Energiewende: Die letzte Schlacht der Stromkonzerne

Energiewende: Die letzte Schlacht der Stromkonzerne

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Obwohl sich E.On-Chef Teyssen erst gegen Kleinstkraftwerke aussprach, treibt er nun seine Leute an, Geschäfte mit den "Schwarzbrennern" zu machen

von Andreas Wildhagen und Mario Brück

Nach drei Jahren Energiewende entdecken die großen Versorger neue Geschäftsfelder wie Minikraftwerke und Energieberatung. Der Schritt entspringt schierer Verzweiflung - viel anderes bleibt den Giganten aber nicht.

Wenn Uli Huener nach der Zukunft sucht, tut er das nicht am Konzernsitz in Karlsruhe. Dann jettet der Chef des neuen Ressorts Innovationsmanagement beim baden-württembergischen Stromerzeuger EnBW um den halben Globus ins kalifornische Silicon Valley. Dort, wo die Wiege der Internet-Giganten Google und Facebook stand, hofft der 57-Jährige auf die große Eingebung, wie EnBW statt mit Großkraftwerken und Atommeilern künftig Geld verdienen kann.

„Es ist spannend, wie dort drüben über neue Angebote diskutiert wird, wie Kunden rund um ihren reinen Energiebedarf mit Dienstleistungen versorgt werden können“, sagt Huener, frisch aus dem amerikanischen Start-up-Mekka zurück am beschaulichen Oberrhein.

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Raus aus der Schockstarre

Aus dem Munde des früheren Deutschen- Telekom-Managers spricht doppelter Mut – der Mut des Zuversichtlichen wie der Mut des Verzweifelten. Seit Monaten wird Huener von EnBW-Chef Frank Mastiaux in alle Welt geschickt, um neue Geschäftsmodelle für die Zeit zu finden, wenn 2022 das letzte der einst vier Atomkraftwerksblöcke der Südwestdeutschen vom Netz muss. Doch der große Wurf ist dabei noch nicht herausgekommen, stattdessen regiert das Prinzip Hoffnung. „Wir brauchen neue Anstöße, die wir nicht nur vor unserer Haustür finden, um aus der Enge des alteingessenen Versorgerdenkens herauszukommen“, heißt es wortreich aus dem Konzern.

Energiewende-Monitoring Noch ist kein Grün in Sicht

Höhere Stromkosten für private Haushalte sowie stark gestiegene CO2-Emissionen drücken die bisherige Bilanz der Energiewende.

Blitze über Windrädern in Niedersachsen Quelle: dpa

Hueners schwierige Mission könnte genauso oder ähnlich für die drei anderen Stromgiganten in Deutschland – E.On, RWE und Vattenfall – gelten. Seit die schwarz-gelbe Koalition vor fast genau drei Jahren das Atom-Aus bis 2022 beschloss und immer mehr vorrangberechtigter Ökostrom die fossilen Meiler bedroht, ist bei dem Quartett eine Umwälzung historischen Ausmaßes angelaufen. Im Übergang zum vierten Jahr der Energiewende, nach Schockstarre und gigantischen Abschreibungen auf den Kraftwerkspark, blasen die Konzernchefs nun zur Jagd auf neue Geschäftsfelder und Kunden.

Ob Marktführer E.On in Düsseldorf, der Branchenzweite RWE in Essen oder EnBW, die Richtung für die kommenden Jahre steht mehr oder weniger fest: der Einstieg in die dezentrale Energieversorgung, vom Gewerbe bis zur Wohnsiedlung, dazu Dienstleistungen zur effizienteren Energienutzung.

-Am weitesten prescht derzeit E.On vor. Konzernchef Johannes Teyssen hat erfolgreich begonnen, Minikraftwerke für Unternehmen und Beratung für Energieeffizienz ins Angebot zu nehmen, obwohl er anfangs dagegen war.

-RWE-Chef Peter Terium arbeitet am Aufbau virtueller Kraftwerke, indem er mittelständische Kunden miteinander vernetzt und ihnen so Strom sparen hilft.

-Und EnBW-Chef Mastiaux will mit Langzeit-Dienstleistungsverträgen ebenfalls mittelständische Unternehmen, aber auch Städte und Kommunen an sich binden.

-Der schwedische Staatskonzern Vattenfall, der in Ostdeutschland mit Braunkohleverstromung vertreten ist, mischt beim Geschäft mit dezentraler Energieerzeugung auch mit, hängt aber noch alten Atomtagen nach. So verweist der Konzern beim Thema Energieeffizienz immer noch stolz auf seinen schonenden Umgang mit Kühlwasser für AKWs.

Jenseits solchen Selbstlobs ist der Schwenk zu neuem Geschäft unübersehbar. Ob das aber jemals so viel einbringt, dass die Konzerne ihre alte Größe behalten können, ist die große Unbekannte. Zum einen haben die neuen Geschäftsfelder mit dem bisherigen Verkauf von Strom an Stadtwerke oder Großunternehmen so wenig zu tun wie eine Kraftwerksturbine mit dem Fahrraddynamo. Zum andern ist der Weg für die Stromkonzerne noch weit, auf diesem Feld Fuß zu fassen.

So werden in der Studie „Geschäftsmodell Energiewende“ des Fraunhofer-Instituts IWES vom Januar 2014 die einst kraftstrotzenden Stromkonzerne keines Wortes gewürdigt. Schließlich gibt es immer mehr Selbsterzeuger, die an den Versorgern vorbei ihren eigenen Strom produzieren.

Was da für die Konzerne übrig bleibt, ist völlig offen. Sicher ist nur: Für die großen vier gleicht die Hinwendung zu den neuen kleinteiligen Geschäften einer Verzweiflungstat, ohne die sie aber erst recht chancenlos wären.

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2 Kommentare zu Energiewende: Die letzte Schlacht der Stromkonzerne

  • Das örtliche Handwerk "darf" die Geräte dann noch für Brosamen einbauen - der Gewinn bleibt beim Stromriesen. Glaube ja keiner, dass der Endkunde hiervon etwas hat! Die Contracting-Verträge sind zum Vorteil des Anbieters gestaltet. Politische Planungen wie z.B. in Baden-Württemberg "helfen" zusätzlich, über Beteiligungen an örtlichen Stadtwerken bzw. Ausdehnung deren Betätigung in privatwirtschaftliche Bereiche u.a. dem örtlichen Handwerk das Leben schwer zu machen. Im Gegensatz zum Handwerker jedoch ohne betriebswirtschaftliches Risiko!

  • Noch sind Stromkonzerne auf Abstand zu allem was nicht von ihnen selbst stammt. Ihre Zeit ist aber abgelaufen und die der hilfreichen Politiker (am gleichen Tisch), gleich mit. Mitleid ist nicht angebracht, aber dazu hatten die Wände in den heiligen Hallen auch selbst noch nie Kontakt. Statt jetzt (schon der Mitarbeiter wegen) Chancen zu nutzen für die man sich (als es noch einfach möglich war), zu schade war, wird nun auf ein besseres Blatt gehofft, um wenigstens noch im Poker um die verdienten, letzten Plätze, erfolgreich zu sein.

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