Energiekonzept: Erneuerbare Energien im Realitätscheck

Energiekonzept: Erneuerbare Energien im Realitätscheck

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Sigmar Gabriel (SPD) sieht sich das solarthermische Versuchskraftwerk Jülich an. Das Besondere daran ist, dass viele hundert Spiegel auf dem Boden das Sonnenlicht auf die Spitze eines Solarturms reflektieren. Durch diese Lichtkonzentration wird ein höherer Wirkungsgrad bei der Stromerzeugung erzielt.

von Sebastian Matthes und Dieter Dürand

Ab 2050 soll sich Deutschland zu 80 Prozent mit Ökostrom versorgen. Kann der neue Plan der Bundesregierung funktionieren und welche Folgen hat das Energiekonzept?

Es geht hoch her vor dem Infozentrum des Örtchens Morbach auf den Höhen des Hunsrücks. Busse kommen neben dem einstöckigen, gelb-terrakotta-farbenen Gebäude zum Stehen und laden Schulklassen und Touristen ab. Weit mehr als 20 000 Besucher haben sich schon angesehen, wie sich die 11 000-Seelen-Gemeinde bei Trier weitgehend autark mit Strom und Wärme versorgt. „Sogar Amerikaner, Australier und Japaner interessieren sich dafür“, staunt Michael Grehl, der Energiebeauftragte der Kommune.

Sie bekommen viel zu sehen. 14 Windräder drehen sich auf einem ehemaligen Munitionsdepot der US-Armee am Rande des kleinen Ortes. Solarmodule so groß wie ein Fußballfeld fangen Sonnenlicht ein. Und ein Biogaskraftwerk verwandelt rund um die Uhr landwirtschaftliche Abfälle in Strom. Mit dieser Ausstattung produzieren die Morbacher drei Mal so viel Elektrizität, wie sie brauchen – 50 Millionen Kilowattstunden (kWh) pro Jahr. Und bald sollen es noch mehr sein.

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Ist Merkels „Energie-Revolution“ realistisch?

Eine weitere Fotovoltaikanlage befindet sich im Bau, und ein zweiter Windpark ist geplant. Sind diese Anlagen am Netz, will die Gemeinde auch sämtliche Betriebe mit selbst produziertem Ökostrom beliefern. Dann wäre die Energie-Autarkie perfekt.

Umweltaktivisten stilisieren Gemeinden wie Morbach zum Vorbild. Schon bald, so hoffen sie, werde sich ganz Deutschland aus regenerativen Quellen mit Strom versorgen können. Doch längst sind es nicht mehr nur grüne Träumer, die solche Ansätze interessiert verfolgen. Auch Unternehmen wie der Technologiekonzern Siemens, der Handels- und Touristikriese Rewe und sogar Atomstromanbieter E.On rechnen damit, dass unser Strom künftig weitgehend aus grünen Quellen stammen könnte.

Dem schließt sich nun auch die Bundesregierung an: 80 Prozent, so das im neuen Energiekonzept formulierte Ziel, sollen Sonne, Wind und Biomasse im Jahr 2050 zur Stromversorgung beitragen. Das wäre ein Riesenschritt. Denn zurzeit liegt der Anteil der Erneuerbaren noch bei 16 Prozent.

Die zugleich beschlossene Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke soll diese grüne Stromzukunft nicht aufhalten, sondern den Übergang stabiler machen. Denn schon in zehn Jahren soll der Ökostrom in Deutschland seinen Anteil am Strommix auf 35 Prozent verdoppeln.

Was bei all den Zahlen oft übersehen wird: Eine Umstellung auf eine überwiegend grüne Stromversorgung würde einen totalen Umbau der Energielandschaft bedeuten – von der Leitungstechnik bis zu neuen Stromzählern für Konsumenten.

Was also bedeutet Merkels „Energie-Revolution“ wirklich? Ist sie eine realistische Perspektive? Oder entspringt sie grünen Träumen? Und angenommen, es wäre machbar: Welchen Preis hätte das Land dafür zu zahlen, wenn große Teile der Republik mit Windrädern oder Fotovoltaikspiegeln vollgestellt würden?

Auf jeden Fall würde eine Branche auf den Kopf gestellt, die Lebensgrundlage für die Industrie und Garant für Deutschlands Leistungsfähigkeit ist.

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