Elektrokonzern: Siemens steht vor neuen Einschnitten

Elektrokonzern: Siemens steht vor neuen Einschnitten

von Andreas Henry, Matthias Kamp und Michael Kroker

Die Krise hinterlässt bei Siemens immer tiefere Spuren, vor allem im Industriegeschäft. Konzernchef Peter Löscher kommt kaum um einen weiteren Jobabbau herum.

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Siemens-Chef Peter Löscher

Wenn sich Peter Löscher am morgigen Dienstag von zehn Uhr an in der Münchner Olympiahalle seiner dritten Siemens- Hauptversammlung stellt, könnte er eigentlich gelassen vor die Aktionäre treten. Auf den ersten Blick wirkt alles ziemlich positiv, was er den erwarteten 10.000 Anteilseignern zu verkünden hat.

Sie können nach jahrelangen Ermittlungen und zähen Verhandlungen endlich über den Schlussstrich unter die seit Ende 2006 gärende Schmiergeldaffäre abstimmen: Bis auf zwei Ex-Vorstände haben alle behelligten Ex-Manager einem Vergleich zugestimmt und wollen zumindest symbolisch Wiedergutmachung für den angerichteten Schaden in Höhe von rund 2,5 Milliarden Euro leisten; selbst die früheren Konzernchefs Heinrich v. Pierer und Klaus Kleinfeld zahlen Millionenbeträge. Auch die Geschäfte laufen passabel: Trotz eines leichten Umsatzrückgangs steigerte Siemens den operativen Gewinn im vergangenen Geschäftsjahr, das am 30. September 2009 endete. Im Ende Dezember abgelaufenen ersten Quartal des neuen Geschäftsjahrs hat das Unternehmen zumindest den Abwärtstrend bei den Neuaufträgen gestoppt.

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Industriegeschäft vor längerer Durststrecke

Doch bei genauerem Hinsehen kann von eitel Sonnenschein im Löscher-Reich nicht die Rede sein: Vor allem das Industriegeschäft, das für fast die Hälfte des Konzernumsatzes steht, dürfte länger schwächeln als erwartet. Auch Erwartungen, dass Aufträge aus Konjunkturpaketen in Siemens-Märkten wie etwa China oder USA den Einbruch kompensieren können, haben sich bisher nicht erfüllt.

Daher steht weiterer Personalabbau bei Siemens ganz oben auf der Tagesordnung, wie Finanzmarktbeobachter glauben. „2010 wird für Siemens viel schwieriger als das abgelaufene Geschäftsjahr, und auch 2011 wird noch schwierig bleiben“, sagt etwa Jochen Klusmann, Chef der Aktienanalyse bei der BHF-Bank in Frankfurt. „In den kommenden Quartalen schlagen die rückläufigen Aufträge bei Siemens durch“, meint Theo Kitz, Analyst beim Bankhaus Merck Finck in München. Beide sehen daher einen weiteren Stellenabbau als unumgänglich an: Kitz will sich auf keine konkrete Zahl festlegen; Klusmann erwartet, dass Siemens im laufenden Geschäftsjahr rund 18 000 Jobs weltweit streicht, davon 14 000 im Industrie- und 4000 im Energiesektor.

Hat Siemens 20.000 Leute zu viel an Bord?

Ähnliche Dimensionen befürchtet sogar ein Gewerkschafter aus dem Umfeld des Siemens-Aufsichtsrats, der ungenannt bleiben will: „Dass Siemens 20.000 Leute zu viel an Bord hat, ist keine unrealistische Schätzung.“ Seine Begründung: „Um einen Zeitraum bis 2012 oder 2013 zu überbrücken – erst dann dürfte die Industriekonjunktur wieder nennenswert anziehen –, reicht das Vehikel Kurzarbeit schlicht nicht aus“, befürchtet der IG-Metall-Mann.

Das deckt sich mit Berechnungen von Klusmann. Laut einer Studie des BHF-Bank-Analysten hat Siemens – wenn er rückläufige Aufträge, wachsenden Preisdruck und steigende Produktivität mit einbezieht – insgesamt 40.000 Leute zu viel an Bord, der größte Teil davon im Industriesektor mit seinen rund 207 000 Beschäftigten. „Siemens wird einen derart drastischen Schritt aber wohl nur dann wagen, wenn sich die wirtschaftliche Situation noch weiter verschlechtert“, sagt Klusmann. Siemens wollte mögliche Abbauzahlen nicht kommentieren.

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