EM-Einwurf: Deutsch-polnische Fußball-Historie

EM-Einwurf: Deutsch-polnische Fußball-Historie

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WirtschaftsWoche-Redakteur Hans Jakob Ginsburg

WirtschaftsWoche-Redakteur Hans Jakob Ginsburg zum EM-Spiel Deutschland gegen Polen.

Haben Sie sich auch über diese übergeschnappten nationalistischen Geschmacklosigkeiten der Warschauer Krawallblättern geärgert? Und vielleicht auch über die dämlichen Retourkutschen des deutschen Boulevardjournalismus? Oder ärgert sich der Redakteur mehr über so etwas als andere Leute, weil er sich für seinen Berufsstand schämt?

Fast immer ist es dumm und für den Leser öde, wenn Journalisten über andere Journalisten herziehen. Weshalb das hier auch nicht geschehen soll: Vor großen Fußballspielen ist Identifikation mit den eigenen Leuten angesagt, nicht Selbstgeißelung. Identifikation mit dem eigenen Haufen, die Selbstkritik kann warten bis nach dem Spiel.

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Und für Deutschland gegen Polen bei einem großen Turnier gilt das alle Male. Da müssen wir zusammen stehen.

Wie 2006 in Dortmund bei der WM: Wir in der WirtschaftsWoche fluchten erst über den blöden Termin, 9 Uhr abends am Vorabend unseres Produktionstages. Und dann fluchten wir noch mehr über die torlose Ineffizienz des deutschen Spiels: 90 Minuten drückende Überlegenheit gegen den Außenseiter, der ein paar Tage zuvor gegen Ecuador untergegangen war.

14. Juni 2006: Oliver Neuville Quelle: REUTERS

14. Juni 2006: Oliver Neuville trifft zum 1:0 gegen Polen

Bild: REUTERS

Und dann in der Nachspielzeit die wirkliche Wende dank dreier deutscher Menschen, welche die Nation retteten. Erstens spiegelt sich auf der Ehrentribüne im verzweifelten Gesicht der Nichtsportlerin Angela Merkel alles deutsche Elend.

Und gerade das spornt zweitens und drittens zwei weitere Helden der Nation zur übermenschlichen Leistung an: Nahe der Auslinie traumhafte Flanke von David Odonkor auf Oliver Neuville, noch traumhafterer Schuss und Endstand 1:0 in der 91. Minute.

Merkel jubelt stellvertretend für uns alle und neben ihr muss Polens Staatspräsident Kaczynski registrieren, dass mit der Zwillingsmacht von Dumpfnationalismus und vormoderner Taktik auf Dauer nichts zu gewinnen ist. Odonkor, der Sohn des Ghanaers, und Neuville, dessen Deutsch immer noch mehr nach Tessin klingt als nach seiner und meiner Heimatstadt Mönchengladbach, stehen nicht nur symbolisch für das neue, aufgeklärte und erfolgreiche Deutschland.

Neuville war ein Jahr alt, da haben wir schon einmal die Polen bei der Weltmeisterschaft mit 1:0 besiegt. Wirklich wir alle – zumindest wir Westdeutschen bei der einzigen WM, bei der wegen innerdeutscher Konkurrenz die Fernsehkollegen wahrhaftig vom „BRD-Team“ sprachen. Auf eigenem Platz, Sommer 1974 in Frankfurt, aber eigentlich war da kein Platz, sondern wegen unglaublicher Regengüsse eine Wasserwüste. Spielverschiebung war eigentlich eine Selbstverständlichkeit, fand aber nicht statt, zum Glück, weil bei einem Match unter normalen Bedingungen die damals wahnsinnig spielstarken Polen das nur in der Erinnerung so glänzende Helmut-Schön-Team blamiert hätten.

Aber die elf Fußwerker von Maier bis Hölzenbein konnten sich auf ein einig Volk von Unterstützern verlassen, verkörpert von Hundertschaften der Frankfurter Feuerwehr, die den Swimmingpool namens Waldstadion mühsam in ein Schlammcatch-Areal verwandelten.

Wo dann tatsächlich angepfiffen wurde, die Supertechnik des Andrzej Szarmach im Matsch scheiterte und die Torschüsse des Grzegorz Lato in Pfützen landeten, während Gerd Müller uns in Endspiel schoss – der hätte eben auch Tore geschossen, hätte er barfuß im Eisstadion antreten müssen. Und das Endspiel gegen die Niederländer war 1974 dann fast schon vor dem Anpfiff gewonnen.

Ach ja, Niederländer: Bei aller Sympathie für die wackere polnische Nationalmannschaft von heute sollte ein Trainer doch nicht Beenhakker mit Nachnamen heißen, oder? Aber Namenswitze gehören sich für uns Journalisten genau so wenig wie chauvinistische Tiraden

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