Volkswagen & Co. ihre Zukunft verbummeln

von Martin Seiwert

Zum 125-jährigen Jubiläum steht die Branche am Scheideweg. Japanische, amerikanische und französische Hersteller starten die Produktion stromgetriebener Fahrzeuge. Deutsche Konzerne dagegen präsentierten viele Modelle, hängen aber am Verbrennungsmotor. Sie verloren beim E-Auto, wie der aktuelle Elektroauto-Index der WirtschaftsWoche zeigt, im vergangenen Jahr gehörig an Boden.

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"i" des Kolumbus: Der Mitsubishi i-MiEV ist das erste Großserien-Elektroauto, das in Europa verkauft wird

Der Mann stand an der Spitze des Staates und war sich sicher: „Ich glaube an das Pferd. Das Automobil ist eine vorübergehende Erscheinung.“ Wie sich Wilhelm II, König von Preußen und Deutschlands letzter Kaiser, vor gut einem Jahrhundert vergaloppierte, passt seltsam gut in das Bild, dass die Deutschen gerade abgeben.

Am 29. Januar jährt sich zum 125. Mal, dass der Schwabe Carl Benz das Auto – ein dreirädriges Fahrzeug mit Verbrennungsmotor und elektrischer Zündung – beim Reichspatentamt anmeldete. Nur wenige Erfindungen haben das Leben der Menschen so weitreichend und nachhaltig verändert. Doch mitten in der Jubelstimmung haftet manchem deutschen Automanager ein eigentümlicher Ruch des wilhelminischen Reiters an. Ihr „Pferd“, an dem sie so sehr hängen, ist der Verbrennungsmotor, mit dem sie inzwischen den letzten Winkel der Welt eroberten. Die Rolle des „Automobils“, das Wilhelm II als Modeerscheinung abtat, hat offenbar das Elektroauto übernommen.

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Ausgerechnet in ihrem Jubiläumsjahr steht die Autobranche am Scheideweg. Auf der einen Seite sammeln sich die Forschen, die mit Macht und gewaltigen Mitteln möglichst schnell möglichst viele stromgetriebene Gefährte jedweder Couleur in den Markt drücken. Auf der anderen Seite rüsten die Skeptiker auf, die möglichst lang aus dem Verbrennungsmotor herausholen wollen, was technisch und wirtschaftlich geht.

Deutschland: Nur auf Platz 4

Fest steht nur: Je länger Autobauer beim Elektroauto zögern, desto mehr drohen sie gegenüber der Konkurrenz ins Hintertreffen zu geraten. Das zeigt auf beeindruckende Weise der Elektroauto-Index Evi (Electric Vehicle Index), den die Unternehmensberatung McKinsey exklusiv für die WirtschaftsWoche erstellt und der zum ersten Mal den internationalen Wettlauf zum Elektroauto in den zurückliegenden zwölf Monaten abbildet. Der in dieser Form einzigartige Index gibt an, zu wie viel Prozent ein Land die Elektromobilität erreicht, die Experten für das Jahr 2020 vorhersagen. Gemessen werden dabei die Nachfrage und die Produktion von Elektroautos in den zwölf größten Autonationen der Erde.

Die neueste Erhebung ist für die Autojubiläumsnation Deutschland wenig schmeichelhaft. Die hiesige Branche kommt bei der Elektromobilität im internationalen Vergleich offenkundig kaum voran, sondern hat seit Anfang 2010 sogar eher an Boden verloren. Unangefochtene Spitzenreiter sind und bleiben die USA und Frankreich. Dagegen hat Japan in den vergangenen Monaten Deutschland überholt und vom dritten auf den vierten Platz verdrängt. Rekordaufsteiger China belegt nun Platz 5.

Ändert sich im Laufe des Jahres an den Strategien der deutschen Hersteller und der Bundesregierung nichts Grundlegendes, haben Japaner und Chinesen 2011 nach Einschätzung von McKinsey beste Chancen, in das Spitzenfeld vorzustoßen. Nirgendwo auf der Welt, so die Einschätzung der Berater, hätten sich die Rahmenbedingungen für Elektromobilität in den vergangenen zwölf Monaten so verbessert wie in den beiden asiatischen Nationen.

„Keine andere Volkswirtschaft hat bei der Elektromobilität so viel zu gewinnen, oder zu verlieren wie die deutsche“, meint Christian Malorny, Direktor und Autoexperte bei McKinsey. Der neue Evi zeige, dass „ein weiteres Land Deutschland überholt“. Das Ziel der Bundesregierung, Deutschland bis 2020 zu einem Leitmarkt und Leitanbieter für Elektromobilität zu machen, sei ernsthaft in Gefahr. „Vielen in Industrie und Politik wird derzeit bewusst, dass ein Leitmarkt in dem Sinne, dass hier am meisten Elektroautos verkauft und produziert werden, bis 2020 kaum noch zu erreichen ist.“

Vor diesem Hintergrund bietet der 125. Geburtstags des Autos den deutschen Herstellern und der Politik vor allem Anlass, die bisherigen Strategien nachzujustieren. Nicht dass es den deutschen Herstellern an Ideen fehlte. Im vergangenen Jahr stellten Volkswagen, Daimler und BMW insgesamt zehn neue Elektrofahrzeug-Modelle vor, kein anderes Land hat heute einen so hohen Anteil E-Mobile an der Gesamtmodellpalette seiner Autoindustrie.

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