Energiewende: Der wirtschaftliche Schaden eines schnellen Atomausstiegs

Energiewende: Der wirtschaftliche Schaden eines schnellen Atomausstiegs

Zwei Cent mehr pro Kilowattstunde für Bürger und Betriebe klingt nicht furchterregend. Doch die Berechnungen sind wackelig. Klar ist: Der volkswirtschaftliche Schaden eines kurzfristigen Ausstiegs aus der Kernkraft ist viel höher.

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Windräder

Er wusste selbst nicht ganz genau, welche Rolle er spielen sollte: War er Zeuge, Sachverständiger – oder gar Angeklagter? Sieben Minuten Zeit hatte E.On-Chef Johannes Teyssen in der vergangenen Woche, um seine Bedenken gegen einen zu schnellen Ausstieg aus der Kernenergie vorzutragen. Sieben Minuten für eine Entscheidung, die seine Planung für zwei Dekaden umstürzen wird. Vorgeladen hatte ihn die Ethikkommission, das von der Bundesregierung eingesetzte Gewissensgremium der deutschen Energiepolitik. Rund zehn Stunden lang befragte und debattierte die Runde, live übertragen im Fernsehsender Phoenix.

Entsprechend beschränkte sich der Unternehmensführer Teyssen auf ethische Aspekte: Als Vater von vier Kindern wäge er die Risiken sehr genau ab – schließlich wohne seine Familie nur 20 Kilometer von einem Atommeiler entfernt. Dem nuklearen Risiko stünden andere Gefahren gegenüber, beispielsweise durch den Klimawandel. Noch niemand habe ihm in der Energieversorgung einen „Königsweg ohne ethische Folgen“ zeigen können. Und schließlich warnte er, den Atomverzicht mit dem Import von Kernkraftstrom aus dem Ausland zu erkaufen – einen „Export ethischer Probleme“ dürfe sich Deutschland nicht leisten.

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Kommissionsmitglied Ulrich Beck, Soziologe und Risikoforscher, erschreckt von den Ereignissen in „Fukujama“ (statt Fukushima), stachelte das auf, den Energiemanager moralfrei ehrabschneidend anzugehen: „Wie konnten Sie als verantwortungsvoller Vater und verantwortungsvoller Investor nach Tschernobyl so bedenkenlos in die Atomenergie investieren?“ Was der Ethikkommissar in seiner Empörung übersehen hatte: Als der ukrainische Reaktor 1986 explodierte, waren 14 der 17 heutigen deutschen Kernkraftwerke bereits fertig gestellt, die übrigen drei kurz davor. Und Jungjurist Teyssen (Jahrgang 1959) bereitete sich gerade auf sein Referendariat am Oberlandesgericht in Celle vor. Im Interview mit der WirtschaftsWoche macht der Manager klar: „Es geht in der Debatte auch um Verantwortungsethik für Arbeitsplätze“.

Fabulieren ersetzt Fakten, Kalkül tritt an die Stelle von Kalkulation. Wie hoch die Kosten eines schnellen Ausstiegs aus der Kernenergie sein werden – und vor allem: wer sie zu tragen hat –, kommt in der Debatte nur in Ausschnitten vor. Aber je stärker Politik und Gesellschaft auf einen Hauruck-Ausstieg aus der Kernenergie drängen, desto deutlicher wird: Wind und Sonne schicken sehr wohl eine Rechnung.

Zwar kommt die Energie aus der Luftbewegung oder der solaren Strahlung tatsächlich kostenlos auf der Erde an – die Anlagen, um die Naturkräfte einzufangen, erfordern jedoch erhebliche Investitionen. Je früher die natürlichen Ressourcen die Versorgung von Haushalten und Fabriken übernehmen sollen, desto schneller sind auch die Investitionen fällig.

Diese Milliardensummen schlagen für Bürger wie Betriebe auf den Preis der Kilowattstunde durch. Die Steuereinnahmen des Staates ändern sich, seine Ausgaben für Subventionen könnten steigen. Kernkraftbetreiber verlieren ihre nuklearen Goldesel, volkswirtschaftliches Vermögen wird vernichtet – aber auch neues Wachstum entsteht.

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