Klimaschutz: Wie der Klimawandel politisch ausgeweidet wird

Klimaschutz: Wie der Klimawandel politisch ausgeweidet wird

von Dieter Schnaas

WirtschaftsWoche-Chefreporter Dieter Schnaas über die politische Ausbeutung des "Klimawandels" und über die törichte Panikproduktion der Kimabewusstseinsindustrie.

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Braunkohlekraftwerk: Der Klimawandel als modernes Gottesgericht?

Um die Wahrheit über den „Klimawandel“ zu erfahren, braucht es nicht die neuen Bücher von Al Gore, der die Wahrheit immer schon kennt und gepachtet hat, sondern die alten von Michel Foucault, der danach fragt, wie „Wahrheit“ entsteht und sich durchsetzt. Der französische Philosoph glaubte viel „zu sehr an die Wahrheit“, um „nicht anzunehmen, dass es verschiedene Wahrheiten“ gibt. Er hat die Sprache bereits in den Sechzigerjahren als Kampf um Deutung und als Ausdruck der Machtausübung verstanden. Für ihn, den großen Skeptiker der „Wahrheit“ , wäre die Rede vom „Klimawandel“ eine Art Regierungstechnik gewesen. Das Produkt eines zugleich kontrollierten und kanalisierten Diskurses. Eine soziale Konstruktion, die eine bestimmte gesellschaftliche „Wahrheit“ strukturiert – und die die Kraft hat, „Wahrheit“ zu erzeugen.

Der amerikanische Politiker und Prophet Al Gore hingegen glaubt nur an die eine, seine, apostolische „Wahrheit“ des Klimawandels, an die Heiligkeit der göttlichen Schöpfung, durch deren Schaffung, Schönheit und Schutz hindurch er selbst, der Herr, Al Gore, sich an die Menschheit wendet, um sie mit der Verheißung einer karbonfreien Welt vor all den biblischen Plagen der Klima-Apokalypse zu bewahren, vor Hunger, Elend, Leid und Sintflut.

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Für ihn, den großen Rufer, ist der „Klimawandel“ das Harmagedon: die Entscheidungsschlacht im Kampf um den paradiesisch blauen Planeten. Ein Gottesgericht, vor das er die Menschheit zerrt, um sie in ängstlicher Erwartung des Untergangs Demut und Reue zu lehren und in Buß- und Erlösungsbereitschaft zu versetzen. Ein pseudosakrales Tribunal, vor dem wir zu Verzicht und Umkehr angehalten werden – und in dem selbstverständlich Al Gore selbst als Gottes irdischer Reichsverweser zugleich den vorurteilenden Vorsitz führt: „Ich habe euch Leben und Tod, Segen und Fluch vorgelegt“, steht es geschrieben im dritten Buch Gore, im fünften Buch Mose: „Damit du das Leben erwählst und am Leben bleibst...“

Einfluss des Menschen ist unklar

Im Gegensatz zu Al Gore hätte Michel Foucault die täglich neuen Daten der modernen Naturwissenschaften nur gesichtet und geordnet – jedenfalls nicht alarmistisch ausgebeutet. Diese Daten liegen unbezweifelt auf dem Tisch: Seit mindestens 1300 Jahren ist es auf der Nordhalbkugel nicht mehr so warm gewesen wie heute. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts hat sich das Weltklima um 0,74 Grad Celsius aufgeheizt. Seit 1850 wurden vom Menschen 1280 Milliarden Tonnen CO2 freigesetzt, mehr als die Hälfte davon seit 1970. Seit 1970 wiederum ist der Meeresspiegel um 20 Zentimeter gestiegen – und der Anstieg beschleunigt sich, liegt bei aktuell 3,3 Millimeter pro Jahr. Keine Frage, es gibt ihn, den Klimawandel.

Das Problem ist, dass wir nicht wissen, ob es einen „anthropogenen Treibhauseffekt“ gibt, also einen signifikanten Einfluss des Menschen auf das Klima. Selbst in seinem jüngsten Bericht aus dem Jahre 2007 kommt der Weltklimarat zu dem etwas vagen Schluss, dass „sehr wahrscheinlich“ der Anstieg der menschlichen Emissionen „das meiste“ zum Temperaturanstieg beiträgt. Tatsache ist: Die Forschung führt seit Jahren einen zunehmend erfolgreichen Indizienprozess gegen den Klimasünder Mensch, und selbstverständlich, ja: Das Material ist belastend, alle Anzeichen deuten auf die Schwere unserer Schuld. Anlass genug, den Klimawandel in aller Strenge wissenschaftlich und politisch zu bearbeiten – so, wie es ja geschieht. Aber auch Anlass genug, ständig die apokalyptischen Reiter anzurufen, um sie als Boten des nahenden Untergangs durch die Arenen der Weltinnenpolitik galoppieren zu lassen?

Die Wissenschaft hat diese Frage früh und energisch bejaht – obwohl sie gewissermaßen definitorisch im Nebel stochert. Eben weil die Klimaforschung auf der modellhaften Abbildung von Klimasystemen beruht, kann sie in ihren Projektionen nicht alle Variablen einrechnen. Die Folge ist, dass die Wissenschaft die von ihr erwarteten Ergebnisse in spekulative Konditionalsätze kleiden muss: Wenn wir die CO2-Emissionen nicht bis Zweitausend-Irgendwann und/oder um soundsoviel Prozent senken, steigen der Meeresspiegel um 18 bis 59 Zentimeter und die globale Temperatur um 2,4 bis 6,4 Grad Celsius an – was wiederum bedeuten könnte, dass es 2020 keine Gletscher mehr in Südamerika, 2050 kein Eis mehr am Nordpol, 2080 keinen Weizenanbau mehr in Afrika gibt – wobei zwischenzeitlich vielleicht 400 Millionen Menschen an Malaria erkranken und 600 Millionen unter Umständen von Unterernährung bedroht sind.

Anstatt nun öffentlich anzuerkennen, dass die Bearbeitung von unsicherem Wissen ein notwendiger Teil der modernen Wissenschaft ist, haben die Klimaforscher aus Sorge um ihre Glaubwürdigkeit genau diese verspielt. Zu viele Wissenschaftler haben die Erfahrung gemacht, dass Angstkommunikation die öffentliche Wahrnehmung steigert; zu viele sind der Versuchung der medialen Selbstpositionierung erlegen – und haben dabei zu schnell gelernt, dass sie vor allem als Produzenten schneidig vorgetragener Gewissheiten nachgefragt werden. Hinzu kommt, dass im Windschatten der Wissenschaft, in Beraterfirmen, Wirtschaftsinstituten, Umweltverbänden eine wild wuchernde Klimabewusstseinsindustrie entstanden ist, die sich ihr Wachstum im Wege der permanenten Eskalation der „Klimakatastrophe“ erhält. Sie wirft immer neue Informationsprodukte auf den Markt und schafft sich mit immer neuen Gutachten ihre eigene gutachterliche Nachfrage.

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