Energie: EnBW schielt auf ostdeutschen Gasmarkt

Energie: EnBW schielt auf ostdeutschen Gasmarkt

Bild vergrößern

Familienfede

Der Leipziger Versorger Verbundnetz Gas wird zum Spielball von Aktionärsinteressen. Und belegt die schier endlosen Mühen der Wiedervereinigung.

Es war wie ein Staatsakt. Im Grünen Gewölbe, im Westflügel des Dresdner Schlosses, kamen Russlands mächtigster Mann Wladimir Putin, Kanzlerin Angela Merkel sowie deutsche und russische Bergbauspezialisten in ihren Traditionsuniformen zusammen, um etwas Großes anzuschieben: das deutsch-russische Rohstoff-Forum, das „als Pendant des Management-Forums in Davos gedacht ist“, so ein stolzer Teilnehmer – und auch als Initiationsritus für ostdeutsches Regionalbewusstsein. Regelmäßig sollen Manager und Politiker zusammenkommen, um über die Energiezukunft zu diskutieren. Einer der Erfinder des Forums ist auch Klaus Ewald Holst, 65, Chef der Verbundnetz Gas (VNG) mit Sitz in Leipzig. Das Unternehmen bezog schon zu Honeckers Zeiten Erdgas aus Russland. Niemand schien Holst bisher im Gasgeschäft etwas vorzumachen.

Niemand – oder doch einer? Ein Mann namens Werner Brinker macht Holst Probleme. Die Dresdner Feierstunde ist zwei Jahre her. Andere sind wach geworden und wollen die Ossis nicht ungestört an ihrer Zukunft bauen lassen. Die VNG hält mit über 4,2 Milliarden Euro Umsatz und 1000 Beschäftigten alle Fäden bisher fest in der Hand; doch die Vision, aus Sachsen einen „Energiecluster“ (Holst) zu machen, eine vor Energie strotzende Region, droht nun rückstandslos zu verpuffen.

Anzeige

Brinker ist Chef des Energieunternehmens EWE im niedersächsischen Oldenburg, und das ist mit 48 Prozent größter Aktionär der VNG. EWE will, so Holst, den Gasversorger „feindlich übernehmen“. Zweitgrößter VNG-Aktionär sind zwölf ostdeutsche Kommunen, die zu einer Dachgesellschaft VUB zusammengeschlossen sind und mit über 25 Prozent eine Sperrminorität halten. Niemand konnte sich bisher über den Willen und die Stimmen der Oststädte hinwegsetzen. Jetzt will die EWE die Phalanx knacken. „Wir werden die Jena-Anteile 2009 übernehmen“, heißt es aus Oldenburg selbstsicher und norddeutsch-trocken.

Der EWE-Vorstoß ist ein zweischneidiges Schwert. Wenn es gelingt, die Anteile einer Kommune herauszukaufen – etwa der Stadt Jena, die EWE gerade anbaggert –, könnte ein mächtiger Energiekonzern in Deutschland entstehen. Hinter der EWE steht als ihr wichtigster Aktionär die baden-württembergische EnBW. 26 Prozent hält EnBW an dem Oldenburger Versorger und möchte nach den Worten von EnBW-Chef Hans-Peter Villis „im Gasgeschäft expandieren“. Sollten EWE, VNG und EnBW zusammenwachsen, erhöbe in Deutschland ein Konzern mit 23 Milliarden Euro Umsatz und 26.000 Mitarbeitern sein Haupt aus dem wenig von Wettbewerb angehauchten Markt, der bisher vor allem von alten Bekannten – E.On und RWE – austariert wird.

Aber: Es ginge auch ein Traum zu Bruch – der von einem mitteldeutschen Kraftpaket VNG, das die gesamte Ostregion zwischen den riesigen Gasspeichern in Mecklenburg bis zu den Versorgungszentren Berlin, Sachsen und Sachsen-Anhalt wirtschaftlich beherrscht und ihr vor allem wirtschaftliches Selbstbewusstsein gibt. Der einzige Zentralsitz eines genuin ostdeutschen Konzerns in Leipzig spielt bei dieser gefühlten Stärke die entscheidende Rolle.

Die regelmäßig tagende Konferenz der ostdeutschen Ministerpräsidenten ist von dem Oldenburger Streich nicht erbaut. Im Gegenteil: Sie hat gerade erst bekräftigt, dass die VNG nicht zu Westbesitz werden darf. Nun geht ein Ringen los, das an das Jahr null der Wiedervereinigung erinnert. 1990 war viel vom Vormarsch arroganter Westler in Sachsen die Rede. Symbolische Treuebekenntnisse-West zum Standort-Ost zerbröseln aber schnell. So ist der demonstrative Sitz der Energiebörse EEX zwar Leipzig, die Industrie denkt über Verlagerung nach Frankfurt am Main nach. Hochnäsige EEXler sehnen sich nach Bankentürmen, nicht nach Auerbachs Keller.

„Bei EWE ist Sensibilität Mangelware“, sagt ein sächsischer Stadtrat. Der kommunale VNG-Aktionärsverband klagt gegen die abtrünnige Stadt Jena. Die Sache sei rechtlich sauber, heißt es dagegen aus Jena. „Wir glauben der EWE nicht mehr“, sagt ein Sachsen-Bürgermeister trotzig.

Es deutet sich auch ein Kompromiss an. EnBW-Chef Villis, bald auch EWE-Aufsichtsrat, könnte „als Vermittler zwischen EWE und VNG aktiv werden“, sagt ein Ost-Stadtrat. Wenn das nicht klappt, wird es „Krieg zwischen Kommunen und EWE geben – keinen heißen“, sagt er beruhigend, „aber einen kalten“.

Anzeige
Unternehmer stellen sich vor
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%