Angreifbares System: Stromnetze sind leichte Beute für Terroristen

KommentarAngreifbares System: Stromnetze sind leichte Beute für Terroristen

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Je transparenter, desto unsicherer wird das Stromnetz.

von Andreas Wildhagen

Die Stromnetze sind öffentlich, Bundesnetzagentur und Betreiber machen die Knotenpunkte transparent. Dadurch werden sie anfällig für Hacker und Terroristen.

Es soll keine Panikmache sein: Aber „früher“ war angeblich nicht nur alles besser, sondern auch geheimer. Das passt heute nicht mehr in eine Welt, die transparent sein will. Und das freut auch Menschen, die mit Hilfe der Transparenz Unfug treiben können. Gelinde gesagt. Es kann aber auch Terror sein oder ein politisch motivierter Anschlag. Das Stromnetz, die Achillesferse einer Industriegesellschaft, ist heute so transparent wie eine Glasscheibe. Informationen über Strom- und Datenleitungen, die früher als streng geheim und im Kalten Krieg sogar als militärstrategisch wichtig eingestuft wurden, an die nur Meisterspione herankamen, kann sich heute jeder Sextaner über das Internet besorgen.

Schäden im Stromnetz, so banal sie auch immer sein können, sind in der Lage, sich über ganz Europa und darüber hinaus auszubreiten und die Industriegesellschaften für eine Zeit lahm zu legen. Das macht das Stromnetz nach Ansicht von Sicherheitsexperten in den Landeskriminalämtern so interessant für Terroristen und solche, die es werden wollen. Wie anfällig das Stromnetz in Europa ist, zeigte eine fast alltäglich erscheinende Begebenheit aus dem Jahr 2006. E.On schaltete damals eine Hochspannungsleitung über der Ems ab, damit ein auf der Meyer Werft in Papenburg gebauter Kreuzfahrtliner sicher passieren konnte. Es war ein nur ein kleiner Rechenfehler des Betriebspersonals: Als plötzlich 10.000 Megawatt, das ist die Leistung von zehn Atomkraftwerken, in den Leitungen fehlte, pflanzte sich der Blackout unkontrolliert in Richtung Süden weiter und legte Teile von Paris und Mailand lahm. Zehn Millionen Menschen saßen zeitweise im Dunklen.

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Die Energie-Infrastruktur ist nicht geschützt, sagen jetzt die Experten des Zentrums für Europäische Wirtschafsforschung (ZEW). Das Handelsblatt berichtet heute, dass 200 Experten vom ZEW zwei mal im Jahr zu den Entwicklungen auf den Energiemärkten befragt werden und zu diesem niederschmetternden Votum kamen. Das Problem bei den Energienetzen greift jedoch weiter, als es die ZEW-Befragung erahnen lässt.

In früheren Zeiten, vor der Liberalisierung der Energiemärkte im Jahr 1998, waren die Leitungen in Deutschland entweder in staatlicher Hand oder gehörten Energieunternehmen, die mehr oder weniger staatlich oder wenigstens kommunal kontrolliert wurden. Bis dahin konnten aufwändig Redundanzen in die Stromleitungen eingebaut werden, das ist bei privaten Unternehmen, die Aktionären gehören und die auf jeden Cent achtgeben müssen, nicht mehr möglich. Der Bund ist also beim Schutz kritischer Infrastruktur auf die Zusammenarbeit mit den privaten Unternehmen angewiesen. Seit der Privatisierung der Netze ist es den Behörden, Polizei, Bundeskriminalamt, Landeskriminalämtern und Staatsschutz immer schwer möglich, ihre Sicherheitsanforderungen an die Betreiber heranzutragen.

Die höchste Verwundbarkeit zeigen die Energienetze in den Nebenleitungen, den Netzverteilern und Knoten sowie in den Leitzentralen. Hier sitzen die Ingenieure, die für die Kontrolle der Spannung und der Frequenzregelung zuständig sind, die Kraftwerke an- und abstellen können und die den Überblick über die Netzspannung haben. Diese Leitzentralen sind mit Adresse und Hausnummer im Internet leicht herausfindbar, Google-Map führt den Interessierte direkt dorthin.

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Zum Beispiel in die Gutenbergstraße in Brauweiler bei Köln. Dort befindet sich das nach außen hin als „Logistik-Zentrum RWE“ getarnte Anwesen, in dem sich die Leitzentrale nicht für RWE, sondern für das gesamte deutsche Stromnetz befindet. Es werden sogar Führungen im Internet angeboten. Dennoch ist, und das ist ein gewisser Widerspruch, der Steuerungssaal dieser „Hauptschaltleitung Brauweiler“, wie es im Technikerdeutsch heißt, mit Panzertüren gesichert, durch die der Besucher allerdings durchschreiten kann, sofern er sich vorher anmeldet. Da nützen auch die elektronischen Mehrfachbarrieren nichts. Von der „Systemplanung“ dieses Logistikzentrums wird die Systembilanz für ganz Deutschland kontrolliert und gesteuert. Zu den Aufgaben der Ingenieure an den Pulten gehört es, den Stromverbund im nördlichen Teil Europas zu koordinieren und auch Südosteuropa im Auge zu behalten. Stromflüsse, nicht nur in Deutschland, sondern in Frankreich, Belgien, Dänemark, Niederlande und Tschechien werden hier beobachtet und gesteuert.

Ein Ausfall von Brauweiler würde einen flächendeckenden Stromausfall in halb Europa zur Folge haben, schätzt ein Sicherheitsexperte. Das Problem ist zumindest in Berlin an höchster Stelle erkannt worden. Im Planungsstab des Verteidigungsministeriums sitzt seit kurzem auch ein Experte für Stromleitungen und Energiesicherheit.

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